Big Bang Love, Juvenile A

Unmögliche Räume, anarchische Farb- und Lichtexzesse, dekonstruierte Genrezeichen: Takashi Miikes Auteurwerdung erreicht mit Big Bang Love, Juvenile A (46 oku nen no koi) eine neue Ebene.

Big Bang Love, Juvenile A

Big Bang Love, Juvenile A: Bereits der Titel wirft mehr Fragen auf, als dass er Antworten verspricht. Und tatsächlich wird im Film weder geklärt, wer oder was „Juvenile A“ ist, noch werden wir erfahren, wessen Liebe das Attribut „Big Bang“ verdient. Zusätzliche Verwirrung darf der Umstand stiften, dass der japanische Originaltitel direkt übersetzt zwar nicht weniger kryptisch, aber doch vollkommen anders lautet: „Die Liebe von 46 Millionen Jahren“.

Der japanische Titel verweist wenigstens darauf, dass sich Miikes Werk Elemente des Science-Fiction Genres einverleibt. Die Handlung spielt zwar im modernen Japan des Jahres 2005, scheint jedoch auf sonderbare Weise sowohl auf die Zukunft als auch auf die Vergangenheit überzugreifen. Zu Beginn kann man sowieso kaum von einer Handlung im engeren Sinne als Interaktion unterschiedlicher Charaktere in einem definierbaren raum-zeitlichen Kontext sprechen: Unterschiedliche Personen stehen vor einfarbigem Hintergrund und werden von einer nicht näher spezifizierbaren Stimme nach ihrem Leben befragt. Anschließend folgt eine Tanzperformance.

Eine gute Viertelstunde dauert es, bis Miike sein Personal eingeführt und die unterschiedlichen Schauspieler auf eine spezifische Rolle festgeschrieben hat. Ganz langsam entwickelt sich eine Narration um zwei Straftäter, Jun (Ryuhei Matsuda) und Shiro (Masanobu Ando), die gleichzeitig in ein Gefängnis eingeliefert werden. Bald wird Shiro tot sein und Jun der Hauptverdächtige. Der Film hat sein Genre gefunden: Big Bang Love, Juvenile A ist eine Detektivgeschichte, genauer gesagt ein in gewisser Weise recht klassischer Whodunit.

Big Bang Love, Juvenile A

Nach wie vor und bis zum Ende des Films verzichtet Miike jedoch darauf, einen in sich auch nur halbwegs kohärenten Handlungsraum zu konstruieren. Das Gefängnis, in welchem sich Jun, Shiro und ihre Leidensgenossen befinden, besteht aus einer Serie unmöglicher, nicht zusammenhängender Räume. Im Zentrum des Geschehens steht eine vieleckige Zelle, die sich mehrere Insassen teilen zu scheinen und in deren Mitte der Mord geschieht. Kaleidoskopartig brechen sich hier die unterschiedlichen Zeit-, Raum und möglicherweise auch Realitätsebenen des Films, die sich sowohl innerhalb als auch außerhalb des Gefängnisses situieren und unter anderem eine Pyramide und eine Weltraumrakete, aber auch Bilder aus dem alltäglichen, gegenwärtigen Tokyo umfassen. Gerade letztere Szenen, unstilisierte, völlig zufällig wirkende Momentaufnahmen aus dem ganz normalen Großstadtleben, wirken in dem ansonsten hochartifiziellen Film höchst verstörend und sorgen für eine weitere Bruchstelle in dem an Bruchstellen nicht eben armen Werk.

Mancher Betrachter wird Miikes Streifen Beliebigkeit vorwerfen. Doch in dem scheinbaren Chaos steckt System. In Big Bang Love, Juvenile A sind die filmischen Zeichensysteme porös geworden, neigen zu Metamorphosen und neuartigen Vereinigungen jeder Art: Die Stimme löst sich vom Körper, verwandelt sich in Schrift, diese Schrift wiederum gefriert das Bild ein. Körper reflektieren Licht nicht mehr, sondern werden von diesem durchbohrt, Menschen verlieren ihre Materialität und werden durchsichtig, wahlweise im Licht oder im Schatten, oder wechseln aus dem Real- in den Animationsfilm.

Big Bang Love, Juvenile A

In diesem entfesselten Zeichenuniversum hat es ein Detektiv naturgemäß schwer. So verwundert es denn auch nicht, dass die körperlichen, menschlichen Ermittler während der Aufklärung des Mordfalles bald in den Hintergrund treten und die Investigationsarbeit der Kamera selbst, sowie ihrem Agenten, der Schrift, überlassen. Konsequenterweise kann die totale Fragmentarisierung von Wahrnehmungen und Sinnzusammenhängen, Emotionen und Gedanken nur von Miike selbst wieder zusammengesetzt werden, von dem Autor des Films als letzte Instanz, auf welche die insitierende, investigative Kamera in Abwesenheit eines körperlichen Protagonisten letztlich verweist.

Und tatsächlich könnte Big Bang Love, Juvenile A einen Schritt Takashi Miikes auf dem Weg vom genreaffinen Kultregisseur zu einem Auteur des internationalen Festivalzirkus darstellen. Nicht nur aufgrund der verrätselten Narration und den intertextuellen Verweisen auf andere ehemalige oder aktuelle Arthausgrößen wie Lars von Trier, Wong Kar Wai oder Stanley Kubrick, sondern auch durch die innerfilmische Betonung der Autoreninstanz. Allerdings erscheint es müßig, darüber zu spekulieren, wohin Miikes Werk letztlich führen wird. Gerade mal ein Jahr alt ist Big Bang Love, Juvenile A während ich diese Zeilen schreibe und bereits jetzt hat der Japaner seine Filmografie um sechs neue Werke erweitert. Unter anderem um einen Beitrag zur amerikanischen Fernsehfilmserie „Masters of Horror“ (seit 2006) und ein Remake des Italowestern Django (1966). So wird im Falle Miike auch weiterhin gelten: Expect the unexpected.

 

Kommentare


Klaus

Schön und gut, aber in welcher Beziehung steht die Auflösung der filmischen Erzählungsmittel und der Materialität der Körper zur Geschichte um Jun und Shiro? Und was hat das alles mit Liebe zu tun? Das sind doch die entscheidenden Fragen (auf die ich anscheinend genausowenig wie der Auto eine Antwort gefunden habe). Und überhaupt, seit wann ist die Schrift ein Agent der Kamera?






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