Blutgletscher

Alpenglühen in Tiefrot. Marvin Krens rasante Menschenhatz zeigt aufgeplustertem Genrekino die kalte Schulter.

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Einige wenige Male darf man den Blick ruhen lassen auf der gleichermaßen betörenden wie beängstigenden, mythisch aufgeladenen Gebirgslandschaft von Marvin Krens Blutgletscher. Doch plötzlich: Bodyhorror im Bergidyll. Ein Forschungsteam und dessen bärbeißiger Stationshüter Janek (Gerhard Liebmann) stoßen in den österreichischen Alpen auf blutrotes Gletschergestein, das einen aggressiven, parasitären Organismus birgt. Bald legen sich blau-graue Filter über die Höhenzüge, Nebel dominiert Szenen von heranbrechendem Unheil. Nachdem schon Andreas Prochaska das Setting für seine Slasher-Reihe In 3 Tagen bist du tot (2006 – 2008) und die Westerngeschichte Das finstere Tal (2013) fruchtbar machte, situiert nun auch Kren seinen Monsterfilm in der schroffen Schönheit des Massivs. Somit wäre das obligatorische Kampffeld schon einmal abgesteckt. Bleibt die Frage, welche Stellung Krens alpines Grauen in der aktuellen Horrorfilmlandschaft einnimmt.

Wider der Ambivalenz

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Der Grundriss besteht aus einer kleinen Forschungsstation jenseits der Zivilisation, einer wildwüchsigen Fauna, der nach Blut dürstet und einer Handvoll gewöhnlicher Charaktere, ganz den Maßgaben des Genres getreu. Die Figuren werden schnell transparent und legen ihre Funktionalität offen. An allem Anfang steht der grimmige Antiheld, es folgt ein Gegenpart, der sich am Ende gegen seine Mitstreiter wendet, und schließlich ist da die manchmal hysterische, aber überaus pragmatische Klimaschutzministerin, die etwas auflockernden Humor in den Film sickern lässt. Keine Täuschungen, keine Finten, nichts, was wir nicht schon gesehen hätten.

Mit Rezeptionshaltungen haben Horrorfilme wie Scream (1996) oder Thriller wie Die üblichen Verdächtigen (The Usual Suspects, 1995) ja schon ordentlich jongliert. Wie oft dies in ihrer Folge durchexerziert wurde, ist gar nicht mehr zu zählen. Man darf gar behaupten, die Verkehrung klassischer Erwartungen sei der neue Standard. An einer derartigen manipulativen Vorgehensweise zeigt Blutgletscher nicht das geringste Interesse. Krens Horror, wie es schon sein Debüt Rammbock (2010) vorgemacht hat, macht sich nichts aus Ambivalenzen und Mehrdeutigkeiten, sondern gibt aufrichtig und unverhohlen sein Faible für klassische Konstruktionen preis.

Frappierende Archaik

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Aber warum auch Erwartungen auf den Kopf stellen, wenn der Film langsam, aber sicher solides Handwerk und ein Gespür für Spannungsbögen an den Tag legt? Die Zahnrädchen der Erzählmechanik rattern stets gut geölt durch das dramaturgische Getriebe. Fokussiert steigert Kren den Terror, narrative Ausbrüche gibt es kaum. Das Liebesverhältnis zwischen Janek und Klimaforscherin Tanja (Edita Malovčić) etwa wird en passant mit wenigen Blicken und Gesten verständlich gemacht, mit äußerst kurz gehaltenen Floskeln und Streitereien.

Und was haben uns nochmal Vertreter wie Cloverfield (2008) oder die [Rec]-Filme (2007-2012) gelehrt? Dass der Horror von heute selten umhin kommt, sich mit der Ästhetik zeitgenössischer Bildmedien zu verketten. In Blutgletscher hingegen dienen solche Zwischenschaltungen weder als Erzählinstanz noch als formales Brimborium. Krens Menschenjagd ist ein prä-digitales Grauen ohne mediale Verstärkung, ohne Handy-, Helm- und Überwachungskamera. Einziges kommunikationstechnologisches Artefakt ist der altmodische Satellitenfunk, und selbst der wird letztlich entsorgt. Diese Rückbesinnung ist beinahe frappierend. Blutgletscher besticht mit einer nur noch selten anzutreffenden Archaik: der Mensch mit sich selbst allein, die Berge und blutrünstiges Getier, das sich – sei dies auch dem Budget geschuldet – ebenfalls (fast) ausschließlich nicht-digital getrickst durch die Körper der Opfer bohrt. Nur Naturgewalten.

Suche nach dem doppelten Boden

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Diese Vorherrschaft des Analogen lässt den filmgeschichtlichen Bezugspunkt von Blutgletscher umso evidenter werden. Auch wenn sich Kren stark auf seine Erzählung konzentriert, sind gewisse Zitationen nicht von der Hand zu weisen. Zu furchtlos blickt er dem Trash ins Auge, zu augenscheinlich ist der Verweis auf Das Ding aus einer anderen Welt (The Thing, 1982), der in einer offenkundigen Kurt-Russell-Mimikry gipfelt. Aber gerade diese Überdeutlichkeit in der ansonsten vorwiegenden Ernsthaftigkeit und Düsternis lässt die Anspielung zu einer Persiflage werden, die vollkommen nonchalant nebenherläuft. Krens unprätentiöses Metaspielchen ist so weder unabdingbare Prämisse noch selbstgefälliger Überguss dieses Films, der vorrangig darauf bedacht ist, die Bedrohung der Figuren anschwellen zu lassen. Und langsam kommt es uns auch so vor, als wolle er sich mit seiner strengen Einhaltung der gängigen Erwartungshaltungsmuster über die vermeintliche Pfiffigkeit des erprobten Zuschauers lustig machen, der sich dank des neueren Genrekinos in der sicheren Überzeugung wähnt, irgendwann den doppelten Boden ertasten zu können.

Blutgletscher gefällt gerade wegen seiner Einfachheit und der Tatsache, dass er ausdrücklich nicht mehr sein will als das, was er ist: Ein uneitler, um nicht zu sagen althergebrachter Creature-Terror, der es nicht nötig hat, den neuesten Trends postmoderner Coolness hinterherzueifern, um der enervierenden Besserwisserei des Horror-Nerds Genüge tun zu müssen, sondern sich mit seiner kleinen, feinen Erzählung und seinen beiläufigen Spitzen selbst genug ist.

Trailer zu „Blutgletscher“


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