Blindsight

In dem mehrfach ausgezeichneten britischen Dokumentarfilm besteigen blinde tibetanische Teenager den Mount Everest - und beschreiten damit einen holprigen und riskanten Weg zu mehr Selbstvertrauen.

Blindsight

„Ihr verdient es, die Leichen eurer Väter zu essen!“ Wer in Tibet blind ist, muss wie der neunzehnjährige Tashi damit rechnen, auf der Straße von Wildfremden übel beschimpft zu werden. Hier nehmen viele Menschen an, dass Nichtsehende von Dämonen besessen sind, oder dass sie in ihrem früheren Leben eine furchtbare Sünde begangen haben, für die sie jetzt mit ihrem Augenlicht bezahlen. Wenn sechs blinde Jugendliche dann noch einen Berg besteigen wollen, gibt es genug Missgünstige, die nur auf das Scheitern eines solch waghalsigen Vorhabens lauern, befürchtet dessen ebenfalls blinde Initiatorin Sabriye Tenberken in einer frühen Szene. Aber was wäre, wenn sie es schaffen würden?

Die deutsche Lehrerin und Gründerin eines Blindenausbildungszentrums in Lhasa hat ihren Schülern von dem amerikanischen Bergsteiger Erik Weihenmayer erzählt, der als erster Blinder den Mount Everest bezwungen hat. Die Kinder sind begeistert, Tenberken schreibt daraufhin an Weihenmayer und schlägt ihm vor, mit vier Jungen und zwei Mädchen im Alter von vierzehn bis neunzehn Jahren einen 8000 Meter hohen Nebengipfel des Everest zu besteigen. Der Amerikaner hält die Idee für verrückt - und ist mit von der Partie. Doch schon bald stellt sich heraus, dass nicht alle Teammitglieder von der gleichen Motivation angetrieben werden: Abenteuerlust und sportlicher Ehrgeiz auf der einen Seite, Freude an der Natur und Gemeinschaftssinn auf der anderen. Als kurz vor dem Gipfel zwei der Kinder krank werden, diskutieren Tenberken und Weihenmayer, ob und wie es weitergehen soll.

Blindsight

Der zweite Dokumentarfilm der britischen Regisseurin Lucy Walker (Devil’s Playground, 2002) ist aufgrund seiner außerordentlichen Geschichte im Grunde ein Selbstläufer. Man wäre wohl ein emotionaler Eisklotz, wenn einen die bewegenden und mitunter schmerzlichen Einblicke in den Alltag der stigmatisierten und diskriminierten Teenager kalt ließen. Nicht alle, aber einige der Eltern beklagen sich vor Walkers Kamera ohne jede Scheu über das harte Los, welches sie mit der Behinderung ihrer Kinder gezogen haben. Die sitzen während dieser Interviews betroffen daneben und müssen sich vermutlich nicht zum ersten Mal anhören, welche Belastung und Bestrafung sie für ihre Familien darstellen. Von Walker alleine befragt, kann sich einer der Jungen dabei gar nicht vorstellen, in einem früheren Leben einen Mord begangen zu haben, wie es seine Mutter von ihm vermutet.

In der ersten Hälfte von Blindsight werden die erwachsenen und jugendlichen Expeditionsteilnehmer mit ihren persönlichen und kulturellen Hintergründen vorgestellt. Sie berichten von ihren individuellen Erfahrungen mit dem Blindsein und von den Reaktionen der Umwelt auf ihr Anderssein. Die Regisseurin, die selbst nur mit einem Auge sehen kann, rückt hierbei besonders den Lebensweg von Tashi in den Vordergrund ihrer Portraits. Der Junge wurde mit zehn Jahren von seinem Vater an ein Ehepaar verkauft, das ihn zum Betteln auf die Straße schickte und ihn misshandelte, wenn er nicht genügend Geld nach Hause brachte. Im Verlauf von Walkers Film offenbart Tashi kleinlaut, dass er eigentlich gar nicht aus Tibet sondern aus China stammt und dies nur behauptet hat, weil er dachte, er könne sonst nicht mit auf den Berg klettern.

Blindsight

Später fokussiert Walkers Narration verstärkt das Geschehen während des Aufstieges. Wobei die Regisseurin auch hier mehr in die Kamera erzählen und erklären lässt, als abzubilden und zu veranschaulichen. Lediglich eine Handvoll Einstellungen fangen die Himalaja-Kulisse ein oder vermitteln einem als Zuschauer das Gefühl, bei einer risikoreichen Bergbesteigung dabei zu sein. Was besonders verwundert, da einer der Kameramänner Keith Partridge ist, der unter anderem die spektakulären und packenden Kletterszenen in der Bergsteiger-Dokumentation Sturz ins Leere (Touching the Void, 2003) drehte. Die wachsenden Interessenskonflikte innerhalb des Teams, die schließlich zu einer offenen Aussprache führen, sind allerdings spannend zu verfolgen, da sie scheinbar ungeschönt und ohne Kamerascheu ausgetragen werden und Mut zur Disharmonie zeigen.

Lucy Walkers Blindsight ist nicht ausschließlich ein Film über eine spezifische Mount-Everest-Eroberung durch blinde Jugendliche. Mehr als das ist er ein auf viele Bereiche übertragbares Plädoyer für einen selbstbewussten Umgang mit so genannten Handicaps. Ein überzeugendes und inspirierendes Beispiel dafür, sich nicht von den Vorstellungen anderer einschränken zu lassen und sich nicht mit der Außenseiterrolle abzufinden, die manch einem von der Familie oder von der Gesellschaft zugeschriebenen wird. Stattdessen unterschätzte oder unerkannte Potentiale auszuschöpfen und wie das einstige Straßenkind Tashi vielleicht eine Massagepraxis zu eröffnen. Die übrigens erfolgreich laufen soll.

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