Big Big World

Zwei Waisenkinder fliehen vor dem bösen Stiefvater in den tiefen, dunklen Wald.Der türkische Regisseur Reha Erdem macht daraus ein berauschend schönes Märchen über den Verlust der Unschuld und die Vertreibung aus dem Paradies.

Koca Dunya 02

„Ob es hier Wölfe gibt?“, fragt Zuhal (Ecem Uzun) ihren Bruder Ali (Berke Karaer). Der verneint, doch nach dem nächsten Schnitt hallt nächtliches Heulen durch den Wald. „Niemand wird uns hier finden“, verspricht Ali seiner Schwester. Niemand, weder Zuhals Stiefvater, den Ali niedergestochen hat, weil der verheiratete Mann die Minderjährige zu seiner Zweitfrau machen wollte – noch die Polizei, die wegen dieser Gewalttat nach Ali fahndet.

Mit seinem Motorrad sind Ali und Zuhal aus der rot-orange beleuchteten Großstadt geflohen, übers grüne Land bis zu einer grauen Kleinstadt, weiter an gelblichen Feldern und blaugrauen Seen vorbei, bis tief in den schwarzgrünen Wald. Dort steht ein verrostetes Gerüst, über das sie eine Plastikplane geworfen haben. Diese Konstruktion soll ihnen als Unterschlupf dienen, bis der Winter anbricht und die Polizei die beiden hoffentlich vergessen hat.

Hänsel und Gretel, Adam und Eva

Koca Dunya 03

Die Hütte ist karg und kalt. Und dennoch: Für Ali und Zuhal ist die dortige Zweisamkeit – die Loslösung von der Gesellschaft – paradiesisch. Von jugendlichem Glück erfüllt, geben sie sich spielerische Fantasienamen: KumKum und MiMi. Hänsel und Gretel würde auch passen, oder besser noch: Adam und Eva. Wie schon im grandiosen Kosmos (2010) arbeitet Regisseur Reha Erdem in Big Big World (Koca Dünya) mit religiösen Motiven. Der Wald erscheint den beiden Flüchtenden anfangs wie der Garten Eden, doch bald schon zeigen sich Schlangen und rote Früchte, die den Verlust der Unschuld ankündigen. Später, nach dem Sündenfall, inszeniert Erdem die junge Zuhal in einer malerischen Einstellung als Mater Dolorosa mit einem Trauerschleier vor dem Gesicht.

Worin genau hier der Sündenfall besteht – diese Deutung überlässt Erdem dem Zuschauer, bietet ihm aber drei Möglichkeiten. Mehrere Szenen deuten an, dass Zuhal von ihrem Stiefvater missbraucht wurde und schon „befleckt“ ins Paradies eintrat. Ein Nebenstrang legt nahe, dass das Miteinander von ihr und Ali an weltlichen Verlockungen und Eifersucht scheitert. Den meisten Raum aber erhalten narrative Brotkrumen, die eine Spur zum Bibelvers 3. Mose 18:6 legen: Ali und Zuhal pflegen ein sehr zärtliches Verhältnis zueinander. Sie schmiegt sich an ihn, legt ihren Kopf in seinen Schoß, er streichelt sie, küsst ihr die Finger. Als sie ihn spielerisch in die Hand beißt und nicht wieder loslässt, geht die Kamera bewusst auf Distanz. Und wenn die Kindfrau Zuhal einmal ihren – für ländliche Verhältnisse in der Türkei nicht allzu langen – Rock auszieht, blickt die Kamera in das Gesicht Alis, der seinen Blick nicht abwenden kann.

Paradise Lost

Koca Dunya 01

Je länger der Film läuft, desto unmöglicher wird es auch für den Zuschauer, seinen Blick abzuwenden. Die Bilder von Erdems Stamm-Kameramann Florent Herry erreichen gerade im letzten Drittel immer wieder malerische Höhen: Da schwebt der Morgennebel über einem Teich, tagsüber biegt der rauschende Herbstwind die Halme des Schilfs, abends hängen blaurote Wolken über einer Lichtung, nachts spiegelt sich der Mond im Wasser. Schildkröten gleiten in den See, Spinnen erklimmen Pilze, und Reiher steigen in Zeitlupe empor. Herry beschwört geradezu animistische Naturbilder herauf und drapiert die Figuren als von der Sünde Besiegte vollkommen statisch mitten in diese quirlige Lebendigkeit hinein: Zuhal liegt mal erschöpft mit dem Kopf im dreckigen Wasser, mal lehnt sie apathisch mit blutrotem Mund an einem Baumstamm. In einer der schönsten Einstellungen kreist die Kamera um einen toten Baum, in dessen Ästen die erschlafften Körper von Ali und Zuhal hängen.

Der Verlust ihrer Unschuld wirkt umso schmerzhafter, wenn Erdem eine Flashback-Sequenz gegen jene „Paradise-lost“-Bilder schneidet: Plötzlich sehen wir noch einmal, wie Zuhal und Ali lachend durch den mystisch-nebligen, von warmem Gegenlicht durchfluteten Wald laufen, lachen, umhertollen, sich kugeln und spielerisch balgen. Doch dann sind wir wieder im Jetzt, in dem das Schicksal die beiden aus ihrer Utopie vertreibt und zurück in die Stadt zwingt, in die Kapitulation. Dazu dröhnt das schwermelancholisch-knorrige Harmonium aus Nils Frahms Tristana, einem Stück aus dem Album Wintermärchen. Der Winter ist gekommen, er lässt den Wald erfrieren.

Trailer zu „Big Big World“


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