Frauen in Ketten

Eddie Romero verlegt Stanley Kramers Anti-Rassismus-Drama Flucht in Ketten auf die Philippinen und ins Women-in-Prison-Subgenre. Außerdem bedient er sich motivisch großzügig bei der von Roger Corman geleisteten Vorarbeit.

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Der Beginn von Frauen in Ketten (Black Mama, White Mama, 1973) ist unauffällig, aber tatsächlich von unschätzbarer Bedeutung für die allgegenwärtige, schicksalhafte Stimmung. Die Kamera blickt über die Außenmauern eines Gefangenencamps ins Innere. Erst nach einiger Zeit, die Title-Sequenz ist inzwischen abgelaufen, kommt Bewegung in den Establishing Shot: Ein Bus fährt in das Lager, an Bord befinden sich die beiden Protagonistinnen, Lee Daniels (Pam Grier), eine Kleinkriminelle und ehemalige Gelegenheitsprostituierte, und Karen (Margaret Markov), Mitglied einer Gruppe von Rebellen. Der Zuschauer ist nicht von Anfang an bei diesen beiden Frauen, vielmehr kommen sie zu ihm, fahren in sein Blickfeld, als hätte er dort an der Gefängnismauer auf sie gewartet, wissend, dass die spannende Geschichte ihrer ungewöhnlichen Freundschaft hier ihren Anfang nimmt.

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Im Gefängnis regieren die beiden einander in lesbischer Liebe zugeneigten Wärterinnen Densmore (Lynn Borden) und Logan (Laurie Burton), und Erstere vergreift sich immer wieder auch an ihren Insassinnen. Lee und Karen, auf die sie sogleich ein Auge geworfen hat, verweigern sich ihr jedoch und bekommen deshalb ihre Strafe zu spüren, bevor sie in ein Hochsicherheitsgefängnis gebracht werden. Der Transport gerät in einen von Karens Rebellenfreund Ernesto (Zaldy Zshornack) initiierten Hinterhalt, doch bevor er die beiden Gefangenen befreien kann, müssen sie vor der anrückenden Polizei, angeführt von Captain Cruz (Eddie Garcia), fliehen. Karen und Lee – beide aneinander gekettet – gelingt ihrerseits die Flucht, aber die beiden Streithähne können sich nicht darauf einigen, welchen Weg sie einschlagen: Karen will zu Ernesto, um ihm und seinen Männern bei seinem nicht näher erläuterten Freiheitskampf zu helfen, Lee zu einem Freund, der ein geraubtes Vermögen für sie versteckt hält, um mit diesem die Insel zu verlassen. An die Fersen der beiden heftet sich nicht nur Cruz mit seinen Leuten, sondern auch der Gangsterboss Vic Cheng (Vic Diaz), dem Lee das Geld entwendet hat, sowie der Ganove Ruben (Sid Haig), der wiederum von der Polizei mit dem Angebot eingespannt wird, für seine Hilfe etwas von Chengs Kohle einzustreichen. Am Hafen, in dem Lees Boot in die Freiheit liegt, kommt es zum großen Aufeinandertreffen der Konfliktparteien ...

Die Philippinen als dystopischer Gefängnisstaat

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Frauen in Ketten entstand 1972 auf den Philippinen. Regie führte der einheimische Filmemacher Eddie Romero, und als Koproduzent fungierte die American International Pictures (AIP). Die amerikanische Produktionsgesellschaft war in den 1950er und 60er Jahren nicht zuletzt durch die Zusammenarbeit mit Roger Corman zum größten US-Independent avanciert. Nachdem Corman die Kollaboration 1971 beendet hatte, stieg er mit der von ihm selbst gegründeten New World Pictures selbst ins Produzentengeschäft ein. Einen Riesenerfolg landete er 1971 mit The Big Doll House, der sowohl die Welle der sogenannten Women-in-Prison-Filme (kurz: WIP-Filme) lostrat als auch den Startschuss für eine ganze Reihe amerikanisch-philippinischer Koproduktionen bedeutete. The Big Doll House, von Jack Hill gedreht, etablierte die Inselnation im Westpazifik als reizvolle Kulisse, Pam Grier als kommenden Blaxploitation-Star und lieferte die Blaupause, bei der sich zahlreiche Epigonen bedienen konnten: Typische Elemente waren Lesbensex, Vergewaltigung, Demütigung und Folter, Dusch- und Untersuchungsszenen, aber auch das Zusammenwachsen der zunächst egoistischen Gefangenen zu einer sich gegen ihre Unterdrücker auflehnenden Einheit. Dem großen Erfolg von The Big Doll House folgten bei New World Pictures zwei weitere auf den Philippinen gedrehte WIP-Filme: Women in Cages (Gerardo de Léon, 1971) und The Big Bird Cage (Jack Hill, 1972). Mehr als ein konkreter geografischer und politischer Ort (die Filme sind allesamt in fiktiven Staaten angesiedelt) ist die tropisch-urwüchsige Berg- und Urwaldlandschaft der Philippinen ein vorzivilisatorischer: Hier ist der Mensch auf seine basalen Bedürfnisse zurückgeworfen, hier kämpft er jeden Tag aufs Neue für die Bedingungen eines menschenwürdigen Lebens. Seine Gegner sind die Handlanger eines autoritär geführten, meist anonym bleibenden Staatsapparates: Welches System, welche Interessen sie eigentlich vertreten, bleibt unklar, aber die Uniform als Insignie der Macht spricht eine eindeutige Sprache. Jonathan Demme holte das WIP-Subgenre für New World Pictures mit Das Zuchthaus der verlorenen Mädchen (Caged Heat, 1974) nach Hause in die USA, wo der zuvor noch diffuse antiautoritäre Gestus einer schärfer konturierten Kritik an Kapitalismus und Konsumgesellschaft wich. Doch der WIP-Trend war natürlich nicht auf die USA und Cormans Produktionsgesellschaft beschränkt, und so entstand unter der Ägide von AIP eben auch Frauen in Ketten ganz nach dem erfolgreichen Vorbild (Romeros Horrorfilm Beast of Yellow Night war zuvor von Cormans New World Pictures vertrieben worden).

Fight the Power

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Nach einer Geschichte von Jonathan Demme orientiert sich Frauen in Ketten im deutschen Titel besonders unverkennbar an Stanley Kramers Klassiker Flucht in Ketten (The Defiant Ones, 1958). In dem Anti-Rassismus-Drama gelingt einem Schwarzen (Sidney Poitier) und einem weißen Rassisten (Tony Curtis) die Flucht aus dem Gefängnis. Durch eine Kette untrennbar aneinander gefesselt, müssen die beiden ihren Hass überwinden, um ihren Verfolgern entkommen zu können. Den aufklärerischen Tenor von Kramers Film wirft Romero gleich über Bord: Die Rivalität zwischen Lee und Karen liegt nicht in irgendwelchen Ideologien begründet, die aufgelöst werden müssten, sondern lediglich in ihren unvereinbaren Interessen: Während sich Karen der Insel verbunden fühlt und für eine Besserung der Zustände kämpfen will, will Lee einfach nur an einen besseren Ort. Anstatt den Fokus also auf den inneren Konflikt zu richten, verkompliziert Romero die Rahmenbedingungen von Karens und Lees gemeinsamer Flucht, indem er ihnen gleich mehrere Verfolgerparteien hinterherjagt. Karens Traum von der Revolution platzt am Ende ebenso hart und laut wie ihr eigener Brustkorb: Die herrschenden Mächte erweisen sich dann doch als zu stark, vor allem wenn sie noch nicht einmal davor zurückschrecken, mit Verbrechern gemeinsame Sache zu machen. Lees Realismus, ihr Mangel an Sentimentalität, ihre Weigerung, sich für eine Sache einspannen zu lassen, haben sich als ihre Rettung erwiesen. Am Horizont verschwindet ihr Boot. Sie hat es geschafft, wird woanders noch einmal von vorn anfangen können, während der Zuschauer – ein Echo der Auftakteinstellung, der Kreis schließt sich – zurückbleibt. Dieses doch mehr als verhaltene Happy End spiegelt das im WIP-Genre insgesamt bestimmende desillusionierte Menschenbild wider: Der Mensch ist dem Menschen Wolf, und auch der vereinzelt vorkommende Idealist kann keine fundamentale Änderung dieser Tatsache bewirken. Frauen in Ketten ist nur sehr vordergründig ein feministischer Film: Er beschreibt das Dasein ganz generell als aussichtslosen Kampf gegen die „powers that be“.

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