Bis später, Max

Ein Roadmovie mit vielen Toten und willigen Frauen …

Bis später, Max

… und einem 80-jährigen Protagonisten, der mit der Bahn fährt. Das Inszenierungstempo ist entsprechend gemächlich, dafür klappt es umso zügiger mit den Damen. Die werfen nur einen kurzen, eindeutigen Blick auf den alten Max Kohn (Otto Tausig) und stecken ihm im nächsten Moment schon ihre Visitenkarte zu oder planen die Hochzeit. Seine langjährige Lebensgefährtin Reisel (Rhea Perlman) ist nicht ohne Grund extrem eifersüchtig und misstrauisch. Der jüdische Schriftsteller hat Angst vor Frauen, Krankheit und Tod (der frühe bis mittlere Woody Allen lässt grüßen) und aufgrund einer bevorstehenden Prostataoperation auch vor der Impotenz, weshalb ihm seine Lesereise durch die USA auch als (fiktive) Liebesreise dient.

Bis später, Max

In der Eröffnungssequenz fragt ihn ein neugieriger Fahrkartenkontrolleur nicht nur nach seinem Ticket, sondern auch, ob er noch Geschlechtsverkehr mit seiner Freundin habe. Max bezichtigt ihn daraufhin der Mitgliedschaft in der Gestapo – genauso wie Reisel, als sie mal wieder zum Seitensprungverhör ansetzt – und schreckt dann aus einem seiner neuerdings zahlreichen Albträume hoch. In einem späteren wird Max’ literarisches Alter Ego von einer lasziven Hotelangestellten mit Schulterbehinderung bedrängt, die aus kindischer Furcht vor einem Gewitter in sein Bett flüchtet und ihre Hände nicht über der Decke lassen kann.

Bis später, Max

An dieser Stelle demonstriert Autor und Regisseur Jan Schütte (Supertex – Eine Stunde im Paradies, 2003), wie peinlich Seniorensex wirken kann, im Gegensatz zu den weitaus expliziteren Szenen in Andreas Dresens Wolke 9 (2008), wenn er plump und albern umgesetzt wird. Dass das horny Hausmädchen als lächerlich-groteske Karikatur dasteht, rechtfertigt sich bei Schütte vielleicht noch mit der albtraumhaften Überhöhung der Situation. Sämtliche weiteren Protagonistinnen sind allerdings ebenfalls eindimensional oder stereotyp angelegt und scheinen in erster Linie die Funktion zu erfüllen, sich einen angegrauten Herren angeln zu wollen, „der weiß, wie man Frauen anständig behandelt“. Es gibt die kontrollierende Eifersüchtige, die von der Liebe enttäuschte Zynikerin, die einsame Witwe und die offensive Miami-Urlauberin mit pinkem Stretchoutfit und schwerem Goldschmuck.

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Dabei versteht sich Schüttes Melancholiekomödie unter dem Etikett des Warmherzigen und Verschmitzten als bloß nicht deprimierende und dennoch ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Alter und Themen wie Einsamkeit, Krankheit und Tod, während der man fast permanent von gefälliger Musik berieselt wird. Die vermittelt einem auf Dauer das Gefühl, im Fahrstuhl stecken geblieben zu sein, soll aber vermutlich für den nötigen Schwung sorgen, den die statischen Kameraeinstellungen, der undynamische Handlungsverlauf und die fade Ästhetik nicht erzeugen können. Schütte hat drei Kurzgeschichten des Nobelpreisträgers Isaac Bashevis Singer adaptiert, wobei die letzte Episode Old Love der 2001 gedrehte Kurzfilm Späte Liebe des Regisseurs ist, den er beinahe nahtlos ins übrige Geschehen integriert hat. Die Übergänge zwischen Träumen, Wirklichkeit und Fiktion sind das Gelungenste an seiner Inszenierung, die ähnlich wie Woody Allens Harry außer sich (Deconstructing Harry, 1997) das Leben der angstgeplagten Hauptfigur mit den teils absurden Abenteuern seiner Literaturkreaturen verschmelzen lässt.

Bis später, Max

Hauptprobleme von Bis später, Max! (Love Comes Lately) sind eine unentschlossene Erzählhaltung und eine oftmals beliebige Bildsprache, die schon Schüttes Obdachlosenromanze Fette Welt (1998) verflacht haben. Auch sein neuer Film findet keinen persönlichen und keinen angemessenen Ton für die behandelten Themen, überzeugt weder als Farce noch als Drama, wenn das große Sterben einsetzt: Herzinfarkt kurz nach der Hochzeit, Nachbarinnen, die Selbstmord begehen, verstorbener Ehemann, zwei tote Kinder, erschossene Ehefrau … Das ist genauso wenig komisch wie ergreifend, wegen der oberflächlichen Charaktere vor allem egal. C’est la vie. Komplex waren die Figuren auch nicht in Schüttes Brecht-und-seine-vielen-Affären-Kammerspiel Abschied – Brechts letzter Sommer (2000). Dort schuf die Konzentration auf einen Ort und 24 Stunden aber zumindest etwas dramaturgische Spannung und Dichte, die hier durch die episodenhafte Erzählweise kaum zustande kommen.

Bis später, Max

Trotz der wechselnden Schauplätze, die weitestgehend austauschbar und profillos erscheinen, wirkt Schüttes amouröse Literatenreise wie ein Roadmovie im Ruhestand. Es kommt nie wirklich in die Gänge, und wenn man zum ersten Mal den Eindruck gewinnt, es würde schließlich doch noch durchstarten, erreicht es plötzlich die Endstation.

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