Blade Runner 2049

Die Suche nach Verhältnissen: Denis Villeneuves Sequel zu Ridley Scotts Science-Fiction-Klassiker schert sich nicht mehr um die Frage nach dem Menschen, aber um so mehr um die nach dem Menschlichen.

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Berlin im strömenden Oktoberregen erscheint mir direkt nach der Vorstellung erstmal schöner als Denis Villeneuves postapokalyptische Bilderwelt. Dabei ist das Kino des Kanadiers doch vor allem aufgrund seines visuell ansprechenden Designs in den letzten Jahren bekannt geworden. Es ist auch nicht so, als ob Villeneuves Fortsetzung von Ridley Scotts Science-Fiction-Klassiker Blade Runner (1982) nicht strotzen würde vor sorgsamen Bildarrangements im Sinne eines zeitgenössischen Überwältigungskinos, als ob es nicht vor allem auf der Tonebene in Form tief dröhnender Synthie-Sounds ordentlich auffährt. Nur: Mit Blick auf den Film als Ganzes scheinen diese Elemente kaum zusammenzuhängen, man bekommt die über zweieinhalb Stunden Spielzeit nie wirklich unter einen Hut. Die Welt von Blade Runner 2049 ist, ganz im Gegensatz zur insistierenden Eintönigkeit des Vorgängers, eine der Desintegrität.

Nicht verortbare Orte

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Zwar dürfen wir immer wieder in jenes L.A. zurückkehren, das in vertrauter Weise das düster Regnerische mit dem neon Blinkenden verbindet. Gleichzeitig aber faltet sich diese Welt – dreißig Jahre nachdem sich Officer Deckard (Harrison Ford) und die ihm lieb gewordene Replikantin Rachael im berühmten mehrdeutigen Origami-Finale von Blade Runner ins Ungewisse aufmachten – in ganz verschieden geartete Schauplätze auf: Zu Beginn werden endlose Weiten weißgrau fluoreszierender Gewächshaus-Felder überflogen; die dann irgendwie doch nicht so zentrale Begegnung zwischen Deckard und seinem Nachfolger Officer K (Ryan Gosling) wird in einem in tiefes Orange getauchten Las Vegas zwischen Fallout-Romantik und Living-the-life-Nostalgie inszeniert; der finale und dafür fast ein wenig unterinszenierte Kampf findet in einem von absolutem Dunkel umgebenden Gewässer statt. An einer Stelle ist von der Eroberung „neun neuer Welten“ die Rede – deren Verortung, Zugang oder Wert bleibt aber, wie auch einige Erzähllinien, sehr im Unklaren. Nicht zuletzt sind es auch die zahlreichen äußerst unterschiedlich gestalteten Innenräume, die den Eindruck stärken, dass die Dinge nicht mehr verknüpfbar sind.

Erinnerung nur Daten-Fragment

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Mag dieser inszenatorische Verlust (oder zumindest das Verdecken) von Verhältnissen dem Kinogenuss auch ein wenig abträglich sein: Als Bedingung unserer vereinzelten Existenz im sogenannten zweiten Maschinenzeitalter, deren Reflexion und Überwindung thematischer Kern von Villeneuves Film bleibt, ist er sinnig. Wenn die Welt nicht mehr nur aus den Fugen, sondern gar nicht mehr Welt ist, wenn Subjektivierung nur noch auf Datensätzen und Mechanismen beruht, was heißt es dann überhaupt noch, ein Subjekt in Gemeinschaft zu sein? Was macht ein Ich zu einem Ich in einem Wir? Erinnerung ist es nicht, das macht Blade Runner 2049 in mehreren ironischen Volten und einer großen Wendung deutlich. Sie ist nicht mehr als eine Masse von Daten, die nicht nur gefälscht werden können, sondern ohnehin nach kurzer Zeit immer nur noch fragmentarisch vorliegen, beherrscht von Störungen: herausgerissene Seiten aus einem Verzeichnis, der Fetzen einer Gesprächsaufnahme, die immer wieder aussetzende 3D-Projektion eines Elvis-Auftritts.

Handeln als Menschlich-sein

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Die Antwort auf diese Fragen hat in gewisser Weise, und das ist nicht untypisch für Villeneuves mit religiöser Metaphorik gefüllte Oeuvre, mit dem Glauben zu tun. Der Glaube an die eigene Seele, vor allem aber an die Geburt des Erlösers. Aber auch hier baut Villeneuve, vor allem durch die von Jared Leto verkörperte Figur des sonderbaren Wissenschaftlers und Industriellen Niander Wallace, starke, eigentlich nur parodistisch zu lesende Brechungen ein. Und so ist die Antwort auf die Frage nach dem Individuum in der Gemeinschaft letztlich jene des Handelns, des Handelns als (Wieder-)Herstellen von Relationalität. Das meint explizit nicht, Mensch zu sein – um die binäre Ontologie, die Ridley Scotts Original noch beherrscht hat, schert sich Blade Runner 2049 überhaupt nicht –, sondern menschlich sein: sich anerkennen, sich beschützen, füreinander einstehen, sich retten, sich offenbaren, und sicher auch: verschmelzen. So wird das ständige Zweifeln an der eigenen Echtheit konsequent als eine Frage entlarvt, die man eben nicht nur sich selbst stellen kann. „Am I real?“ „For me, you’re real.“

Trailer zu „Blade Runner 2049“


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