Bleed for This

Das prosaische Leben des Profisports: Ben Younger inszeniert das größte Comeback in der Geschichte des Boxsports als heimliches Workout im Keller des Elternhauses.

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Weißer Kunststoff glänzt zwischen Vinny Pazienzas Lippen. Er lächelt. Dann trifft der nächste Schlag sein Gesicht. Er schüttelt den Kopf, klatscht sich die eigenen Handschuhe ins Gesicht wie kaltes Wasser und marschiert weiter auf seinen Gegner zu. Pazienza ist der Archetyp des Boxfilm-Protagonisten. Ein Mann, dessen Erfolg allein auf seiner Hingabe für den Sport erbaut ist, der mit kleinem Repertoire und großer Hingabe kämpft und sein Leben wie seinen Körper ganz dem Boxsport verschreibt.

Die Farce des Sportlerlebens

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Das Ergebnis dieser Selbstaufgabe ist das, wofür Millionen Zuschauer bezahlen, wofür wir professionelle Athleten bewundern und idealisieren. Es ist der Moment der athletischen Ausnahmeleistung, den Box- und Sportfilme uns so oft als dramaturgischen und inszenatorischen Höhepunkt vorsetzen, während der Weg dorthin, die harte Arbeit, Zerstörung und Wiederaufbau des eigenen Körpers, so gerafft wird, dass sie das Bild des heroischen Ausnahmeathleten füttern. Das wirkliche Leben, das Boxer wie Vinny Pazienza führen, interessiert uns um so weniger. Die Eintönigkeit dieses Daseins entzaubert das, was die Aura des Sportidols ausmacht. Mit Verachtung schaut das Publikum auf Radfahrer, die mit EPO das eigene Blut anreichern; Formel-1-Weltmeister, die Politik als etwas bezeichnen, was sie „nichts angehe“, und Boxweltmeister, die kaum lesen können. So wie die Öffentlichkeitdiese Aspekte ignoriert und stattdessen verzweifelt im Privatleben der Athleten nach menschlicher Qualität gräbt, so hält auch der Boxfilm oft an der körperlichen Ausnahmeleistung der Protagonisten fest. Montagesequenzen verdichten die Monotonie des Trainings zu einer schnellen Abfolge von Seilsprüngen, Sandsack-Hieben und Sparrings-Runden – das Training wird so glamourös überhöht, dass es einer Farce gleicht.

Abseits des Rampenlichts

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Bereits der erste Blick, den Bleed for This auf Vinny Pazienza wirft, entlarvt die Vorstellung des heroischen Athleten als eben jene Farce. Den Oberkörper in Plastikfolie eingewickelt, radelt Vinny die letzten Pfunde auf einem Heimtrainer ab, während sein Vater Angelo (Ciarán Hinds), Promoter Lou (Ted Levine) und die Öffentlichkeit auf das offizielle Wiegen warten. Auf dem Weg dorthin tauscht Vinny das PVC-Kleid gegen einen nicht weniger absurden Seidenmantel mit Leoparden-Überzug. Doch kaum fängt die Kamera ihn im Glamour-Outfit zum Walk-in ein, stolpert seine Freundin über ihre High Heels und beendet den Spotlight-Moment.

Bleed for This scheut das Rampenlicht und nistet sich in den Zwischenraum ein, den kein HBO-Countdown zeigt. Ben Younger erzählt vom Leben der Hingabe für den Sport. Sicherlich nicht ohne dieser Hingabe einige genretypische Boxklischees unterzuheben. Doch Bleed for This bleibt dem prosaischen Leben des Profisports sehr nah. Verträge werden im Kinderzimmer der Promoterfamilie Duva verhandelt, trainiert wird im kahlen Boxstall von Trainer-Legende Kevin Rooney (Aaron Eckart), und das Leben findet im Halbdunkel des Pazienza-Familienhauses in Rhode Island statt, das optisch kaum vom Heim diverser Blue-Collar-Sitcom-Familien wie der von Roseanne oder Al Bundy unterscheidbar ist. Wenn etwas funkelt, dann sind es die zahllosen Christus-Figuren, die Vinnys Mutter Louise (Katey Sagal) während seiner Kämpfe um Beistand anbetet.

Im Keller

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Der Kampfstil des „Pazmanian Devil“ bietet dafür reichlich Gründe. In den von Younger elliptisch zusammengestutzten Kämpfen hageln Schläge auf seinen Körper ein, bis deren dumpfes Dröhnen die Schreie aus der Ringecke, die Analyse der Kommentatoren und den Jubel des Publikums verstummen lassen. Vinny kassiert, um auszuteilen. Ein Weg, der ihn auch ohne Knockout regelmäßig ins Krankenhaus führt. Natürlich ignoriert Vinny die Verletzungen, die er im Ring erleidet, ebenso wie die Ratschläge seiner Ärzte, die ihn zum Aufhören bringen wollen. Schließlich ist es ein Autounfall, der seine Karriere beendet, ihm buchstäblich das Genick bricht.

Es ist der Punkt, an dem Bleed for This zu einem Biopic wird und sich vom klassischen Comeback-Narrativ des Boxerfilms entfernt. Die Verletzung wird nicht in Ellipsen abgehandelt und in eine Trainingsmontage überführt, die auf den großen Kampf zusteuert. Vinnys zerstörter Körper wird selbst zum Zentrum des Films. Sechs Monate muss er eine zweiteilige Orthese tragen, um eine vollständige Lähmung seines Körpers zu verhindern. Der untere Teil, eine Weste, schnürt seinen Rumpf ein, während die dazugehörige „Krone“ mit Metallschrauben in seinen Schädel gebohrt wird, um seinen Hals zu stützen. Younger macht die sechs Monate, in denen sein Protagonist kaum gehen kann, zum Porträt eines Mannes, der lernen muss, einen fragilen Körper mit dem Willen wieder aufzubauen, den er im Ring auf seinem Kinn trägt. Dazu gibt es keine Montage-Sequenz, keinen treibenden Soundtrack und keine Stadtkulisse. Wie ein Teenager, der sich nachts zum Fernsehen ins Wohnzimmer schleicht, trainiert Vinny heimlich im Keller seiner Eltern.

Auf dem Weg zum unweigerlichen Comeback büßt Bleed for This dafür einiges an Drive ein, doch Younger sucht einen Zugang zum Leben eines Boxers, der weder im schmalen Repertoire des Genres noch in der Glorifizierung der Countdown-Show zu finden ist. Er findet ihn nicht im Ring, sondern dort, wo sich Vinnys Hingabe wirklich zeigt: im Keller seines Elternhauses.

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