Blind Side - Die große Chance

Der Aufstieg eines armen Schwarzen zum gefeierten Football-Star: Blind Side vollführt eine gefährliche Gratwanderung zwischen Feel-Good-Movie und einer latent rassistischen Moral.

The Blind Side

Wie äußert sich Rassismus im Film? Müssen wir hinter jeder schwarzen Figur, die im Film eine bestimmte Rolle verkörpert, schon ein bestimmtes Menschenbild des Regisseurs vermuten? Oder ist es vielleicht sogar versteckt rassistisch, jeden Film daraufhin zu überprüfen? Regisseur John Lee Hancock kann Blind Side - Die große Chance (The Blind Side) stets damit verteidigen, dass es sich um die Verfilmung einer wahren Geschichte handelt. Der Film genießt den Vorschuss der Authentizität, die Handlung stammt nicht aus dem Kopf eines Drehbuchautors, sondern aus dem „echten“ Leben. Immunität sollte er dennoch nicht genießen, denn es ist immer die Entscheidung der Filmemacher welche reale Begebenheit sie für verfilmenswert halten und auf welche Weise sie diese Realität dann auf die Leinwand bringen.

The Blind Side

Von welcher Begebenheit erzählt also dieser Film? Blind Side ist die Geschichte des Teenagers Michael Oher, der durch das Engagement eines Sportlehrers an einer christlichen (und sehr weißen) Schule aufgenommen wird und wenig später bei der ebenso weißen Familie Tuohy unterkommt. Besonders Mutter Leigh Anne kümmert sich rührend um „Big Mike“ und fördert seine Talente derart, dass Mike ein erfolgreicher Footballspieler wird. Auch Big Mike stellt das Familienleben der Tuohys auf den Kopf: Er sorgt dafür, dass Thanksgiving nicht mehr vor dem Fernseher, sondern gemeinsam am Tisch verbracht wird, mit Gebet und gepflegter Konversation. Der Stoff für ein echtes Feel-Good-Movie also, seichte Unterhaltung statt Gesellschaftskritik. Dagegen ist nichts einzuwenden, aber leider gibt sich der Film, als sei er mehr als das. Und was hinter der oberflächlichen „American Dream“-Handlung zum Vorschein kommt, ist nicht unbedingt eine fortschrittliche Botschaft.

The Blind Side

Konservativ ist das ganze schon inszeniert. Der gutmütige arme Schwarze, die großzügige weiße Familie, die ihn bei sich aufnimmt, und trotz der obligatorischen Zweifel der Protagonisten gegen Drehbuch-Ende geht alles gut aus. Ein paar amüsante Nebenfiguren und pathetische Weisheiten hinzugefügt, und die Filmmusik markiert praktischerweise alle besonders schönen Szenen. Wenn ein solches Rezept in diesem Jahr für eine Oscar-Nominierung als Bester Film reicht, ist das wohl der neuen Regel geschuldet, dass die Academy mittlerweile zehn statt fünf Filme pro Jahr für den höchsten Preis nominiert. Blind Side ist ein Beweis dafür, dass diese Änderung dem Label „oscar-nominiert“ auf lange Sicht eher schaden könnte, wenn sich selbst harmlos christliche Filmchen wie dieses hier fortan mit dem Prädikat rühmen können.

The Blind Side

Doch Blind Side ist nicht bloß ein harmloser überschätzter Film, er transportiert auch fragwürdige Werte. Denn letztlich ist Michael Ohers Geschichte die einer Disziplinierung. Die von Sandra Bullock gespielte Leigh Anne Tuohy ist eine wohlmeinende, aber autoritäre Mutter, die mit vielen „Hör mir zu“s und „Sieh mich an“s arbeitet. Erst gegen Ende des Films denkt sie darüber nach, ob sie dem Jungen mit ihrer Förderung etwas Gutes tut. Überhaupt ist die Handlung völlig beliebig perspektiviert. Denn auch Big Mikes Inneres bleibt dem Zuschauer meist verborgen. Zweimal hören wir seine Gedanken, aber diese angedeuteten Selbstreflexionen sind nur Mittel zum dramaturgischen Zweck. Hancock interessiert sich nicht für seine Thematik und weigert sich Big Mike zum eigenständigen Subjekt zu machen. Die Hauptfigur bleibt ein Objekt, das von gutmeinenden Christen mithilfe eines Footballhelms geformt wird. Mikes harte Vergangenheit (Crack-Mama, unbekannter Vater) wird nur indirekt thematisiert, zum Beispiel wenn Mrs. Tuohy ihrem „Sohn“ die naive Frage stellt, welche Kinderbücher ihm früher vorgelesen wurden und einen Moment später beide verschämt zu Boden blicken.

The Blind Side

So drängt sich dem Zuschauer eine fragwürdige Moral auf: Der gutmütige Schwarze, der trotz aller Probleme in der Kindheit nicht gewalttätig geworden ist, hat es verdient, in die Gesellschaft integriert zu werden. Seine Bekannten aus dem Schwarzen-Viertel, die Goldkettchen-Träger und Gewalttätigen, dürften wohl kaum eine Nacht auf dem Sofa der Tuohys verbringen. Big Mike aber zeigt sich lernwillig: Als er bei einem ersten Football-Training Fehler macht, läuft Mutter Tuohy aufs Spielfeld und erklärt ihrem Schützling seine Position auf dem Spielfeld: Das Team sei seine Familie, der Quarterback das Familienoberhaupt, das er zu beschützen habe, so wie er seine eigene Mutter beschützen würde. Nach diesem Appell an die innersten Instinkte versteht der gutmütige Schwarze, worum es beim Football geht und schafft es bis zum Happy-End in die NFL.

Szenen wie diese haben durchaus eine rassistische Logik. Einer der Produzenten meint dagegen, es ginge in dem Film weniger um Rassenprobleme, als mehr um das Begreifen, dass Familie nicht mehr dasselbe bedeute wie früher, dass Familienkonstellationen offener geworden seien und nicht mehr den alten Klischees entsprächen. Eine Szene illustriert diese Aussage am besten: Big Mike darf zum ersten Mal auf ein Familienfoto der Tuohys. Ein großer Schwarzer mitten auf dem spießigen Foto einer weißen Oberschicht-Familie – dieses Bild mag bestimmten amerikanischen Zuschauern fortschrittlich oder gar provokant erscheinen. Im Vergleich mit anderen Filmen der letzten Zeit wirkt es merkwürdig überholt: Hollywood war schon mal weiter.

Trailer zu „Blind Side - Die große Chance“


Trailer ansehen (1)

Kommentare


Martin Zopick

Der Film ist ein Biopic, aber ein durch und durch Amerikanisches. Das liegt nicht nur am American Football, der hier unter anderem im Mittelpunkt steht, sondern es ist der Cinderella-Effekt, der bei den Amis so gut ankommt. Und wenn Großzügigkeit mit etwas menschlicher Wärme, spontane Hilfsbereitschaft mit selbstloser Freundlichkeit kombiniert werden, ist der Erfolg sicher. (siehe ‘amerikanische‘ Oscars!) Ein treibendes Element in diesem Märchen ist der Rassismus und der Gegensatz zwischen Reich und Arm, Überfluss- und Wegwerfgesellschaft. Hier werden die üblichen Klischees bedient. Auch das amerikanische Pathos kommt zum Einsatz: ‘Mut kann jeder Idiot haben, aber Ehre…‘ will sagen ‘Ehre ist wichtiger als Mut.
Und damit es nicht alles so bilderbuchmäßig glatt verläuft, werden noch zwei Problemchen eingebaut: Mikes Herkunft aus den Slums mit den entsprechenden Kumpels und die Möglichkeit, dass die Millionärsfamilie ihn (Quinton Aaron) gekauft hat, weil er auf ihr Privatcollege gehen soll, das von ihnen finanziert wird. Beides bleibt harmlos. Auch Leigh Annes (Sandra Bullock) Freundinnen beim Kaffeeklatsch sind wie immer arrogant und dämlich. Literarische Querverbindungen zu ‘Ferdinand dem Stier‘ oder zu Charles Dickens sind ganz nett, reißen aber auch nichts, ähnlich wie Kathy Bates‘ Cameo. Alles läuft wie geschmiert vorgetrieben von einem allumfassenden Optimismus. An der ‘ungeschützten Seite‘ des Spektakels treffen sich vom Gehalt her ‘Die Bunte‘ und die ‘Pilcher‘. Märchenstund‘ mit Gold im Mund. Die große Chance verpasst! K.V.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.