Blue Ruin

You point the gun. You shoot the gun. Jeremy Saulnier hat einen geradlinigen und dennoch brüchigen Film über die Eskalation von Gewalt gedreht.

Auferstanden aus Ruinen

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Das titelgebende blaue Auto ist ein Wrack. Sein Besitzer, der auffällig ungepflegte Dwight, ebenfalls. Sein Alltagsleben am Rande der Gesellschaft, Essensreste im Müll suchend, ist das Erste, was der Zuschauer über ihn erfährt.

Schließlich wird der in seiner Ruine schlafende Dwight von einer Polizeikontrolle geweckt. Hier schon die erste Irritation: Entgegen der Konvention, die den Landstreicher nun von ruppigen Polizisten drangsaliert sähe (ein Schicksal, das John Rambo in einen bis heute nicht endenden persönlichen Krieg zurückkatapultierte), erhält Dwight Mitleid von einer milden weiblichen Staatsdienerin, die ihn extra ausfindig gemacht hat.

Waisenkind mit Wumme

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Der Mann hat vor vielen Jahren seine Eltern in einem Gewaltakt verloren. Nun ist der Schuldige wieder auf freiem Fuß. Für Dwight beginnt ein neues Leben. Er kratzt sein Pfandgeld und andere Reserven zusammen, bringt sein Äußeres auf Vordermann, bis ein Biedermann zum Vorschein kommt, und macht sich auf den Weg. Die Bewaffnung als Genrekonvention führt zur nächsten Überraschung. Dwight ist weder kaltblütig noch souverän. Eher ängstlich und feige stiehlt er nach Ladenschluss eine Pistole. Dieser vigilante wird auch in Folge das vorgeformte Bild sprengen. Aber zurück zu seiner Motivation: Wir kennen die Rache für das Kind – unschuldig, rein, unsere Zukunft, es soll naturgegeben nach uns diese Welt verlassen. Wer dem zuwiderhandelt, muss bestraft, getilgt werden. Wir kennen die Rache für den (Männer-)Freund – das ungeschriebene Gesetz, dass du ihn nicht hinter feindlichen Linien zurücklässt und, wenn ihm etwas zustößt, sowohl seine Familie versorgst als auch die Täter zur Rechenschaft ziehst. Wir kennen die Rache für die Frau – Heilige, Geliebte, Sinn des Lebens. Wer ihr nur ein güldenes Haar krümmt ...

Deutlich weniger bekannt: die Rache für die Eltern. Die Alten, die ohnehin von uns gehen. Da finden sich gar nicht so schnell Bilder zur Handlungsmotivation. Und Jeremy Saulnier verzichtet auch auf sie. Verzichtet darauf, sie als besonders liebens- oder rächenswert darzustellen, sie überhaupt darzustellen.

Irritationen und Doublefeature

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Es sind diese minimalen Irritationen, die den Vengeance-Thriller brüchig machen, ihm Risse verleihen, an deren Kanten sich der Zuschauer nur zu gerne reibt. Dabei betreibt der Regisseur kein billiges Spiel mit den Regeln, ist kein postmoderner Zitatensammler wie Quentin Tarantino oder Jim Mickle. Blue Ruin ist in vielerlei Hinsicht die Antithese zu Mickles alles Bekannte und Gewesene zelebrierendem Cold in July (2014). Dabei teilen sie viele Motive, beobachten, wie Angst in Gewaltbereitschaft umschlägt, und schicken ihre Allerweltsmänner jeweils auf eine Reise ins Herz der Finsternis, eine tödliche Eskalation entlang. Ein sich an- und abstoßendes Doublefeature, für das man den Regisseuren nur danken kann.

Trailer zu „Blue Ruin“


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