Black Brown White – Kritik

In seinem ersten Kino-Spielfilm widmet sich der preisgekrönte österreichische Filmemacher Erwin Wagenhofer dem Menschenhandel von Afrika nach Europa.

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Fernfahrer „Don“ Pedro (Fritz Karl) bricht mit seinem Hund Hot Dog zu einer üblichen Lieferfahrt nach Marokko auf, wo er eine komplette LKW-Ladung Knoblauch abliefern soll. Im Austausch schmuggelt er in den Containern illegal Afrikaner nach Europa. Gemeinsam mit seinem Partner Jimmy (Karl Markovics) kontrolliert er sorgfältig seine Geschäfte, bis in Tanger Jackie (Clare-Hope Ashitey) mit ihrem kleinen Sohn Theo (Theo Chaleb Chapman) seinen Beifahrersitz beansprucht. Eine gefährliche Odyssee beginnt, die das Heimatland Österreich zum Ziel hat.

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Auf den Reise- bzw. Transportwegen dominieren Grenzüberquerungen die Stimmung des Films. Nicht nur an den border lines zwischen einzelnen Ländern müssen Pedro und seine Begleitung, zu der zeitweise auch ein deutscher Arzt (Wotan Wilke Möhring) zählt, Hindernisse überwinden. Auch Bergpässe und Wasserwege sind Teil des schwierigen Hürdenlaufs. Dem Film gelingt es in diesen Grenzsituationen zwar nicht immer, den einengenden Druck auf die Protagonisten für den Zuschauer räumlich spürbar zu machen, dennoch treibt das Zusammenspiel von Ort und Zeit die Handlung dramatisch voran.

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So zufällig sich Pedro und Jackie begegnen, so offensichtlich scheinen die beiden Außenseiter in ihren Unterschieden und Gemeinsamkeiten füreinander bestimmt. Die Sentimentalisierung der Liebesgeschichte sowie der Beziehungen zu einigen Nebenfiguren ist denn auch die Schwachstelle des Films. Klischeebehaftete Äußerungen wie „Scheiß Österreicher“ werden hörbar, die von dem Versuch ablenken, eine Auflösung etablierter „rassischer“ Muster abzubilden – wie etwa in dem traurig-passiven Antlitz Theos, dessen deutlich hellere Hautfarbe von seinem schweizerischen Vater stammt, der gemäß seiner Immunität als einflussreicher UN-Abgeordneter nie im Film zu sehen ist.

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Black Brown White ist betont gesellschaftskritisch und thematisiert neben Menschenhandel auch Kinderarbeit und soziale Verödung. Der Film adaptiert, dem Thema angemessen, die Grundstruktur des Roadmovies, die von permanenter Bewegung geprägt ist, und inszeniert so einfache Kommunikationsmittel wie ein Walkie-Talkie als Mittel zeitlicher und räumlicher Überbrückung. Wenn Pedro mit der im Laderaum eingesperrten Jackie spricht, funktioniert das Medium als einstweilige Retardierung und betont zugleich die bestehende Distanz, die reell nicht aufgehoben werden kann. Visuelles Hauptmotiv ist Pedros LKW, der sich beständig durch die weite, lebensfeindliche Steppenlandschaft Südspaniens und Marokkos quält. Das Fahrzeug funktioniert – um einen Begriff Foucaults zu bemühen – als Heterotopie, als medialer Raum, der verschiedene Orte, hier beispielsweise Ruheraum, Transportmittel und auch Gefängnis an einem Platz vereinigt.

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Schließlich geht es in Black Brown White auch um ökonomische Macht, was den Film im gegenwärtigen Kontext umso ernüchternder wirken lässt. Keiner der für den Menschenhandel Verantwortlichen muss letztlich für seine Taten büßen: Dem Gerechtigkeitssinn der Zuschauer kommt der Film nicht entgegen. Im Vergleich mit den letzten beiden Dokumentarfilmen Wagenhofers, We Feed The World (2005) und Let’s Make Money (2008), bleibt die entlarvende Sozialkritik etwas im Hintergrund, aus letzterem wird mit den unzähligen Villen im Süden Spaniens das Motiv der sogenannten „Immobilienblase“ übernommen. Diese leer stehenden Häuser – in Let’s Make Money als „Zement-Tsunamis“ bezeichnet – wirken wie eine riesige Geisterstadt, in der sich gegen Ende der Geschichte auch der gutmütige, aber letztlich doch profitorientierte Pedro wiederfindet, der, analog zu den schockierenden Bildern in We Feed The World, gleichermaßen ein Teil des perversen internationalen Lebensmittelsystems ist. Sein suchender Gang durch die surreal anmutende Architektur symbolisiert die Orientierungslosigkeit in einer immer künstlicheren, von Geld regierten Welt.

Trailer zu „Black Brown White“


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