Big Eyes

Tim Burtons Film über das Leben der lange verhinderten Künstlerin Margaret Keane wird ziemlich niedergewaltzt. Aber vielleicht soll das auch so.

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Margaret Keane (Amy Adams) malt Kinder mit großen Augen, über-dimensionierten Augen, in deren Schwarz man sich verliert; Keane heißt sie erst, nachdem sie Walter (Christoph Waltz) kennengelernt hat, der neben ihr im Park seine gemalten Eindrücke von Pariser Straßenszenen verkauft, während Margaret Ein-Dollar-Porträts zeichnet. Man heiratet und malt weiter, hofft auf das große Glück. Margaret hat da bereits ihren ersten Mann verlassen und ist von Tennessee nach San Francisco gereist, eine für eine Frau in den 1950er Jahren ungewöhnliche und deshalb beachtliche Handlung, wie es der Erzähler betont, der uns diese Episode als Vorgeschichte mit auf den Weg gibt.

Eigensinnige Hausfrau

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Weil Margaret trotz ihres Eigensinns und ihres künstlerischen Talents nicht zu den Extrovertierteren gehört – wie etwa ihre ungleich hippere Freundin Dee-Ann (Krysten Ritter) –, sondern in Kleidungsstil und Frisur sowieso und dank der baldigen nächsten Ehe auch strukturell wieder housewife ist, liegt in ihrer Figur eine Spannung, die Amy Adams auf kluge Weise eher beschwört denn auf den Punkt zu bringen versucht. Margaret ist nicht genial, aber wirkt stets wach und schlau; kein Genie, aber eine Frau mit Lust aufs Malen und schönen Ideen.

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Während Adams die expressionistische Künstlerin also auf eher impressionistische Weise spielt, verhält es sich mit Christoph Waltz als Maler von Pariser Impressionen genau andersherum. Waltz darf dynamisch wie eh und je durch die Burton’schen Tableaus rauschen, gewieft betrügen, grandios schwadronieren und hinterhältig Pläne schmieden. Seinen inneren Tarantino kann oder will Waltz noch immer nicht so ganz abstellen, und man könnte meinen, zu einem ähnlich exzentrischen Regisseur wie Burton, der ja schließlich auch den immer gleichen Johnny Depp in diverse Rollen gecastet hat, könnte die Persona-Redundanz eigentlich ganz gut passen. Doch will Burton mit Big Eyes gar nicht so recht Burton sein; außer einer Szene im Supermarkt, in der Margaret aus den Augenhöhlen der Menschen um sie herum auf einmal die riesigen schwarzen Flächen ihrer Bildkinder ausströmen sieht, erzählt er seine wahre Geschichte ziemlich straightforward.

Die Malerin und der Künstler

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Deren Ausgangspunkt ist eine folgenreiche Lüge. Walter wird eines Tages in einer Bar, in der sowohl seine Pariser Straßen wie auch die Kinder seiner Frau an den Wänden hängen, für den Schöpfer Letzterer gehalten und bestreitet das gar nicht erst. Während Margaret brav weitermalt und nichtsahnend Walter das Geschäftliche überlässt, wird das Interesse an den big eyes immer größer. Die prekäre Konstellation erlangt Stabilität in einer mit dickem Marker unterstrichenen Szene, in der ein wohlhabender Interessent die Bar betritt, kurz nachdem Margaret ihren Mann beim Lügen erwischt hat. „Wer ist denn nun der Künstler?“, steht eine Frage im Raum, die Bruno Delbonnels Kamera direkt und unerbittlich an Walter und Margaret weiterleitet. Danach sitzt man in einem Boot: Margaret malt im versteckten Hinterzimmer, Walter vertritt das Gemalte nach außen. (Der Film wird dann erst mal selbst ein bisschen redundant, weil auf diesem Boot nicht viel passiert: Margaret ist so frustriert über den verhinderten Ruhm wie ängstlich angesichts der eigenen Mittäterschaft in einem großen Kunstbetrug; Margarets Tochter aus erster Ehe darf nichts mitkriegen, wird aber leider älter und schlauer.)

One-Man-Show

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Burton interessiert sich also – wie schon in Ed Wood (1994) – für missverstandene oder zu ihrer Zeit nicht ernst genommene Künstler, und dieses Mal mit geschlechterpolitischem Anspruch. Dass nämlich Walter behauptet, die großen Augen gemalt zu haben, und damit seiner Frau das Copyright stiehlt, das hat zwar auch mit seinem Ego und seiner Skrupellosigkeit zu tun, lässt sich aber leicht ökonomisch legitimieren; die Bilder (in diesem Fall vor allem die Poster) verkaufen sich schlicht besser, wenn man im Hintergrund das männliche Genie und nicht die Hausfrau auf Abwegen wähnt.

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Während das Drehbuch und Amy Adams diese ernsthafteren Aspekte des Stoffs auszuspielen suchen, agiert Waltz, als hätte er sich vertraglich zusichern lassen, dass er einen klassischen Burton-Bösewicht geben darf, mit allem dazugehörigem Overacting. Zum absurden Finale mit einem Malwettbewerb vor Gericht mag das ganz gut passen, und gänzlich jenseits der realen Eskapaden der historischen Person Walter Keane liegt sein Spiel wohl auch nicht. Aber Big Eyes leidet denn doch gehörig und zunehmend darunter, dass seine Hauptdarsteller in zwei völlig unterschiedlichen Filmen spielen; dass Waltz den Weg verstellt auf alles, was dieser Film gern sein würde. Doch vielleicht verbirgt sich hinter diesem Makel ja auch ein cleverer Clou: Wenn Burton daran lag, die Kontinuitäten männlichen Geltungsdrangs in der Kunst bis in den Kinosessel erfahrbar zu machen, dann ist ihm das eigentlich ganz gut gelungen, und dann war auch das Casting konsequent.

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Kommentare


Konrad Kögler

Diesmal nimmt uns Burton also nicht in eine seiner Fantasy-Welten mit, sondern bietet etwas ganz Anderes. Nur was genau? Big eyes schlängelt sich irgendwo zwischen Reflexion über den Kunstmarkt als Haifischbecken und Emanzipations-Drama einer Frau, die nach einem Schlüsselerlebnis mit Zeugen Jehovas, die an ihrer Haustür klingeln, die Nase voll davon hat, sich mit der Rolle als Hausfrau und Mauerblümchen zu begnügen. Selbstverständlich unterhaltsam – wie könnte es bei diesem Trio Burton/Adams/Waltz auch anders sein! – aber doch in für Burton ungewohnt langsamem Tempo und leider auch redundant, wie critic.de zurecht kritisierte, plätschert der Film seinem Finale entgegen.

Mehr dazu hier: http://kulturblog.e-politik.de/archives/24831-tim-burtons-big-eyes-grosse-augen-grosse-erwartungen-und-kleine-ergebnisse.html






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