Beyond the Sea

Nach dem wenig bekannten Albino Alligator (1996) führt der Schauspieler Kevin Spacey in Beyond the Sea bereits zum zweiten Mal Regie. Dem nicht genug, übernahm der zweifache Oscarpreisträger gleich noch die Hauptrolle und war Produzent des Films. Bei dieser großen Herausforderung scheint Spacey, der ein Porträt des Sängers Bobby Darin abliefert, jedoch überfordert gewesen zu sein.

Beyond the Sea

Als Walden Robert Cassotto den Neonschriftzug eines chinesischen Restaurants erblickt, hat der junge Sänger (Kevin Spacey) eine Eingebung. Er liest seinen künftigen Namen in grell flackernden Lettern: (Man-)Darin. Walden ist überzeugt, dass er als Bobby Darin, neben Frank Sinatra, zu einem der größten Entertainer des 20. Jahrhunderts aufsteigt. Bald wird er in Hollywoodfilmen mitspielen, die junge, aufstrebende Schauspielerin Sandra Dee (Kate Bosworth) heiraten und die Wände seines luxuriösen Hauses in Beverly Hills mit Goldenen Schallplatten täfeln.

Nach Taylor Hackfords Ray (2004) und Martin Scorseses Aviator (2004) ist innerhalb kürzester Zeit eine weitere Filmbiografie in den Kinos zu sehen. Kevin Spacey widmet sich in seiner zweiten Regiearbeit dem Leben und Wirken des Entertainers Bobby Darin, der mit der Interpretation des Weill/Brecht-Liedes „Mackie Messer“ („Mack the Knife“) nicht seinen einzigen großen Hit landete und 1973 aufgrund eines Herzfehlers mit nur 37 Jahren starb.

Beyond the Sea

Im Gegensatz zu Scorseses Biopic, das sich auf eine Dekade aus dem Leben des Howard Hughes konzentriert und lediglich durch kurze Vor- und Rückblenden dezent den Rahmen der Diegese erweitert, liefert Spacey konventionelles Erzählkino indem er die Stationen im Leben des Bobby Darin durchläuft: Ein junger Mann fängt klein an, wird berühmt, fällt tief und rappelt sich wieder auf. Dabei scheint der Film anfangs diese klassische Struktur vermeiden zu wollen. Denn das Biopic beginnt mit einem Biopic. Der Zuschauer ist Zeuge von Darins Bemühungen einen autobiografischen Film zu drehen. Dieser dramaturgische Kniff wird durch den Einsatz einer überwiegend linearen Rückblendenerzählung aus Darins Perspektive unversehens relativiert. Etwas bemüht kommt dann auch der Versuch daher, Darin durch ein Zwiegespräch mit seinem jüngeren Ich, in Gestalt eines Knaben (William Ullrich), der den jungen Bobby in der erwähnten Filmproduktion verkörpern soll, zu porträtieren. Denn der Junge bringt mit kritischen Fragen den erwachsenen Darin zur Selbstreflexion. Die Verwendung von altklugen Kindern als Motor der Charakterisierung, ein filmischer Manierismus aus eigentlich vergangenen Tagen, stellt eine Verlegenheitslösung dar, um die Gefühls- und Gedankenwelt der Hauptfigur zu vermitteln. Der Film geht somit der eigentlichen Herausforderung, die Innenwelt einer Person filmisch umzusetzen, aus dem Wege. So wird dem Zuschauer auch eine eigene Auseinandersetzung mit der Figur bisweilen abgenommen, da Darins Lebens- und Existenzkrisen wiederholt durch den Jungen erklärend auf den Punkt gebracht werden.

Was mag Spacey dazu bewogen haben, nicht nur die Hauptrolle zu übernehmen, sondern auch Regie zu führen und Produzent des Films zu sein? Beyond the Sea zählt zu den Hollywoodprojekten, die über eine Dekade in der Entwicklungsphase waren und durch die Hände unzähliger Autoren und Regisseure wanderte. Zu einem Zeitpunkt galt es schon als sicher, dass Barry Levinson den Stoff mit Johnny Depp verfilmen würde. Letztlich übernahm Spacey, der schon in den späten 80ern an frühen Drehbuchentwürfen der Biografie arbeitete, die Produktion und drehte unabhängig von Hollywood in Deutschland und Großbritannien. Dieser Umstand erlaubte Spacey sich dem Einfluss eines Filmstudios zu entziehen und so behielt der Schauspieler, nicht zuletzt durch seine Dreifachfunktion, die künstlerische Kontrolle über das Endprodukt.

Beyond the Sea

Als Hauptdarsteller, Regisseur und Produzent hat sich Spacey jedoch übernommen. Ihm gelingt es nicht, die einzelnen Episoden und Situationen aus Darins Leben in ein homogenes Gesamtbild zu fügen. Beyond the Sea bietet bisweilen überraschend gelungene Musical-Einlagen. Diese zeichnen sich neben ausgereiften Choreografien durch eine ausgetüftelte Kameraarbeit aus und orientieren sich somit an Hollywoodmusicals der 40er und 50er Jahre. Die Stationen in Darins Leben werden hingegen wie von einer „To-Do-Liste“ und ohne jegliche Überraschungen abgehakt. Etwas kreativer geht Spacey mit der Darstellung des Schauspielerberufs um, indem er Darins Bemühungen, vor der Kamera zu bestehen, mit einem Augenzwinkern inszeniert. Auch stimmlich kann Spacey überzeugen, anstandslos singt er alle Songs selbst. Jedoch scheint er in der Darstellung des Sängers auch an seine schauspielerischen Grenzen zu stoßen. Viel zu sehr ist Spacey bemüht, das Bild eines Entertainers zu produzieren. Besonders deutlich wird dies, wenn er in einer Tanzeinlage zusammen mit dem jungen Bobby auftritt. Der Broadway-Musical erfahrene Kinderdarsteller tanzt mit seinem Esprit den Oscarpreisträger glatt an die Wand.

Vielleicht galt Spaceys Interesse weniger der Hommage an den Sänger, als vielmehr der Möglichkeit eine eigene Botschaft in der Figur des Bobby Darin zu transportieren. Dass Spacey Darins Vietnamlied „Simple Song of Freedom“ nicht nur dreimal im Film in voller Länge singt, sondern dazu noch ein offenkundig konservatives Las-Vegas-Publikum dazu bringt, die Zeile „We, the people here, don’t want a war“ laut mitzusingen, lässt den Schluss zu, es handele sich um Agitations-Kino eines Hollywoodschauspielers. Darauf scheint der Film zumindest hinauszulaufen, nur stellt das für ein Kinopublikum sicherlich keine hinreichende Begründung dar, zwei Stunden lang dem 44jährigen Spacey dabei zuzusehen, wie er einen wesentlich jüngeren Bobby Darin spielt, den er nicht zu verkörpern vermag.

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