Beyond the Black Rainbow

Panos Cosmatos war im Baumarkt. Er hat Farben, Lampen und eine Nebelmaschine gekauft und damit einen fantastischen Science-Fiction-Film gemacht.

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Ein schwarzes Loch. Mitten im gleißend weißen, extrem überbelichteten Nichts. Nur schemenhaft ist ein Mann zu erkennen. Auf seiner Stirn prangt ein gemaltes drittes Auge. Ihm wird eine Substanz verabreicht, er schluckt sie. Bald darauf schluckt das schwarze Loch ihn. Er taucht unter, versinkt in der zähen schwarzen Flüssigkeit. Farbige Nebelschwaden erscheinen, schweben träge vor sich hin, ihr Anblick ähnelt abstrakten Fotografien. Ihre Dimensionen lassen sich kaum erahnen – sie könnten zehn Zentimeter lang sein oder zehn Kilometer. Plötzlich kommen Skulpturen menschlicher Köpfe hinzu, sie sind von loderndem Feuer umgeben. Die Gesichter zerfließen, lösen sich in Farbströme auf, stumm schreien die Münder. Dann taucht der Mann wieder aus dem schwarzen Loch empor, kriecht wie ein verletztes Tier, auf seinem Gesicht der Glanz von Erdöl. Er schreit, wimmert, erbricht schwarzes Blut auf den weißen Boden.

Sinne statt Intellekt, Form statt Inhalt

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Diese rund zehnminütige Sequenz steht nicht zufällig im Zentrum von Beyond the Black Rainbow (2010). Inhaltlich markiert sie den chronologischen Beginn des Plots: Ein Mann nimmt an einem medizinischen Experiment teil und macht eine existenzielle Erfahrung irgendwo zwischen Drogentrip, Nahtod und einer Begegnung mit Gott. Er kehrt ins Diesseits zurück – und doch hat ihn der Blick ins Jenseits für immer verändert.

Stilistisch stellt die Sequenz eine konsequente Radikalisierung, einen Höhepunkt des künstlerischen Ansatzes von Panos Cosmatos dar: In seinem Regiedebüt erweitert er das Science-Fiction-Genre mit den Mitteln des Experimentalfilms. Fast könnte man von einer Zersetzung des Genres durch die Semantik der Avantgarde sprechen, denn Action und Thrill rücken oft in den Hintergrund, während Cosmatos ein Primat des Sinnlichen etabliert. So wie die Wissenschaftler im Film Experimente mit Menschen vornehmen, führt Cosmatos seine eigenen Experimente durch – mit den Möglichkeiten der Filmsprache und mit den Zuschauern.

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Handlungsmäßig passiert lange Zeit nicht viel. Barry Nyle (Michael Rogers), der als Proband einst ins Jenseits schaute, ist inzwischen zum Laborleiter aufgestiegen. Er arbeitet bei einer Firma, die Menschen ewiges Glück verspricht – durch den Einsatz von Neuropharmaka. Doch der Fortschritt fordert Opfer: Die junge Elena (Eva Bourne) ist seit Beginn ihres Lebens in einer gläsernen Zelle innerhalb des Labors eingesperrt. Durch die Neuropharmaka hat sie gefährliche telepathische Kräfte entwickelt, weshalb Nyle sie in nahezu totaler Isolation gefangen hält. Elena sollte den neuen Mensch begründen, doch stattdessen wird sie dauerhaft überwacht und von Nyle zu „Therapie"-Gesprächen genötigt.

Dehumanisierung des menschlichen Körpers

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Regisseur Cosmatos und Hauptdarsteller Michael Rogers entwerfen Nyle mit vielen stimmigen Details als sinistre, sadistische Persönlichkeit. Sein hageres Gesicht ist mal ganz nah an der Kamera, dann wieder wird es vom Bildkader in der Mitte durchschnitten oder in einem Spiegel von einem Riss durchzogen. Stets ist er korrekt gescheitelt. Die Worte, die über seine schmalen, zusammengepressten Lippen kommen, sind kaum lauter als ein Flüstern. Und doch spricht aus der Mimik, die die Worte begleitet, eine abgrundtiefe Verachtung gegenüber all jenen, die im Irdischen verhaftet sind und noch nicht hinter den Schleier des Diesseits geblickt haben.

Im Finale löst der Film auch noch den kleinen Rest Menschlichkeit auf, der Nyle bis dahin blieb. Dem Wahn verfallend, lässt er Elena frei, nur um sofort die Verfolgung aufzunehmen. Dabei sehen wir ihn mit kahlem Haupt, was seine ohnehin unheimliche Physiognomie – in Verbindung mit einem Raumfahrtanzug – dem Alienhaften annähert. Erst scheinen seine Augen nichts als schwarze Höhlen zu sein, dann leuchten sie neongrün in der Nacht. Immer wieder zeigt Cosmatos nur einzelne Körperteile Nyles, fragmentiert dessen Körper und erreicht so einen erstaunlichen Dehumanisierungs-Effekt.

Stilistischer Wirbel

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Eine solche visuelle Finesse ist angesichts des ziemlich geringen Budgets von Beyond the Black Rainbow (rund 700.000 Euro) verblüffend. Für eine professionelle Drehbuch-Beratung hat es aber wohl nicht mehr gereicht: Besonders die letzten fünf Minuten sind so hanebüchen und losgelöst vom Rest des Films, dass Cosmatos einen Teil der Bewunderung verspielt, die er sich mit den vorherigen 105 Minuten redlich verdient hat. Zwar übertreibt er es insgesamt etwas mit der Dauer-Beschallung des Zuschauers durch Synthesizer-Dröhnen. Doch was das stilistische Instrumentarium betrifft, braucht der kanadische Regiedebütant keinerlei Vergleiche scheuen. Dass er einige Werke bewusst referenziert, ist insofern eher sympathisches Verbeugen als anmaßendes Imitieren.

Die Interieurs mit ihrem psychedelischen Retrodesign erinnern an die surrealen Filme Alejandro Jodorowskys (und tauchen in einem der besten Horrorfilme der letzten zwei Jahre, Excision (2012) wieder auf). Passend dazu gibt Cosmatos dem Zelluloid einen betont altmodischen, körnigen Look. Auffällig ist auch, dass er immer wieder psychologisch fundierte Farbschleier einsetzt, wie man sie aus dem Giallo kennt und im grandiosen Amer (2009) wiederentdeckt hat: Mal leuchten schlauchförmige Gänge rötlich wie ein Geburtskanal, mal fällt grün-bläuliches Licht auf das fahle Gesicht eines kränklichen Mannes. Die telepathische Teenagerin hat Cosmatos  aus Carrie (1976), während er mit der oft kubistischen Laborarchitektur, dem dystopischen Szenario und Aufnahmen einer sich weitenden Pupille auf Cube (1997) anspielt.

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Sehr geschickt arbeitet der Regisseur auch mit Unschärfen. Wie in den Filmen von Philippe Grandrieux erzeugt dieses Stilmittel nahezu abstrakte Rorschach-Bilder, in die jeder Zuschauer seine eigenen Ängste projizieren kann, sodass aus unklaren Schemen eines menschlichen Körpers monströse Formen werden. Zugleich verleiht die Unschärfe dem Film die Aura des Traumhaften und Surrealen – erst recht, wenn Cosmatos sie mit Zeitlupen kombiniert. Aggressive Stroboskop-Effekte und mehrere eindrucksvolle Schockmomente machen jedoch klar, dass es für die Protagonisten eher ein Albtraum ist, wenn sich der Nebel lichtet und die Erkenntnis einsetzt – die Erkenntnis der Außenwelt für Elena, die Erkenntnis des Jenseits für Nyle.

Trailer zu „Beyond the Black Rainbow“


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Kommentare


Friedrich Steinlein

Herr Gobbin,

ich habe nur eine Frage: WO (oder vielleicht besser WIE) haben Sie diesen Film gesehen? Ich warte sehnsüchtig auf ihn, seit ich vom ersten hypnotischen Trailer völlig in den Bann gezogen wurde.....und das ist 3 (!!!) Jahre her.


Martin Gobbin

Hallo Herr Steinlein,

am leichtesten, schnellsten und günstigsten dürften Sie die DVD aus Großbritannien bekommen (Amazon, etc.), ansonsten via Ebay oder als Stream von iTunes (evtl. nur mit US-IP möglich).
In einigen Großstädten dürfte die DVD auch in besseren, unabhängigen Videotheken stehen.






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