Birdman (oder die unverhoffte Art der Ahnungslosigkeit)

Tamtam auf anderen Ebenen. Ohne seinen Hang zur großen Geste und erzählerischen Spielerei unterdrücken zu können, inszeniert Alejandro González Iñárritu einen anspielungsreichen Abgesang auf das Starsystem.

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Alejandro González Iñárritu ist ein Zampano. Einer, dessen Filmen man immer wieder anmerkt, dass er gerne und mit viel Nachdruck zeigen will, was er kann, was Film kann, was überhaupt möglich ist in jenem Medium, das doch dem Träumerischen und dem (Un-)Möglichen von Anfang an nahe stand. Die utopische Spannung in dieser Haltung ist sicherlich nicht hoch genug zu bewerten, über ihre Entladung in konzeptuellem wie kompositorischem Größenwahn kann man jedoch durchaus streiten. Ohnehin dann, wenn dieser Größenwahn, ähnlich wie bei Christopher Nolan (Memento, Inception, Prestige), in allzu viel metaphorischer Hudelei und narrativen Modulationen kondensiert. Mit Filmen wie Amores Perros (2000), 21 Gramm (21 Grams, 2003) und Babel (2006), in denen er immer wieder mit den Methoden des crazy narrative, also dem Aufspalten und Verweben verschiedener Handlungsstränge, und des unzuverlässigen Erzählens hantiert, steht Iñárritu für ein zeitgenössisches Bombast-Kino irgendwo zwischen hochgezüchteten Megaproduktionen à la Der Herr der Ringe (2001-03) und starbesetztem Action-Kino.

Batman als Birdman

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Auch wenn der mexikanische Regisseur in seinem neuesten Film diese gschaftlhuberischen Intensitäten kaum abstellt, ist Birdman innerhalb des Iñárritu-Kosmos doch erst einmal eine Anti-These. Einerseits formal, weil der Film fast komplett ohne sichtbare Schnitte auskommt, sich bis kurz vor Schluss in einer einzigen (digital vernähten) Einstellung vollzieht. Aber auch thematisch, als auf das Filmbusiness und vor allem dessen Star-System angelegte Metareflexion. Der auffälligste Schachzug in dieser Hinsicht ist die Besetzung der Hauptrolle durch Michael Keaton, der den in die Jahre gekommenen Schauspieler Riggan Thomson verkörpert. Vom Publikum immer nur als der titelgebende Birdman – eine frühere, ikonisch gewordene Blockbuster-Rolle – wahrgenommen und gefeiert, will sich Thomson mit der Inszenierung eines Theaterstücks am Broadway endlich im Himmel der E-Kunst etablieren (die Verfestigung dieser Dichotomie nervt bisweilen, sie Iñárritus filmischem Konstrukt vorzuwerfen schlägt aber wohl fehl). Keaton als flatternder Superheld und eine Figur, die seiner Schauspielkarriere auf lange Zeit nachhing? Da war doch was.

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Im Prinzip ist die Anspielung auf Keatons Fledermaus-Vergangenheit aber nur der einladende Gag für das zentrale Motiv des Films: das Verhältnis von realer Person und Figur, von Schauspieler und Rolle. Dass diese Pole und die diesen je zugeschlagenen Welten nur schwer zu trennen sind, lehrt uns aus Zuschauer-Perspektive eben nicht zuletzt das Starsystem und aus Schauspieler-Sicht das Method-Acting. Mit Edward Norton in der zweiten männlichen Hauptrolle (und der ersten im Theaterstück im Film) spielt Birdman auch darauf mehr als augenzwinkernd an, geht doch das mehrfach gebrochene Über- und Unterspielen des Mannes mit dem ohnehin unberechenbaren (und nun doch langsam alternden) Knabengesicht nie in einem Typ auf, ragt vielmehr in die Filmgeschichte: eben noch als lässig rauchender Delon auf der Dachterrasse die Tochter Thomsons (Emma Stone) verführend, dann plötzlich ein De-Niro-Wutausbruch, und immer wieder die Forderung nach „more realness“.

Sprünge ohne Schnitte

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Das Offenlegen der Darbietung wird selbst wieder zur Darbietung - gerade auch durch die Entscheidung für die Form der extrem ausgedehnten Plansequenz, die eben nicht nur technisch, sondern auch narrativ eine angetäuschte ist: Es gibt sie, die narrativen Sprünge, nur versteckt sich die vergangene erzählte Zeit hier eben nicht in sichtbaren Schnitten, sondern immer wieder in einer Kamerabewegung, einem Lichtwechsel, im Auftauchen einer neuen Figur nach einem Schwenk. So kann Iñárritu trotz stetigem Kamera-Flow innerhalb eines Kammerspiel-Settings, das die (Außen-)Welt des Publikums fast ausschließlich via Facebook, Twitter und YouTube einlässt, doch wieder seinen Fetisch fürs Ineinander-Schachteln ausleben. Gewieft, vielleicht ein bißchen dreist, serviert er uns doch wieder seine Spielchen. Angenehmer als in seinen vorherigen Filmen ist das, weil die ausladenden Gesten dann doch ganz konkret räumlich begrenzt werden. Getrommelt werden darf trotzdem, wird das Ganze doch von den prägnanten Drum-Arrangements des Scores eingetaktet, die das Elegische des letzten Filmdrittels noch etwas ironischer erscheinen lassen: Stetig und mit zahlreichen angetäuschten Enden wird da immer weiter ins Absurde gedriftet. Mit ein wenig Abstand macht Birdman aber genau hier, wo er sich als Film aus seinem formalen und als Hauptfigur aus seinem psychischen Korsett befreit – und man sich selbst eigentlich schon mehrmals aus seinem Kinositz schälen wollte – am meisten Spaß.

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