Birth
Anna (Nicole Kidman) trauert ihrer verstorbenen Liebe hinterher und glaubt diese in einem zehnjährigen Jungen wiederzufinden. Reinkarnation ist jedoch nur vordergründig das Thema dieses Films, der den Fall einer liebeskranken Frau mit namhaften Schauspielern schildert, sich dabei allerdings über weite Strecken in einem Mystery-Rätsel verläuft und keine ästhetische Ausgewogenheit entwickelt.

Wenn Filme mit Puzzeln verglichen werden, fehlt oft ein erklärender Zusatz: Nicht der Zuschauer puzzelt. Vielmehr beobachtet er jemand anderen dabei. Nennen wir diesen jemand Regisseur. Nennen wir ihn Jonathan Glazer. Der hat Ben Kingsley in einer mediokren britischen Gangsterkomödie moderner Prägung als Sexy Beast (2000) an der Seite des genialen Ray Winstone zu einer weiteren Oscarnominierung verholfen. Das schafft einen Namen unter den Akteuren und so bekam er Nicole Kidman, momentan das absolute Nonplusultra des celluloiden Vergnügens, für seinen neuen Film vor die Kamera. Die brachte direkt noch Hollywood-Ikone Lauren Bacall vom Dogville-Set mit. Ergänzt wird das namhafte Ensemble von Charaktermime Danny Huston, dem schwedischen Alleskönner Peter Stormare, der wandlungsfähigen Anne Heche und Cameron Bright, dämonischer Knabe aus Godsend. Nach Butterfly Effect spielt er nun zum dritten Mal in einem absurden Mysterystück und gibt erneut das abgründige Kind.

Bevor er intrigant in das Geschehen eingreift, beginnt das Werk jedoch vielversprechend: Ein Jogger zieht seine Kreise durch den verschneiten Central Park, ohne Schnitt, in einer einzigen langen Kamerafahrt, untermalt von gewaltigen orchestralen Tönen. Er bricht zusammen und stirbt. Die nächste Einstellung schenkt uns ein Kind, das später mal Cameron Bright verkörpern wird. Nächster Schnitt wieder in den Schnee, eine Frau am Grab. Es ist die göttliche Nicole als Anna, diesmal selbst fast knabenhaft mit Bubischnitt und sie betrauert, man ahnt es, den Jogger.
Diese Eingangssequenz ist ein ästhetisches Versprechen, das der Film nie einlösen kann. Sie ist der Beginn des Puzzles mit scheinbar wenigen und großen Teilen. Doch dann erscheint da ein zwielichtiges Paar just an dem Abend, als Annas neuerliche Ehe annonciert wird. Nicht genug, besagter Knabe, noch viel zwielichtiger im Wesen, tritt auf den Plan und behauptet, verstorbener Jogger zu sein. Ein kryptisches Rätsel? Nein, denn der Regisseur legt die riesigen Puzzleteile alle ganz nah aneinander und in wenigen Minuten könnte das Bild fertig sein. Doch jetzt beginnt er ein unfaires Spiel mit dem unbeteiligten Zuschauer und zögert die Zusammensetzung hinaus, erzählt eine Geschichte, die so gar nicht zu seinem Puzzle passen will und lässt es kurzum links liegen.

Derweil spielt Nicole Kidman das tiefgründige Drama einer liebeskranken Frau, die über den Verlust eines nahen Menschen nicht hinwegkommt. Darüber hinaus gibt sie auch noch, und das ist nun wirklich nicht einfach zu mimen, die Verehrerin eines Zehnjährigen. Da möchte man ihr zurufen: „halt“, denn man hat das Puzzle ja längst schon in Gedanken zusammengefügt und weiß, dass sie sich einem Irrsinn hingibt, doch der Regisseur kennt kein Erbarmen. Er findet schon bald keine ästhetische Linie mehr für seine Geschichte und besinnt sich stets einer Lösung: Großaufnahme Kidman! Sie muss dann das doppelte Liebesdrama, das pädophile und das nekrophile, mit so viel Würde wie nur irgend möglich spielen. Dies fällt umso schwerer, da Buch und Inszenierung das Drama immer wieder mit Elementen des Mystery-Films verwässern. In einem einsamen selbstreflexiven Moment des Films, scheint Lauren Bacall als Annas Mutter dessen Absurdität in Worte zu fassen, wenn sie sich über des Jungen lächerliches Lügenkonstrukt entlarvend äußert. Genauso entlarvend sind dieser Satz und die keinerlei Suspense entwickelnden Mystery-Töne hinsichtlich der Unausgegorenheit des Plots. Anstatt die Geschichte so geradlinig wie den anfänglichen Weg des Joggers zu gestalten, schickt Glazer seinen Star durch die verworrenen Pfade seines leidlich spannenden Rätsels, ehe Anna dann im Brautkleid ans Meer gelangt. Wie Eingangs möchten die Bilder nun wieder poetisch sein, doch diesmal stört die emphatische Musik noch mehr als zu Beginn. Anna verharrt und trauert bitterlich.
Wir trauern mit Nicole.
Filmkritik von Sascha Keilholz
Veröffentlicht am 20.12.2004
Kommentare zu Birth
Don 27.01.2006 18:16
Was für ein Nonsense. Die Frau liebt ein Wesen, dass sich einen Scheiss um sie kümmert und darüber hinaus betrügt. Das Kind spielt dieselbe Geste den ganzen Film und löst damit eher Agressivität anstatt Mitgefühl und harmonisches blabla aus. Pseudo Tiefsinnig. Es passt einfach nichts zusammen.
Wer diesen Film auch noch gut findet, ist trotz meiner Intolleranz dumm und selber nur darauf erpicht sich selbst schlau zu fühlen, weil man ja dieses komisch Konstrukt auch noch durchschaut hat. Wahnsinn.
Trotzdem Nicole war gut.
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Film-Angaben
Titel: Birth
USA 2004
Laufzeit: 100 Minuten
Regie: Jonathan Glazer
Drehbuch: Jean-Claude Carrière, Milo Addica, Jonathan Glazer
Produktion: Jean-Louis Piel, Nick Morris, Lizie Gower
Darsteller: Nicole Kidman, Cameron Bright, Lauren Bacall, Danny Huston, Arliss Howard, Peter Stormare, Ted Levine, Anne Heche
Kinostart: 23.12.2004
Copyright Birth
Fotos: © Warner Bros.
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