Blind Massage

Nicht nur vor Liebe blind. Lou Ye setzt dem fehlenden Sehvermögen seiner Protagonisten eine ungemeine visuelle Kraft entgegen.

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Die junge Frau nimmt den blinden Doktor Sha Fuming (Quin Hao) an der Hand und möchte ihm etwas sagen. Weil sie es aber nicht aussprechen will, zeichnet sie mit ihrem Finger ein Schriftzeichen in seine Handfläche. Doch Lesen kann Sha Fuming nur die Blindenschrift, nicht die der – wie er sie nennt – anderen Welt. Die Grenzen sind in Blind Massage (Tui Na) deutlich abgesteckt: Es gibt jene, die im Hellen sehen, und jene, die im Dunkeln sehen, dazwischen befindet sich ein tiefer Graben. Abgesehen von ihrer gesellschaftlichen Isolation gibt es für die Blinden auch kaum Möglichkeiten, sich beruflich zu verwirklichen. Eine Ausnahme bildet die Arbeit als Masseur, ein Beruf also, in dem man nicht sehen, sondern nur fühlen muss. Dass Lou Ye in seinem neuen, hyperemotionalen Film dieses Motiv aufgreift, ist durchaus programmatisch zu verstehen.

Vertrauter Stoff in neuem Umfeld

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Lou erzählt in all seinen Filmen von der Liebe, von ihren Sonnen- wie von ihren Schattenseiten. Auf das Hochgefühl folgen die Enttäuschung, der Schmerz und die Heilung. Die turbulenten Liebesgeschichten, die der chinesische Regisseur erzählt, sind meist dieselben, nur das Umfeld, ändert sich mit jedem neuen Projekt. Mal sind es Schwule, die im Mittelpunkt stehen (Spring Fever; Chun feng chen zui de ye wan, 2009), mal revoltierende Studenten auf dem Platz des himmlischen Friedens (Summer Palace; Yihe yuan, 2006), und zuletzt waren es Neureiche (Mystery, 2012). Das Milieu interessiert Lou dabei jedoch hauptsächlich als Setting für seine universellen Geschichten.

In Blind Massage ist es nun also eine Gruppe Blinder, die in Nanjing eine Massagepraxis eröffnet, die nicht nur zum Broterwerb dient, sondern auch als eine Art Kommune. Gerade weil sich Lou fast ausschließlich innerhalb der Praxis bewegt – einem bunt zusammengewürfelten Haufen aus blinden Laiendarstellern und Stammschauspielern –, wird das Blindsein nie problematisiert. Wenn seine Figuren einander ertasten, sich verfehlen oder gegen Gegenstände rennen, ist das weder witzig noch bemitleidenswert, sondern einfach Bestandteil des Lebens. Wenn ein Sinn wegfällt, sind die anderen nur umso mehr gefordert. Und so wird eben ausgiebig gerochen, geschmeckt und berührt. Mit dem Fehlen der Sehkraft wird zwangsläufig auch die körperliche Distanz aufgehoben. Wenn Lou seine Figuren mit einem Reigen alltäglicher Freuden etabliert, fängt das eine Kamera ein, die so nah an ihnen dran ist, damit ihr bloß kein Gefühl entgeht.

Look der Blindheit

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Drei Erzählstränge über das Suchen, Finden und den Verlust der Liebe mäandern etwas konfus durch Blind Massage. Lou ist kein großer Geschichtenerzähler. Zu leicht verliert man den Überblick bei all den kleinen Episoden, zu nachlässig ist die Auswahl getroffen, was wir warum sehen, zum Beispiel weshalb die Geschichte von Dr. Wangs (Guo Xiaodong) Familie und ihren Problemen mit ein paar Schuldeneintreibern Einzug in den Film erhalten hat. Lou ist eben ein richtiger Styler, das war schon immer so. So schön wie die Hauptdarsteller ist auch die melancholisch sentimentale Klaviermusik von Jóhann Jóhannsson und die Fotografie von Zeng Jian, die mit ihrem schicken Look dem Zuschauer das Gefühl der Blindheit indirekt näherbringen möchte. Statt die Unfähigkeit zu sehen mit einer spröden schwarzen Leinwand zu illustrieren, versucht Blind Massage die Orientierungslosigkeit und das ständige Suchen nach Halt immer wieder in Bilder zu packen. Dann wird alles ein bisschen dunkel, wackelig und unscharf, mit einigen fokussierten Punkten im Meer der Verschwommenheit.

Besonders sticht eine längere, ausgesprochen schöne Sequenz hervor, in der das Praxis-Küken Xiao Ma (Huang Xuan) benommen durch einen flackernden Bilderrausch taumelt. Man könnte denken, der Lou wolle einen zu Beginn – wenn der Vorspann nicht gezeigt, sondern vorgelesen wird – auf eine falsche Fährte locken. Denn dieser kleinen Spielerei zum Trotz geht es keineswegs darum, den Bildern ihre Vormachtstellung streitig zu machen. Im Gegenteil, Blind Massage ist ein Film, der dem fehlenden Sehvermögen der Figuren eine ungemeine visuelle Kraft entgegensetzt.

Trailer zu „Blind Massage“


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