Feuerwerk am hellichten Tage

An der schönen blauen Donau in einer verschneiten chinesischen Kleinstadt. Ein Genrefilm, der Funken schlägt.

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In den letzten Jahren waren immer wieder chinesische Filme auf den großen Festivals zu sehen, die ein brutales und verstörendes Bild ihrer Heimat zeichneten. A Touch of Sin (Tian zhu ding, 2013) war so ein Fall oder auch People Mountain People Sea (Ren shan ren hai, 2011) –  beides Filme, die Gewalt als elementaren Bestandteil der chinesischen Gesellschaft inszenierten. Alles, was im Land schiefläuft, findet seinen Ausdruck in Menschen, die sich entweder selbst oder gegenseitig zerstören. Der westliche Blick, der bei China automatisch ein totalitäres Land mitdenkt, tut bei der Interpretation solcher Werke sein Übriges. Wenn nun im politisch gerne engagierten Wettbewerb der Berlinale ein Film läuft, der von einer Mordserie in einer nordchinesischen Kleinstadt erzählt, scheint klar zu sein, worauf das alles hinausläuft. Und doch schlägt Black Coal, Thin Ice (Bai ri yan huo) einen anderen Weg ein.

Eine vertraute Genrewelt und ihre typisierten Figuren

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Regisseur Diao Yinan hat zumindest fast einen richtigen Genrefilm gedreht, eine Noir-Geschichte, die alle klassischen Zutaten vereint: Es geht um eine Mordserie, die sich über den Zeitraum von fünf Jahren hinzieht, einen Polizisten, der sich nach seiner Suspendierung dem Alkohol zuwendet und schließlich auf eigene Faust ermittelt, und auch eine undurchsichtige Femme fatale spielt eine zentrale Rolle. Diao inszeniert seine Geschichte lange Zeit sehr geradlinig, folgt der Suche seines Protagonisten überwiegend handlungsökonomisch und mit unaufgeregter Bildsprache.

Dabei ist Black Coal, Thin Ice mit seiner langsamen Erzählweise mehr Arthouse als ein Produkt der kommerziellen Filmindustrie. Und doch formen sich die Morde des schnell entlarvten Schlittschuhkillers nie als Metapher für die Missstände in Diaos Heimat. Was erzählt wird, verweist vor allem auf sich selbst, auf eine vertraute Genrewelt und ihre typisierten Figuren. Gerade wegen der enormen Klarheit, mit der Diao seinen Film lange Zeit vorantreibt, ist es ein wenig schade, dass die Handlung gegen Ende immer weiter verschnörkelt. Plötzlich wird die Distanz zu den Figuren, die sich meist am unteren Ende der menschlichen Ausdrucksskala befinden, zum Problem. Gerade ein Gedankengang des Protagonisten, der zu einem entscheidenden Wendepunkt führt, bleibt für den Zuschauer nicht ganz nachvollziehbar.

Kurze Aufhellungen im blutroten Schnee

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Besonders schön ist Black Coal, Thin Ice dagegen, wenn er vermeintliche Nebensächlichkeiten dazu nutzt, um über die bloße Handlung hinauszugehen. Nur weil der Film sich eher schwer als Anklage gegen ein repressives Regime interpretieren lässt, heißt das nicht, er könne nicht trotzdem von China erzählen. Gerade von seinem eher ärmlichen provinziellen Milieu rund um ein Kohlekraftwerk bekommt man einen guten Eindruck. Die Zimmer wirken dunkel und stickig, die Straßen werden von heruntergekommenen Wohnblöcken flankiert, und in einem Badehaus der unhygienischeren Sorte sind die Wände von einer zentimeterdicken Dreckschicht überzogen. Auch die Handlung öffnet Abgründe, mit übergriffigen Männern und plötzlichen Ausbrüchen von Gewalt, die den Schnee blutrot färben. Bei alldem bewahrt sich Black Coal, Thin Ice jedoch eine bestimmte Leichtigkeit. Das hängt zu einem mit seinem trocknen Humor zusammen, zum anderen mit den hedonistischen Zufluchtsorten, die immer wieder aufgesucht werden. Während in einem Ballsaal mit dem Namen „Tagesfeuerwerk“ ausgelassen getanzt wird, schmettert auf der belebten Eislauffläche Strauss’ „An der schönen blauen Donau“.

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Bemerkenswert sind diese kurzen Aufhellungen vor allem im Hinblick auf Diaos letzten Film Night Train (Ye che, 2007), einen richtigen Downer. In kühlen, blaustichigen Bildern und fast ohne Dialoge erzählt der Regisseur darin von einer Henkerin in einem Frauengefängnis und ihrer Suche nach dem Mann fürs Leben. Zwar gibt es auch in Black Coal, Thin Ice eine Liebesgeschichte, doch die Hoffnungslosigkeit hat sich hier noch nicht in jeden Pixel gefressen. Obwohl die plumpen Annäherungsversuche des Protagonisten gerechterweise zu einer Abfolge an Zurückweisungen führen, schwingt doch oft die Möglichkeit auf ein gemeinsames Glück mit. Und ganz auf Metaphern verzichtet Diao schließlich doch nicht. Gerade dann, wenn man als Zuschauer angestrengt versucht, die einzelnen Teile der Geschichte ineinander zu fügen, schließt der Film mit einem anarchischen Feuerwerk als bedingungslosem Liebesgeständnis.

Trailer zu „Feuerwerk am hellichten Tage“


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