Bird People

Vom Skypen zum Spatzen: Pascale Ferran findet zwei radikal unterschiedliche Wege, von der persönlichen Suche nach Freiheit zu erzählen.

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Die Menschen haben sich in Bird People längst von sich und ihrem Umfeld entfremdet. Sie sind allein, ohne Zuhause und unter dem Druck, in einer Arbeitswelt funktionieren zu müssen, die ständig mehr von ihnen fordert.. Auch wenn Regisseurin Pascale Ferran (Lady Chatterley, 2006) wenig daran liegt, ein naturgetreues Abbild der Wirklichkeit zu schaffen, versammelt sie in ihrem Film doch die klassischen Probleme der modernen, urbanen Gesellschaft. Passenderweise ist ihr Film an Schauplätzen angesiedelt, die der französische Anthropologe Marc Augé als „Nicht-Orte“ bezeichnet hat: Flughäfen, Bahnhöfe, Schnellstraßen, aber auch Autos, Büros und ein Pariser Flughafenhotel aus dem Hause Hilton, das zum Zentrum der Geschichte wird. Hier laufen sich auch die beiden Protagonisten erstmals über den Weg, der amerikanische Geschäftsmann Gary (Josh Charles) und das Zimmermädchen Audrey (Anaïs Demoustier). Am Ende des Films stehen sie gemeinsam im Fahrstuhl und stellen fest, wie sich in der französischen Sprache Gegensätze in einem einzigen Wort treffen können. Die Uneindeutigkeit von personne, das zugleich Jemanden und Niemanden meint, steht dabei exemplarisch für zwei Figuren, die auf ewiger Durchreise sind.

Zwei Wege in die Freiheit

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Audrey und Gary befinden sich in einem seltsamen Zwischenstadium, nie wirklich weg, aber auch nie richtig angekommen. Bird People nimmt diese Rastlosigkeit jedoch nicht zum Anlass, einen Zustand zu suchen, an dem alles zur Ruhe kommt, eine neue Heimat etwa. Stattdessen widmet sich Ferran dem Wunsch, sich von einem Augenblick auf den nächsten von allen Verpflichtungen und Abhängigkeiten zu lösen. Das Spannende ist gerade, dass der Entfesselungsprozess nicht auf ein Ziel hinsteuert, dass er, wie auch der Film selbst, ein Abenteuer mit unbestimmtem Ausgang bleibt. Eigenartig ist jedoch, wie sich Ferran mit zwei stilistisch und qualitativ sehr unterschiedlichen Wegen der Suche nach individueller Freiheit widmet.

Zunächste eine starke Ouvertüre: Die Kamera gleitet durch ein U-Bahn-Abteil, verlagert immer wieder die Schärfe auf andere Gesichter und Milieus, liest die Gedanken seiner Insassen. Danach folgt der Gary gewidmete Teil, und hier muss man erstmal die Zähne zusammenbeißen. In der Arbeit läuft es zwar gut, mit der Ehefrau eigentlich auch, aber die Panickattacken, die den Familienvater nachts nicht schlafen lassen, deuten schon an, dass hier etwas nicht stimmt. Am nächsten Tag trennt sich Gary von seiner Arbeit und seiner Familie, um ein neues Leben in Europa zu beginnen. Das alles klingt wie eine romantische Aussteigerfantasie aus einem schlechten Hollywoodfilm. Als würde Gary darauf schielen, dass auf dem Weingut von Russell Crowe aus Ein gutes Jahr (A Good Year, 2006) noch ein Plätzchen frei ist. Und dann heißt der Mann auch noch Newman mit Nachnamen.

Tiefpunkt Seifenoper

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Vielleicht liegt es auch am Sprachunterschied, dass Ferran diese Momente nicht so richtig im Griff zu haben scheint. Josh Charles wirkt teilweise wie ein Roboter, der immer wieder in dieselben stereotypen Gesten verfällt und Floskel auf Floskel folgen lässt. Die genauen Beweggründe, die zu seiner Entscheidung geführt haben, bleiben unklar, ebenso wie seine Pläne für die Zukunft. Erstaunlicherweise erweist sich in diesen Passagen gerade die Offenheit der Erzählung als stärkste Beschränkung. Wenn Gary in einem quälend langen Skype-Gespräch mit seiner Frau nie ins Detail geht, folgt daraus nur eine Aneinanderreihung von Trivialem. Man fühlt sich wie in einer Seifenoper, und auch ästhetisch ist der Film hier mit seiner faden, gleichmäßigen Ausleuchtung an einem Tiefpunkt angelangt.

Auf einmal ein Wunder!

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Um zur Schönheit von Bird People vorzudringen, muss man diese Passage durchstehen. Dann aber passiert ein kleines Wunder. Denn mit der Episode von Audrey zeigt uns Ferran schließlich, wie ein richtiger Befreiungsschlag aussieht. Los geht es damit, dass sich das neugierige Mädchen mit den Sommersprossen nach einem unheimlichen Stromausfall in einen Spatz verwandelt. Diese Metamorphose wirkt, als wäre ein uralter Wunsch der Menschen in Erfüllung gegagenen. Nicht unbedingt der Traum vom Fliegen, sondern die Möglichkeit, andere unbemerkt beobachten zu können. Obwohl sich Ferran keiner Erzählökonomie verpflichtet fühlt, erinnert Bird People immer wieder an populäre Formate. So wie Garys Episode einer Vorabendserie gleicht, greift Audreys Geschichte die Prämisse eines Fantasyfilms auf. Doch während die Protagonisten solcher Filme meist eine bestimmte Aufgabe erfüllen müssen, beschränkt sich Ferran darauf, die Welt aus einer ungewohnten Perspektive zu zeigen.

Zu den Klängen von David Bowies „Space Oddity“ flattert Audrey minutenlang über ein nächtliches Pariser Niemandsland und gerät dabei an die seltsamsten Orte, einen Parkplatz im Wald etwa, auf dem einige Hotelangestellte in ihren Autos hausen. Gegen Ende fährt Gary, der sich mittlerweile auf sein neues Leben eingestellt hat, an einer Anzeigetafel mit der Aufschrift „Welcome to a World of Opportunities“ vorbei. Ein falsches Versprechen der Werbeindustrie, das von Ferran mit einem widerborstigen, fordernden, aber doch auch sehr bemerkenswerten Film eingelöst wird.

Trailer zu „Bird People“


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