Bobby - Sie alle hatten einen Traum

Emilio Estevez hat ein zeitgeschichtliches Sittenbild der späten sechziger Jahre in den Mikrokosmos eines Hotels gelegt. Die teilweise banale Handlung rund um den Tag der Ermordung von Robert Kennedy schafft es aber - trotz einiger Kabinettstückchen - nicht, die politische Vision zu fassen. Das gelingt erst mit einem fulminanten Schluss.

Bobby - Sie alle hatten einen Traum

Es gibt Filme, die will man mögen. Weil das Thema - Bobby Kennedy und die Aufbruchstimmung der späten sechziger Jahre - interessant ist, weil viele gute Schauspieler dabei sind oder einfach, weil das alles auf der Leinwand wirklich gut aussieht: von den schmalen Krawatten der jungen Kennedy-Wahlhelfer über das edle Mobiliar im Luxushotel bis zu dem gequälten Gesichtsausdruck von William H. Macy. Umso tragischer ist es, wenn all die vielen schönen Teile sich nicht zu einem Ganzen fügen wollen.

So ein Film ist Bobby - Sie alle hatten einen Traum (Bobby), eine Art Multipersonen-Stück über den Tag der Ermordung von Senator Robert Kennedy, der Hoffnung der Demokraten auf die Präsidentschaft, am 4. Juni 1968. Im Ambassador Hotel in Los Angeles, dem Ort des Attentats, verfolgt Regisseur und Autor Emilio Estevez die Schicksale von nahezu zwei Dutzend Menschen, bis am Abend die Schüsse fallen. Dafür bietet Estevez ein Starensemble auf, wie es in den siebziger Jahren gern in Katastrophenfilmen eingesetzt wurde. Da ist Sharon Stone als Leiterin des hoteleigenen Friseursalons, da ist Anthony Hopkins als ehemaliger Portier, da sind Helen Hunt und Martin Sheen als Ehepaar, da ist Christian Slater als rassistischer Küchenchef, um nur einige zu nennen.

Bobby - Sie alle hatten einen Traum

Der Multi-Plot des Films ist nicht so elegant inszeniert wie bei Robert Altman (Gosford Park, 2001) und es mangelt ihm an der scharfen gesellschaftskritischen Analyse eines Jean Renoir (Die Spielregel, La règle du jeu, 1939). Mit beiden genannten Filmen hat Bobby die Verbindung von unten und oben gemein, also die Darstellung einer oberen Luxuswelt parallel zu einer unteren Welt der Dienstboten. Schauplatz für Letzteres ist die Hotelküche, wo der mexikanischer Hilfskoch Jose (Freddy Rodriguez) vom schwarzen Maitre (Laurence Fishburne) Lektionen in Sachen Kampf für die Bürgerrechte erhält.

Bobby - Sie alle hatten einen Traum

Wenn die Kamera Jose beim Gang in die Küche über die Schulter schaut und in einer langen Steady-Cam-Fahrt die Räumlichkeiten erkundet, täuscht Estevez eine Dynamik vor, die der Film selbst nicht hat. Mit Legenden wie Anthony Hopkins und Harry Belafonte weiß er nicht mehr anzufangen, als sie fast die ganze Zeit in der Hotellobby sitzen zu lassen, um über das Alter zu reden. Und die Episode - man muss wirklich von Episoden sprechen, weil die einzelnen Geschichten kaum zusammenhängen - mit Sharon Stone und William H. Macy ist nicht mehr als eine auch in Seifenopern übliche Ehekrise. Andere Szenen greifen immerhin zeittypische Probleme wie den Vietnamkrieg (Lindsay Lohan und Elijah Wood) oder die erst wenige Monate zurückliegende Ermordung Martin Luther Kings auf.

Aber dann gibt es einzelne Momente, für die allein es sich lohnt, den Film anzusehen. Eine solche ist das Kammerspiel zwischen Demi Moore als so glamouröse wie alkoholabhängige und nicht mehr ganz junge Sängerin und Sharon Stone, die ihr vor dem Bühnenauftritt die Haare macht. Die beiden Frauen liefern sich ein kleines Gefecht zwischen Selbstekel auf der einen und lebenspraktischer Willenskraft auf der anderen Seite, wie es nur zwei ehemalige Diven können.

Bobby - Sie alle hatten einen Traum

Ganz am Schluss erreicht der Film dann die Stärke, die man ihm schon von Anfang an gewünscht hat. Die Szene vom Anschlag auf den Senator unterlegt Estevez aus dem Off mit der Original-Rede Kennedys vom 5. April 1968, dem Tag nach der Ermordung Martin Luther Kings. Minutenlang ist die Stimme Kennedys zu hören, der über die „sinnlose Plage der Gewalt“ („mindless menace of violence“) spricht, und zusammen mit den Bildern der sinnlosen Gewalt, die gerade auf der Leinwand ihm selbst angetan wird, entsteht ein kraftvoller Appell, der bis in das heutige Amerika unter George W. Bush reicht. Das letzte Bild schließlich zeigt die amerikanische Flagge, die aber hier nicht - wie in so vielen anderen vermeintlich patriotischen Filmen - affirmativ gebraucht wird, sondern für das steht, was hätte werden können - wenn nicht vor fast vierzig Jahren die vielen Träume von einer besseren Welt zerplatzt wären.

Kommentare


matthias s.

Leider nicht Perfekt, aber durchaus sehenswert!!

Emilio Estevez schafft es nicht, trotz beachtlichem Cast, einen durch und durch spannenden Film auf die Beine zu stellen.
Im großen und ganzen handelt es sich hier um einen sehnswerten Film, der vorallem durch seine Vielzahl an bekannten Schauspielern besticht, aber im Ganzen betrachtet, streckenweise oft auch langatmig und einschläfernd wirkt!
Erst gegen Ende, auch mit Hilfe von Dokumentaraufnahmen wirkungsrelevant in Szene gesetzt, wird die Person Robert Kennedy für den Zuschauer in den Mittelpunkt gerückt. Leider viel zu spät, dafür aber umso eindrucksvoller!!






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