Big Bad Wolves

Es war einmal: Das israelische Regieduo Aharon Keshales und Navot Papushado verstrickt drei Männer in ein böses Spiel aus Schuld und Schuldzuweisung und verwebt dabei einen klassischen Rachethriller mit Märchenmotiven.

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Ein kleines Mädchen im roten Kleid geht beim Versteckspiel im Wald verloren, nur sein roter Lackschuh wird wiedergefunden – eine bekannte Ausgangssituation, die in vielen Märchen mit der Überlistung der Hexe, der Stiefmutter oder des Wolfs und der Rettung des Kindes endet. Doch anders als Rotkäppchen kann das Mädchen in Big Bad Wolves nicht aus den Fängen des bösen Wolfs befreit werden, sondern wird kurz nach seinem Verschwinden geschändet und enthauptet von der Polizei im Wald gefunden. Eine Brotkrumenspur aus Süßigkeiten führt die Ermittler Micki und Rami zu der Leiche – und nicht aus dem Wald hinaus, sondern immer tiefer hinein in ein Dickicht aus Schuld, Beschuldigungen und Rache. Wer der böse Wolf ist, verschwimmt zusehends.

Folter statt List

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Aharon Keshales und Navot Papushado spielen recht offensichtlich mit gängigen Märchenmotiven und verweben diese mit einem klassischen Rachethriller: Dem vermutlichen Täter Dror (Rotem Keinan) kann zunächst keine Schuld nachgewiesen werden, und er wird durch ungeschickte Taktik der Polizei wieder auf freien Fuß gesetzt. Gidi (Tzahi Grad), der Vater des Mädchens, kidnappt daher sowohl Dror als auch Micki (Lior Ashkenazi) und hält die beiden im Keller seines abgelegenen Waldhauses gefangen. Statt auf märchenhafte List setzt er auf kaltblütige Folter: Mit Misshandlungen will er ein Geständnis aus Dror herauspressen und ihm dieselben Verletzungen zufügen, die dieser seiner Tochter angetan hatte – Rache ist sein Motiv. Bis hierhin ähnelt der Plot dem beinahe zeitgleich erschienenen Prisoners, doch brechen Keshales und Papushado diese grundlegend dramatische Handlung auch zuvor schon ab und an ironisch – etwa wenn der kleine Sohn des Polizeichefs seinen Vater nachahmt und so Micki eine gleichermaßen witzige wie erniedrigende Standpauke ob seiner Verhörmethoden hält. In Gidis Waldhaus nun wird die ernste Handlung in höherer Frequenz komödiantisch durchdrungen: Gidi wird bei Drors Folter regelmäßig kurz vor dem brutalen Höhepunkt unterbrochen – so erschallt der Ritt der Walküren laut als Handyklingelton –, und er muss seiner Mutter Rechenschaft über seinen Verbleib ablegen oder einen Überraschungsbesuch seines Vaters managen.

„Damit ich dich besser fressen kann!“

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Besonders in diesen Momenten des comic relief verhandelt Big Bad Wolves die schwierige Frage der Schuldzuweisung. Anders als Denis Villeneuve in Prisoners verfallen Keshales und Papushado nicht in starre Betroffenheit, sondern stellen nüchtern fest, dass hier alle drei Männer – Dror, der vermeintliche Täter, Micki, der moralisch zweifelhafte Polizist, und Gidi, der mit sadistischen Rachegedanken erfüllte Vater des Opfers – auf ihre Weise mit Schuld beladen, eben alle drei große böse Wölfe sind. Fressen und gefressen werden ist ihre Devise, und so versuchen alle drei in wechselnden Allianzen bestmöglich aus der Situation herauszukommen. Psychologisch wird diese reizvolle Dynamik kaum ergründet, Big Bad Wolves schweift stattdessen eher ab und oszilliert im weiteren Verlauf zwischen Body-Horror-Elementen in den genüsslich ausinszenierten Folterszenen und Slapstick-Einlagen, die kurze Erleichterung verschaffen. Dabei steht der Film in Sachen grafischer Gewalt klassischen Märchenstoffen nicht nach. Die bei Hänsel und Gretel wesentlichen Fingerknöchelchen werden hier sowohl auf der visuellen als auch auf der auditiven Ebene genüsslich traktiert, und Dror wird „mit Haut und Haar“ von Gidis Vater gequält.

Drei Brüder auf der Suche nach der Wahrheit

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In der Dreiergruppe mit wechselnden Allianzen loten die Regisseure die emotionalen und ethisch-moralischen Implikationen der Situation aus. Drors Schuld wird nicht bewiesen, was die Spannungen zwischen den drei Männern verstärkt und Mickis Zweifel an der eigenen Moral befeuert. Gidi erinnert eher an einen Möchtegern-Mafia-Boss im Kielwasser eines Tony Soprano als an einen um sein Kind trauernden Vater. Als plötzlich sein eigener Vater vor der Türe des Ferienhauses steht, um nach ihm zu sehen, und sich obendrein in die Geschehnisse im Keller einmischt, entgleitet Gidi, hin- und hergerissen zwischen seinen diametralen Parts als folgsamer Sohn und herrschsüchtiger Folterer, die Kontrolle über die Situation. Auch Micki wird im Dienste der moralischen Entscheidungsfrage einerseits als fürsorglicher Vater und andererseits als harter Polizist vorgestellt, dabei jedoch immerhin weniger karikiert als Gidi. Der Zuschauer jedenfalls muss die Hoffnung früh verwerfen, dass einer der Männer sich als vollends gut erweisen könnte. Allerdings geht die Figurenzeichnung über die einmal etablierte Konstellation auch kaum hinaus.

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Quentin Tarantinos vielzitierte Aussage, Big Bad Wolves sei der Film des Jahres 2013, drängt den Vergleich mit dessen Werk natürlich geradezu auf. Tatsächlich sind an der Oberfläche auch ganz ähnliche Mechanismen im Spiel, doch mindestens ebenso offensichtlich sind die Unterschiede. Wo Tarantinos Dialoge stets individuelle Charaktere konturieren, verschwimmen bei Papushado und Keshales die drei Männerfiguren oft zu sehr ineinander und bleiben trotz aller Bewegung in ihren Rollen etwas statisch. Anders als bei Tarantino, dafür seinen zahllosen Nachahmern des 1990er-Jahre-Kinos umso ähnlicher, sind die ironischen Brechungen in Big Bad Wolves lediglich pointiert gesetzte Gags, die auf kurze Lacher zielen und die Mängel in der Ausgestaltung überdecken. Dank seiner optisch und motivisch interessanten Umsetzung ist Big Bad Wolves zwar mehr als eine Kopie, kann aber durch seine Ungenauigkeiten und die etwas selbstzweckhafte Fokussierung auf Gewalt und Ironie kaum mehr als einer der vielen epigonalen Eklektizismen bieten, die Tarantinos Werk im Laufe der Zeit nach sich zog.

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