Blue Jasmine

Bluesbeschwingter Wahnsinn an der San Francisco Bay.

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Der erste Zeitsprung kommt abrupt und stiftet Verwirrung: Gerade noch unterbreitet Jasmine (Cate Blanchett), die eigentlich Jeanette heißt, der wehrlosen Sitznachbarin im Flugzeug ihre gesamte Lebensgeschichte und klagt der hilfsbereiten Adoptivschwester ihr Leid, da schreitet sie plötzlich freudestrahlend mit ihrem Ehemann Hal (Alec Baldwin) durch die hohen Zimmer einer Upper-Class-Wohnung im Big Apple. Der unauffällige Schnitt überbrückt eine nicht genau bestimmbare Zeitspanne, einige tausend Kilometer Raum und einen von unzähligen Beruhigungsmittelchen gesäumten Leidensweg, der aber noch lange kein Ende gefunden hat. Woody Allen kehrt nach etlichen Jahren Europa den Rücken zu, um sich wieder den Psychosen seiner Landsleute zu widmen und seine Protagonistin auf der Fluchtlinie New York – San Francisco durch die Hölle zu schicken.

Temperamentvolles Culture-Clash-Gezicke (Vicky Cristina Barcelona, 2008) und traumwandlerische Ausflüge ins historische Künstler-Paris (Midnight in Paris, 2011) sind passé, es gilt nun, das Spätwerk mit amerikanischen Befindlichkeiten zu füllen. Ein Schritt zurück in die längst vergangenen Tage in Manhattan? Grundlegend Neues gibt es in Allens Filmen ja meist nicht, fortwährend bastelt sich sein geschicktes Händchen neue Variationen aus Altbewährtem zusammen. Und in der Tat klammert er sich dieses Mal wieder mehr an den amourös geschädigten Neurosenmenschen. Während gerade in den letzten Filmen das Psychotische nur wie eine Patina auf den Figuren lag, wird in Blue Jasmine die völlige Zerrüttung der Protagonistin konsequent durchdekliniert.

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Jasmine ist pleite. Doch ist es – wie sollte es bei Allen anders sein – das Zwischenmenschliche, das sie aus den geregelten, luxuriös ausstaffierten Bahnen wirft. Mag Gatte Hal auch allerlei finanzielles Schindluder getrieben und für den totalen Bankrott gesorgt haben, so sind für Jasmine doch in erster Linie dessen ausschweifende Affären der ausschlaggebende Punkt. Und jede ihrer sozialen Beziehungen verursacht einen weiteren Sprung im fragilen Innenleben der gebeutelten Frau. Der Ehemann, der Sohn, die ebenfalls geplagte Schwester, der aufdringliche Zahnarzt, der elegante neue Liebhaber, sie alle tragen zu Jasmines psychischer Zermarterung bei, und Allen wird nicht müde, die Abwärtsspirale immer weiter zu drehen.

Ästhetisch mag Blue Jasmine wenig aufsehenerregend sein, selbst die unvermittelten Zeitsprünge, die hier noch das formal Aufregendste sind, sind schnell durchschaut. Das Kulissenhafte, das Allens Europa-Filme stark durchzog, ist kaum mehr wahrnehmbar, bricht nur noch sanft durch in einigen Szenen auf weitläufigen Terrassen und den langen Küstenpromenaden San Franciscos. Und manches Mal erscheint die Stereotypisierung dieser egozentrischen Upper-Class-Lady gar etwas spröde. All dies schadet dem Film jedoch kaum. Allen hat in Blue Jasmine ein Zentrum gefunden, das er nicht mehr aus den Augen lässt und lustvoll in die Misere führt. Mit melancholischem, aber dennoch schwerelos schwungvollem Blick folgt er ihr, wohin sie auch immer stolziert und stolpert.

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Konstant nimmt der Abstieg immer drastischere Züge an. Das Make-up zieht weite Kreise um die Augen, die Tabletten schwinden nur so dahin, und die markanten Schweißflecken, die sich unübersehbar auf der teuren Seidenbluse abzeichnen, sind förmlich riechbar. Gerade Allen, der seine Figuren stets in den Fokus rückt und dessen Filme auf Blickachsen bauen, vermag einen solchen Zerfall deutlich in Szene zu setzen. Und irgendwo zwischen den beherzten Griffen zur Wodkaflasche und überschwänglichen Liebeleien in mondänen Villen verhakt sich auch die Komik immer wieder, was allerdings gewollt anmutet.

Dass der Spagat zwischen komödiantischer Leichtigkeit und bitterer Tragik, klischeehafter Überzeichnung und ernsthafter Figurenentwicklung, überschäumendem Hochgefühl und tiefer Verzweiflung gekonnt vollführt wird, verdankt sich nicht zuletzt wieder der Schauspielerwahl, allen voran Blanchett, deren Figur von Allen unnachgiebig durch die Krise gehetzt wird wie Jagdwild. In seinem steten Rhythmus kippt der Film weder auf die eine noch die andere Seite, und auch ganz am Ende, wenn schizophrene Selbstgespräche auf der Parkbank stattfinden, bleibt die Stimmung in einer seltsamen Schwebe. Genau wie die Frage, was wohl aus Jasmine werden wird, wenn sie uns in der letzten Szene derart begegnet. Allens Psychosen-Kino ist nun mal keine Therapiesitzung, damals so wenig wie heute.

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Deshalb kann man die ausweglose Malaise wunderbar genießen. Blue Jasmine lässt uns einen schönen, leichtfüßig-amüsanten und doch bitteren Wahnsinn miterleben. Im Takt des Blues schlittert Jasmine unaufhaltsam den Abgrund hinunter. Und wenn sich auch ein Gefühl von Mitleid in uns breitmacht, lächeln wir gleichwohl in uns hinein, wohnen aufmerksam diesem Verfall bei und hoffen gar nicht erst, dass die Figur den Halt wieder findet. Der Wodka steht immer griffbereit.

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Kommentare


Martin Zopick

Woody Allen hat wieder zu alter Größe zurückgefunden. Mit diesem Film ist ihm das, was ihn zu einem ganz Großen gemacht hat, erneut gelungen. Viel Wortwitz und Situationskomik, die immer wieder durch psychologischen Tiefgang unterbrochen werden. Menschlich anrührende Erkenntnisse bewegen den Zuschauer zu verständnisvollem Kopfnicken. Die Figuren, vor allen Dingen die großartige Titelheldin Cate Blanchett (eigentlich eine Anti-Heldin), liegen quasi bei Woody auf der imaginären Couch. Was Cate hier abliefert ist der Höhepunkt ihrer bisherigen schauspielerischen Karriere. Eine Seelenschau, in der sie immer wieder gegen Wände läuft, weil sie sich selbst im Weg steht. Die großartige Mimik gekennzeichnet von Alkohol- und Tablettenkonsum verdeutlicht ihren Tunnelblick.
Das geniale Drehbuch vergleicht die kapitalistische Luftblase an der Börse, der ihr Ehemann Alec Baldwin zu Opfer fällt, weil seine verbrecherischen Methoden von einer gewissen Zockermentalität bestimmt werden, mit dem ganz persönlichen menschlichen Fiasko dieser Frau. Ihr wäre fast ein erneuter Aufstieg zu gesellschaftlicher Anerkennung geglückt. Geplatzt!
Überraschend gut gecastet ist hier Sally-Happy-Go-Lucky-Hawkins als ihre Schwester Ginger. Sie ergänzt als Antipode in hervorragender Weise Jasmine, weil sie noch etwas mehr geerdet ist, obwohl auch nicht gerade vom Erfolg verwöhnt. Bleibt noch die Feststellung, dass Woody Allen hier nicht nur präzise sondern hoch aktuell ist. Genial nahe am Puls der Zeit.






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