Blackout Journey

Terrortrauma on the road: In Blackout Journey versucht Sigi Kamml, ein ernstes Thema mit einem unterhaltsamen Roadmovie durch die österreichischen Alpen zu kombinieren. Zwei ungleiche Brüder treffen 18 Jahre nach der Ermordung ihrer Eltern wieder zusammen.

Blackout Journey

Mio (Marek Harloff) ist Berliner Rockmusiker mit dem Traum, ein eigenes Tonstudio zu besitzen. Das geeignete Objekt wartet schon auf ihn, wenn es ihm gelingt, innerhalb von vier Tagen 80.000 Euro zu beschaffen. Die einzige Möglichkeit, die ihm bleibt, bedeutet auch eine Konfrontation mit der Vergangenheit. 1985 wurden Mios Eltern auf dem Flughafen Wien-Schwechat vor seinen Augen von arabischen Terroristen erschossen. Um eine Entschädigungszahlung für ihren Tod zu erhalten, benötigt Mio die Unterschrift seines Bruders Valentin. Die Jungen wurden nach dem Terroranschlag getrennt, Valentin (Arno Frisch) wuchs auf einer österreichischen Berghütte beim urigen Ziehvater Josef auf und weiß nichts von der Existenz eines Bruders. Sämtliche Erinnerung an damals hat er verdrängt. In einem goldenen Cabrio machen sich Mio und seine Freundin Stella (Mavie Hörbiger) auf die Reise in die Bergwelt und mitten hinein in die wieder aufbrechenden Traumata der Kindheit.

Die Ausgangssituation sorgt für die nötige Spannung und Geschwindigkeit, sofern sich der Zuschauer nicht zu fragen beginnt, warum die verstörten Kinder nach dem Tod ihrer Eltern bei unterschiedlichen Pflegefamilien aufwachsen mussten, warum die Geldzahlung Mio nach fast zwei Jahrzehnten von einem Notar förmlich aufgedrängt wird, warum überhaupt muslimische Terroristen damals in Wien...

Blackout Journey

Blackout Journey konzentriert sich vor allem auf den temporeichen Verlauf der Geschichte Richtung Katastrophe. Hagen Bogdanskis Kamera liefert prächtige Landschaftspanoramen, originelle Zwischenschnitte bringen Leichtigkeit in den Film – da wird schon einmal einem Madl am Straßenrand der Rock vom Fahrtwind des Cabrios hochgeblasen. Hinzu kommt die Musik von Marek Harloffs Band TempEau, die sich für Blackout Journey gegründet hat und ähnlich der Hansen Band aus Lars Kraumes Keine Lieder über Liebe (2005) inzwischen ein Eigenleben führt, Konzerte gibt und ein Album veröffentlicht hat. Mit seinem freundlichen Deutschrock reiht sich Harloff ein in die Riege singender Schauspieler von Jürgen Vogel, Julia Hummer, Jana Pallaske bis Robert Stadlober oder Jasmin Tabatabai.

Regisseur Sigi Kamml studierte sein Handwerk in Los Angeles, bevor er nach Deutschland kam und hier vor allem als Produzent, unter anderem für Serien wie Wolffs Revier (seit 1992), tätig war. Mit seinem Langfilmdebüt visiert der gebürtige Salzburger eine jugendliche Zielgruppe an. Und tatsächlich ist das Styling des Werkes perfekt bis in die als „Product Placement“ ausgewiesene Schleichwerbung und die Webpräsentation mit Handy-Gewinnspiel. Kamml, der sich selbst einen kurzen, strahlenden Cameo-Auftritt als hilfsbereiter Autofahrer gönnt, will vor allem unterhalten und sein zugrundeliegendes Thema nicht abschreckend ernsthaft inszenieren.

Blackout Journey

Marek Harloff mit seiner unnachahmlich quietschenden Stimme und vielleicht vom Fahrtwind ständig geröteten Augen ist wie in jedem Film sehenswert. Der immer noch als Nachwuchshoffnung gehandelte 33-jährige hatte seinen ersten Filmerfolg in Romuald Karmarkars Der Totmacher (1995), 1998 erhielt er für seine Darstellung in Dominik Grafs Der Skorpion den Silbernen Löwen. Arno Frisch, seit seiner Leistung in Michael Hanekes Funny Games (1997) gern als düsterer Charakter besetzt, spielt die komplizierteste und zugleich sympathischste der Figuren, über die man gerne mehr erfahren würde als wild übereinandergeblendete Zitate aus Valentins Krankenakte, die seine Psyche erklären sollen. Und Mavie Hörbiger gilt seit ihrer Drittplatzierung auf der Liste der „Sexiest Women in the World“ des Männermagazins FHM als Garant für frechen Sex-Appeal.

Doch die Mischung aus Charakter-Darstellern, der als Auflockerung angelegten Figur Stellas und dem rasanten Tempo lässt Blackout Journey schnell ins Belanglose steuern. Den Gefühlen der Brüder wird zu wenig Raum gegeben, der psychologisch sehr schwierige und spannende Konflikt der Protagonisten um Verlust und Verdrängung wird zugunsten einiger Action-Momente zurückgedrängt. Der psychisch labile Valentin, der unter den titelgebenden schizophrenen Blackouts und gegen sich selbst gerichteter Aggression leidet, zieht einmal zu oft sein Messer, überbelichtete Flashbacks vom Tathergang suchen Mio und Valentin heim und führen die Geschichte dorthin zurück, wo sie begann: in einen Kugelhagel am Flughafen Wien-Schwechat. So wird der eine Bruder blutig von der Vergangenheit erlöst, dem anderen bleiben das Geld und das Mädchen.

Aktuelle Themen wie Terrorismus und Gewalterfahrung dienen dem Roadmovie zwar als Zündstoff, aber bleiben selbst zu sehr im Bereich des Blackouts verborgen. Tempo ist gut. Tiefe wäre spannender gewesen.

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