Bitter Moon

Mit Bitter Moon erscheint jetzt ein weniger bekannter Polanski-Film als DVD, der es aber verdient hat, wieder oder überhaupt entdeckt zu werden. Auf einem Kreuzschiff kommt es zu einer verhängnisvollen Begegnung zweier sehr unterschiedlicher Paare. Und über kurz oder lang sind wir als Zuschauer in einer verwirrenden amour fou gefangen, aus der es so leicht kein Entrinnen mehr gibt ...

Bitter Moon

Bitter Moon ist eine Versuchsanordnung. Auf einem Kreuzschiff Richtung Istanbul treffen zwei Paare aufeinander: die seit sieben Jahren verheirateten und wenigstens in ihrer erotischen Liebe etwas eingeschlafenen Briten Nigel und Fiona (Hugh Grant und Kristin Scott Thomas) begegnen erst der attraktiven, Nigel sofort faszinierenden Französin Mimi (Emmanuelle Seigner) und später deren wesentlich älterem und zudem an den Rollstuhl gefesselten amerikanischen Ehemann Oscar (Peter Coyote). Man müsste kein Prophet sein, um zu erahnen, was hier geschehen wird.

Allerdings ist Bitter Moon ein Film von Roman Polanski und ganz so einfach, wie wir es uns als kleine Propheten denken, ist es dann doch nicht. Der Amerikaner Oscar erkennt im Briten Nigel sofort den etwas verklemmten Schüchternen, der von seiner Frau zwar fasziniert ist, aber weder die Courage, noch – wie sich gleich im ersten Gespräch mit Mimi herausstellt – die Fähigkeiten hat, die Französin auch nur für sich zu interessieren. Oscar lockt den Ahnungslosen in seine Kabine und erzählt ihm dort die Geschichte einer aberwitzigen, erst amüsanten, dann widerlichen und schließlich bösartigen amour fou, deren Protagonisten eben jene Französin und der Erzähler selbst sind; Oscar erzählt die Geschichte ihrer Liebe – mit allen Details, vor allem der sexuellen.

Bitter Moon

Die Erzählung wird uns im Film in mehreren Rückblenden dargeboten, und jedes Mal, wenn wir uns zwischendurch, gemeinsam mit Nigel, wieder zurück auf dem Schiff finden, erscheinen Oscar und Mimi in einem anderen Licht. Mal ist sie die verdorbene Hure, mal der gebrochene Engel – mal ist er der leidende Gute, mal der sadistische Peiniger. Ganz zum Schluss, und nachdem der Film noch einige Volten geschlagen hat, wird das alles – mit einem erneuten, verwirrenden Effekt – mehr oder weniger aufgelöst. Aber doch bleibt ein schaler Beigeschmack. Was haben wir hier gesehen? Schließlich amüsiert man sich nicht gern unter Niveau, und so recht überzeugen konnte doch der in seinen Details oft obszöne und nicht sehr bedacht wirkende Stil nicht.

Wer so denkt, hat den entscheidenden Trick Polanskis leider völlig übersehen. Oscar ist, und darauf weist er selbst nun wirklich oft genug hin, ein gescheiterter Schriftsteller, der zwar mehrere Romane geschrieben hat, von denen aber kein einziger gedruckt wurde. Dies wird seine Gründe haben und wir finden sie eben im Stil der Erzählung. Oscar kann Sexualität nur obszön erzählen, Liebe nur kitschig schildern und zudem scheinen einige Details der Story ohnehin eher seiner Männerphantasie entsprungen.

Bitter Moon

Der aufmerksame Zuschauer wird dies gleich finden. Vor allem die Bilder des außergewöhnlichen Tonino Delli Colli ermöglichen es nämlich, zwischen der „realen“ Welt des Schiffes und der (männer-)erträumten Pariser Welt Oscars zu unterscheiden, denn auf dem Schiff scheint alles zu wanken. Einerseits mag dies auf dem Meer noch nichts Ungewöhnliches bedeuten – besagt andererseits aber auch: dem Boden, auf dem wir hier stehen, ist nicht zu trauen! Das klingt alles sehr komplex und ist es auch. Darüber hinaus ist der Film aber vor allem unterhaltsam, schrecklich schön und bietet herausragende Darsteller: Allen voran Peter Coyote, der die Rolle seines Lebens liefert. Es ist mehr als nur zu bedauern, dass er weder in Amerika noch in Europa je wieder so spielen konnte. Und selbst der junge Hugh Grant kann hier zeigen, dass er tatsächlich einmal als richtiger Schauspieler begonnen hat.

Kommentare


Wilfried Mathias

Um es gleich vorweg zu sagen: „Bitter Moon“ ist ein wahres Meisterwerk,
ein filmisches Juwel.
Nie zuvor habe ich in einem Spielfilm eine derart sinnliche und intensive
Beziehung erlebt, wie die von Mimi und Oscar. Fesselnd von der ersten bis zur letzten Sekunde. Es ist unmöglich, sich dem Sog der Handlung zu entziehen,- von der romantischen und höchst erotischen Liebesbeziehung, bis hin zu den leidvollen und tragischen Tiefpunkten der Geschichte.
Emmanuelle Seigner und vor allem Peter Coyote brillieren mit schauspielerischen Meisterleistungen. Die Hingabe und die Leidenschaft, mit der sie die Liebeserlebnisse von Mimi und Oscar darstellen, ist glaubwürdig und sehr berührend. Die ungezügelte körperliche Begierde der beiden Protagonisten zeigt sich in vielfältigen erotischen Spielarten, die jedoch nie obszön bzw. schamlos wirken. Vielmehr offenbart sich darin ein sinnlicher Reichtum, der ständig vergrößert wird.
Doch wie schon im ursprünglichen Sinne des Wortes „Leidenschaft“ ausgedrückt, kann diese eine zerstörerische und leidvolle Wandlung erfahren. So auch in der Geschichte von Mimi und Oscar.
Eine Beziehung scheitert, wenn der unbedingte Wille nach persönlicher Freiheit und Unabhängigkeit den Wunsch nach einer langlebigen Beziehung zunichte macht.
In einer Szene mit Fiona und Nigel bringt es Oscar auf den Punkt:
„Jede Beziehung, so harmonisch sie auch sein mag, trägt den Ansatz zur Farce oder Tragödie in sich“.
Das tragische Ende des Films mag verstörend sein, doch es ist, wie ich finde,
folgerichtig und konsequent.
Ich habe den Film mittlerweile acht mal gesehen ohne das der Filmgenuss
getrübt wurde. „Bitter Moon“ ist Kult und einer meiner ganz großen Lieblingsfilme.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.