Blue Bird

Hinter den blauen Bergen bei den hundert Zwergen. Gust van den Berghes magischer Realismus erschafft eine ganz eigene, fantastische Welt in betörend schönen Bildern.

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Wind rauscht durch das Feld. In rhythmischen Abständen werden die meterhohen Halme nach links oder rechts geworfen. Ein Kind ist zu sehen, dann verschwindet es hinter der Wand aus Gras. Aus den hin und her wehenden Pflanzen wird ein fast abstraktes Bild, Linien geraten in Bewegung, die festen Konturen des Feldes lösen sich auf. Es ist ein weites Feld. Ein Feld, das dreieinhalb mal so breit wie hoch ist. Früher sah man Kinofilme zumeist in 4:3, dem Academy-Format, längst sind die Bilder breiter geworden, bis hin zu einem Seitenverhältnis von 2,35:1 (Scope). Für das Bildformat von Blue Bird (2011) mit den Proportionen 3,5:1 gibt es jedoch überhaupt keine adäquaten Leinwände. „Über-Scope“ nennt das der erst 26-jährige Regisseur Gust van den Berghe aus Belgien. Über den breiten Bildern liegt ein starker Blaufilter, der zum einen den Titel einlöst und dem Film zum anderen – im Zusammenspiel mit der meditativen Sakralmusik aus Glockenklängen und elegischen Chorälen – eine melancholische Grundierung gibt.

„Du benimmst dich kindisch“, schimpft die vielleicht sechsjährige Téné (Téné Potey) mit ihrem etwa gleichaltrigen Bruder Bafiokadié (Bafiokadié Potey). Die beiden befinden sich auf einer Odyssee – sie suchen nach einem blauen Vogel, den der Junge aus den Augen verloren hat. Auf ihrer wundersamen Reise durch die hügelige Landschaft des Togo begegnen die Kinder ihren Großeltern, die tot sind, aber dennoch mit ihren Enkeln sprechen können. Auch ein zwischendurch entdeckter Vogel wird von Bafiokadié für tot erklärt, obwohl er sich bewegt und einen vernehmbaren Herzschlag hat. Bafiokadié selbst wird von Waldgeistern attackiert – vermenschlichten Bäumen, die erbost sind, weil der Vater des Jungen Tischler ist und beständig Holz abbaut, also ihre Verwandten und Freunde tötet.

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Seinen Höhepunkt findet dieser märchenhafte magische Realismus, als Téné und ihr Bruder auf den „König der Zeit“ treffen, der noch ungeborenen Kindern den Weg ins Leben weist. In einer großartigen Szene verfrachtet der mit Fellhut und Megafon ausgestattete König die zukünftigen Menschen auf einen LKW und warnt sie, dass es am Ende nur einer von ihnen schaffen werde, das weiße Licht des Tunnels zum Leben zu sehen. Die Kleinen tragen surreal wirkende weiße Mützchen. Eine schönere symbolische Darstellung des sperm race hat es wohl selten gegeben.

Ohnehin lebt Blue Bird weniger von seinem Plot – einer freien Interpretation des gleichnamigen, bereits mehrfach verfilmten Märchens vom belgischen Nobelpreis-Träger Maurice Maeterlinck – als von seiner visuellen Kraft. Van den Berghe hat – wie schon in Little Baby Jesus of Flandr (En waar de sterre bleef stille staan, 2010), einer von Schauspielern mit Down-Syndrom getragenen Neuerzählung der Weihnachtsgeschichte – einen Bilderfilm geschaffen.

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Zu Beginn baden die zwei Geschwister. Ihre schwarzen Köpfe sind von weißem Seifenschaum überzogen. Den selben Farbkontrast sehen wir später, als Kameramann Hans Bruch Jr. die kindlichen Häupter vor einem Nichts aus gleißend heller Sonne isoliert.

Die blauen Felder brennen gelegentlich, weißer Rauch steigt dann über ihnen auf. Einzelne verdorrte, knorrige Bäume mit schiefen Ästen stehen verloren in der kargen Landschaft. Später gelangen die Kinder ans Meer, hier finden sich Symmetrien und strenge Linien – die Wasserkante, eine Reihe von Holzpfählen und ein fernes Schiff. Besonders atmosphärisch ist eine Szene, in der minutenlang ein Raubvogel kreist und der Blick ihm wie hypnotisiert folgt. Der Originalton wird abgedreht und von entrückter, kontemplativer Musik ersetzt, die das Gefühl der Trance noch verstärkt.

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Die Tonspur ist überhaupt ein auffälliges Stilmittel in Blue Bird. Der Film ist oft erstaunlich still, weil van den Berghe mit einer ungewohnt realistischen Geräuschmischung arbeitet. Wenn die Sprechenden weit von der Kamera entfernt sind, kann man sie kaum hören – hier wird der Ton nicht für das Publikum optimiert. Spürbar ist dies beispielsweise, wenn der Vater der kindlichen Protagonisten einer alten Dame etwas zuruft, diese aber so weit weg ist, dass man sie weder sieht noch hört. Der Vater baut neben Tischen und Stühlen auch Särge und transportiert diese äußerst wagemutig auf seinem kleinen Motorrad. An einer schwarzhumorigen Stelle des Films wird klar, dass es manchmal sehr praktisch sein kann, wenn man gerade einen Sarg parat hat.

Narrativ am schönsten ist zweifellos die Darstellung der liebevollen Beziehung zwischen Téné und Bafiokadié. Gemeinsam begeben sie sich in die Welt da draußen, in das Abenteuer Leben, er beschützt sie, sie gibt ihm Ratschläge, beide hüpfen vergnügt singend herum.

Und am Ende des Tages, als die Kinder in ihr Dorf zurückkehren, werden sie – wie schon am Morgen – von ihrer Mutter gebadet. Die auf ihrer Reise gemachten Erfahrungen haben ihnen ein Stück kindliche Unschuld geraubt und sie zugleich innerlich wachsen lassen. Der Symbolismus von Blue Bird übersetzt diesen psychischen Vorgang ins Physische. Denn plötzlich passen die beiden nicht mehr in ihre Kleidung, sie sind zu groß geworden. Unweigerlich nähern sie sich der Welt der Erwachsenen.

Trailer zu „Blue Bird“


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