Jenseits der Mauern

Konsens für die Kundschaft. Vom Coming-out im Supermarkt und dem Drama mit der schwulen Liebe.

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Ein paar berauschte Blicke, ein Filmriss, ein Erwachen. Mehr braucht es nicht, um das gegenseitige Begehren zweier Männer, Ilir (Guillaume Gouix) und Paulo (Matila Malliarakis), vorzuführen. Was folgt, sind Momentaufnahmen eines Kennen- und Liebenlernens zwischen dem albanischstämmigen Barkeeper und dem jungenhaften Pianisten: die Spannung vor dem ersten Kuss, geteilte Alltagsbanalitäten oder auch die Erotik des gemeinsamen Rauchens, die Erinnerungen an Jean Genets Ein Liebeslied (Un chant d’amour, 1950) weckt. Regisseur und Drehbuchautor David Lambert inszeniert das Verlieben als einen Zustand in der Schwebe und des Anbahnens, ein Spiel der Möglichkeiten irgendwo zwischen Zögern und Übermut, kalter Zurückweisung und lakonischen Liebesschwüren. Als Entwicklungsgeschichte mag das nicht immer glaubwürdig sein, weder als klassische Coming-out- noch als Coming-of-Age-Story. Da erträgt es Ilir beispielsweise in einer Szene kaum, gemeinsam mit Paulo durch die Straßen seines Viertels zu ziehen, nur um seiner „Prinzessin“ in der nächsten Szene beim Kondomkauf im Supermarkt eine Liebeserklärung per Lautsprecherdurchsage zu machen.

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Betrachtet man Jenseits der Mauern (oder besser gesagt: die erste Hälfte des Films) aber als eine Reihe von Vignetten oder Episoden, ergibt sich das zerschossene Mosaik eines Verknalltseins: Impulsiv schwankt der Film von einem Gemütszustand zum nächsten, launenhaft und unberechenbar wie die Verliebten selbst, dabei immer offen für Zwischentöne und Ambiguitäten. Ein ganz eigener Rhythmus hält den Film hier beisammen, ein Wechsel aus Stille und Musik, Schärfe und Andeutungen, Dramatik und Witz. Ganz unvermittelt sucht Lambert die Nähe zu seinen Protagonisten und ihren Gefühlswelten, da fällt ein körperlicher Annäherungsversuch auch schon mal mit einem Jump Cut zusammen.

Wer die Entwicklung des „New-Wave Queer Cinema“ und die ihm zugesprochenen Filme in den letzten Jahren verfolgt hat, den wird nicht weiter überraschen, dass auf das Zusammenkommen der beiden jungen Männer der detaillierte Blick auf den Zerfall der Beziehung folgt. Wo der politische Diskurs bei Nicht-Heterosexuellen mittlerweile von nichts geprägt zu sein scheint als von dem Wunsch, die eigene Zweisamkeit möge vom Staat anerkannt und privilegiert werden wie die der Heterosexuellen, da wird im Independent-Kino im Modus des Dramas das Scheitern von gleichgeschlechtlichen Paarbeziehungen durchexerziert. Der Anspruch ist der eines queeren Kinos, das sich konträr zu Filmen wie etwa dem serbischen Parada (2011) als postemanzipatorisch versteht: Der Zugang zum Sujet ist persönlicher und nach innen gerichtet, die vermeintlich dominierenden Narrative nicht-heterosexueller Biografien wie das Coming-out, HIV und politischer Aktivismus tauchen oftmals nur noch am Rande auf und sind nicht mehr sinnstiftend oder handlungstragend.

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So lebt auch Jenseits der Mauern von der Nähe zu seinen Charakteren und dem Teilen von deren subjektiver Perspektive. Diese Intimität funktioniert beim Ausloten der Dynamik der Liebenden, wird jedoch ermüdend, wenn der Film nach der Hälfte der Spielzeit ins konventionelle Drama kippt. Nicht nur, dass auf halber Strecke der Humor und Ilir als charismatisches Zentrum des Films verloren gehen, es häufen sich die leeren Gesten und angetriggerten Konflikte, die ohne Konsequenzen und Implikationen bleiben, solange sie nicht als Motor des immer präsenter werdenden, schematischen Melodrams dienen. Paulos Ex-Freundin, Ilirs misstrauische Familie, ein Gefängnisaufenthalt, Geldnot, Drogenschmuggel, all das wird mal heraufbeschworen für einen kurzen Thrill, der die private Zweisamkeit bedroht. An einer ernsthaften Rückkopplung mit ökonomischen, sozialen oder politischen Realitäten scheint Lambert allerdings nicht gelegen, dafür bleiben all die Konflikte zu oberflächlich und isoliert vom eigentlichen Geschehen.

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Der Anthropologe Marc Augé hat den Supermarkt zusammen mit Flughäfen, Hotels und Autobahnen einmal als Nicht-Ort definiert, als einen Raum, der keine Identität oder Beziehung herstellt, sondern Einsamkeit und Ähnlichkeit produziert, einen Ort kommunikativer Verwahrlosung. Dass Lambert seine Coming-out-Szene, auf die er ja trotz des postemanzipatorischen Gestus nicht verzichten will, nun ausgerechnet an der Supermarktkasse inszeniert, mag da entlarvend für den ganzen Film sein. Denn trotz all seiner Qualitäten und dem vielversprechenden Beginn macht Jenseits der Mauern am Ende dann doch einen etwas beliebigen und austauschbaren Eindruck, zu viele der Versatzstücke stehen unverbunden nebeneinander oder laufen einfach ins Leere.

Trailer zu „Jenseits der Mauern“


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