Black Book – Kritik

Paul Verhoevens Drama aus den nationalsozialistisch besetzten Niederlanden ist nur vordergründig eine klare Sache: Hinter einer traditionellen Oberfläche verbirgt sich große und sehr interessante moralische Verwirrung.

Black Book

Kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges versucht die jüdische Sängerin Rachel Stein (Carice van Houten), die sich bisher vor den Nazis versteckt gehalten hat, gemeinsam mit ihrer Familie aus den Niederlanden zu fliehen. Der Fluchtversuch wird durch eine deutsche Patrouille äußerst gewaltsam verhindert; nur Rachel kann sich in Sicherheit bringen und kommt mit dem Leben davon. Was aber macht, wir sind hier schließlich in einem Film von Paul Verhoeven, eine junge, eigentlich sehr lebens- und abenteuerlustige Frau wie diese in einer so aussichtslosen Situation? Sie schließt sich natürlich dem holländischen Widerstand an.

Die Handlung von Black Book (Zwartboek) ist, man ahnt es schon, nicht nur in den Prämissen und den zusammengeführten Zufällen einigermaßen konstruiert bis unwahrscheinlich, auch die Heldin Rachel erweist sich als wahres Wunderkind der Spionage – als blondierte Schönheit schleicht sie sich in Büro, Herz und Leben des deutschen SD-Offiziers Ludwig Müntze (Sebastian Koch).

Verhoeven verschmilzt hier die Geschichten mehrerer historischer Figuren zu großem Unterhaltungskino seiner ganz speziellen Art, und nimmt zugleich in der Auseinandersetzung mit dem holländischen Widerstand ein Thema auf, das ihn bereits vor dreißig Jahren in Der Soldat von Oranien (Soldaat van Oranje, 1977) beschäftigt hatte. Wie er natürlich mit seinem ersten, seit langer Zeit wieder in Europa entstandenen Film sich sowieso wieder auf seine Wurzeln zu besinnen scheint.

Black Book

Man sollte sich allerdings nicht davon täuschen lassen und glauben, Verhoeven mache jetzt gefällige Filme über die schön widerständigen Niederländer, in denen die Menschen seiner Heimat nur in den rosigsten Widerstandsfarben erschienen. Auch Black Book ist so ein Verhoeven-Film, der durch vorgefertigte Raster hindurch zu fallen scheint und zu Missverständnissen einlädt. Immer wieder gelingt es diesem Regisseur, sich gezielt zwischen Stühle und in Nesseln zu setzen.

RoboCop (1987) etwa gerierte sich als Polizeifilm und nahm dabei Motive aus Terminator (The Terminator, 1984) auf. Der seltsame Cyborg und die überschäumende Brutalität des Streifens ließen dann meist vergessen, dass Verhoeven hier sehr explizit den menschenverachtenden Turbokapitalismus der achtziger Jahre aufs Korn nahm. Zehn Jahre später lud Starship Troopers (1997) ebenfalls zu ausführlichen Interpretationen ein: Hinter der Fassade eines gut gelaunten, affirmativ militaristischen und sehr brutalen Actionfilms versteckte Verhoeven eine äußerst zynische und präzise Abrechnung mit den protofaschistischen Erzählstrukturen des Genres.

Gegenüber diesen Filmen ist Black Book sehr zurückgenommen: die Actionsequenzen, die so zahlreich nicht sind, sind fast zurückhaltend und klassisch inszeniert, das Blut spritzt nur selten in Großaufnahme, und auch wenn alle Frauen in größeren Rollen ihre Brüste entblößen, hat man auch in Verhoevens Filmen zwischen Basic Instinct (1992) und Hollow Man (2000) schon mehr und exploitativer in Szene gesetzte Sexualität erlebt.

Black Book

Sex und Gewalt sind in diesem Film, noch mehr als in seinen anderen, Verhoeven nur Mittel zum Zweck. Die Verwirrung und besondere Qualität von Black Book ist moralischer Natur. Denn während sich der Film zunächst anlässt wie eines der unzähligen in dieser Zeit angesiedelten Dramen mit bösen Nazis und guten Widerständlern verwirrt rasch die moralische Ambiguität nahezu aller Figuren. Die Widerstandskämpfer unter Gerben Kuipers (Derek de Lint) sind keineswegs alle ehrenvolle Helden, und nach dem Einmarsch der Alliierten zeigen sich auch die befreiten Niederländer keineswegs als den Nazis moralisch überlegen.

Mit Lust inszeniert Verhoeven, wie sich die Unterdrückten gegen ihre vormaligen Unterdrücker erheben und ihre Macht mit unzähligen Erniedrigungen auskosten, bis alle moralische Eindeutigkeit aus den neuen Machtverhältnissen entwichen ist. Für Rachel, die sich während ihrer Arbeit als Spionin in Ludwig Müntze verliebt hat, hält der Regisseur und Drehbuchautor in Personalunion da noch einige Handlungsvolten bereit.

Müntze ist das eigentliche Problem des Films, was keineswegs Sebastian Koch anzulasten ist. Er ist aber schon deshalb unglaubwürdig, weil das unbarmherzige Drehbuch ihn so klar als moralischen Skeptiker positioniert, der nicht nur am Endsieg zweifelt, sondern offenbar auch daran, dass Juden im Allgemeinen und eine bestimmte holländische Jüdin im Besonderen hassenswerte Kreaturen seien. Dies ist zwar nicht die größte Ungereimtheit in Black Book, aber wohl die schwerwiegendste und eine, der man nicht folgen mag: wie, bitte schön, ist dieser Gerechte nur in eine Position gelangt, in der das Foltern und Töten von Menschen eigentlich zum Tagwerk gehört?

Black Book

Vielleicht ist das jedoch alles Absicht, eine weitere Umdrehung von Verhoevens Uneindeutigkeitsmaschine, die doch mit großer Eindeutigkeit sowohl differenzierte Menschenbilder als auch Ambivalenzen produziert. So wird eine Mitläuferin (Halina Regin), die niemandem etwas Böses will, aber sich stets den Männern an den Hals wirft, die zur gerade siegreichen Armee gehören, zu einer der sympathischsten Figuren des Films, und in der letzten Einstellung des Films gelingt Verhoeven wieder einmal ein so herrlich zynischer Kunstgriff, dass manchem Zuschauer der Atem stocken mag.

 

Neue Trailer

alle neuen Trailer

Neue Kritiken

Kommentare


Marcus Prost

Ein spannender Film um eine Frau in den Niederlanden zu Zeiten der deutschen Besetzung im Zweiten Weltkrieg und danach. Inhaltlich ist der Film sehr vielschichtig und interessant. Es ist keiner dieser typischen "gute Hauptakteure gegen böse Nazis"-Geschichten, sondern läßt auch Zwischentöne zu. Vieles ist grau statt schwarz-weiß.
Auch die Zeit nach dem Ende der deutschen Herrschaft wird dargestellt und gezeigt, daß dort auch nicht alles Gold war.


Inhaltlich und schauspielerisch kann ich den Film nur empfehlen.

Trotzdem ist er insgesamt kein großer Wurf, denn die Filmästhetik ist ziemliches Mittelmaß. Paul Verhoeven ist doch ein angesehener Regisseur. Da frage ich mich, warum er ist nicht schafft aus diesem typischen Einheitsbrei auszubrechen.
Warum müssen fast alle Filme, die im Dritten Reich spielen so derart gleich aussehen? Immer die gleiche Art Filmmusik, immer die gleiche Art Kameraführung...irgendwie sind diese Filme doch austauschbar.

Seit Senator-Film mal diesen großen Erfolg mit "Comedian Harmonists" hatte, hat fast jeder Film mit NS-Bezug diese Ästhetik; bald kann man es echt nicht mehr sehen.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.