Beyond Punishment

Was würde passieren, wenn Verbrecher nicht mehr hinter Gittern landen? In seinem neuen Dokumentarfilm stellt Hubertus Siegert die Frage, ob Täter und Opfer von Gewaltverbrechen in gegenseitiger Annäherung Erlösung finden können.

In Distanz verbunden

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Wer ein Verbrechen begeht, wird auf Distanz gehalten. Um die Gemeinschaft zu schützen einerseits, um den Verbrecher durch Freiheitsentzug zu bestrafen andererseits – je drastischer das Vergehen und je größer die individuelle Schuld, desto höher das verhängte Strafmaß. Durch den Justizapparat so separiert, verlaufen die Leben von Täter und Opfer ohne Überschneidungspunkt nebeneinander her. Allerdings eben auch verbunden durch eine Krise, die durch diese Trennung keine Auflösung erfährt, sondern, so die Kritiker des herkömmlichen Strafvollzugs, konstant in naher Ferne gehalten wird und weiter ausblüht.

In Beyond Punishment schaut Hubertus Siegert auf drei Beispiele, bei denen die Biografien der Beteiligten in dieser Abhängigkeit zueinander angeordnet sind: Da wäre Erik, ein Vater in Norwegen, dessen Tochter von ihrem Freund erschossen wurde. Weil das norwegische Rechtssystem vorsieht, den jugendlichen Täter bald zu entlassen, müssen sich beide über die Möglichkeit einer Beziehung zueinander auseinandersetzen. Dann gibt es Patrick, Sohn eines RAF-Opfers, und ein aus der Haft entlassenes früheres Mitglied, das sich mit ihm treffen will. Und schließlich Lisa und Leola, Mutter und Schwester eines jugendlichen Opfers von Ganggewalt in der New Yorker Bronx, dessen Mörder zwar ins Gefängnis wegsortiert wurde, die Tat aber bis heute nicht gesteht.

My Favourite Forgiveness-Story

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Um ihr Ohnmachtsgefühl zu verarbeiten, nehmen Lisa und Leola an Veranstaltungen der sogenannten Restorative Justice teil, bei denen Täter und Opfer von Gewaltverbrechen in einem Hochsicherheitsgefängnis in Wisconsin zusammengebracht werden. Den Höhepunkt bildet ein Gesprächskreis, bei dem beide Seiten einander begegnen, erzählen und zuhören. Denn man geht davon aus, dass der hermetisch teilende Schutzraum, durch den Konflikt und Trauma überhaupt erst auseinanderorganisiert werden, unter Umständen für mehr Leid als Heil sorgt. Dabei wird dennoch streng darauf geachtet, dass nicht Opfer und Täter aus demselben Fall aufeinandertreffen. Die konkreten Biografien werden so Symptomträger innerhalb eines Gesamtsystems, für das sich die Betroffenen auf beiden Seiten stellvertretend um eine Wiedergutmachung bemühen.

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So erzählt eine Sozialarbeiterin im Gesprächskreis ihre „favourite forgiveness-story“. Deren Pointe ist nicht die Entstehung einer Beziehung zwischen Täter und Opfer, sondern die Wiederherstellung eines Dreiecks aus beiden Individuen und einer sie irgendwie umfassenden Natur: Das Opfer verzeiht nicht dem Täter, kann es gar nicht, sondern der Täter bittet das Opfer, sich für ihn bei Berg, Wald und Fluss für die von ihm begangene Gräueltat zu entschuldigen. Bewegte Zustimmung aus allen Richtungen des Kreises. Der Erzählball geht rum, und wir sehen, wie die Sprechenden von ihren Gefühlen übermannt werden. Das Affektpotenzial einer Wandlung hin zu Einsicht, Vergebung und Erlösung lässt sich, wie der Film zeigt, mit der Kamera ganz gut abschöpfen, die die Gesichter in Großaufnahmen separiert. Wir erfahren zwar kaum etwas über diese Menschen, die vor allem als Beispiele für die Wirkkraft eines systemischen Ansatzes dienen. Dafür kann man aber sehen, um in etwa in der Sprache des Films zu bleiben, dass wenigstens etwas bewegt wird. Dass diese Sentiments recht heuristisch herbeigezaubert werden, scheint für Beyond Punishment kein Problem zu sein. Ganz im Gegenteil: Siegert nutzt dieses situative Konfrontationsprinzip als Blaupause für die Organisation seiner eigenen Narration.

Raumfalten

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Im Vergleich zur Restorative Justice dreht der Regisseur aber noch ein Stück weiter an der Affektschraube, indem er sein Interviewmaterial dafür nutzt, einen direkten Kommunikationskanal zwischen Täter und Opfer zu öffnen. Er faltet also die durch das Gesetz voneinander getrennten Räume zusammen und konfrontiert sowohl Erik als auch Lisa und Leola mit Ausschnitten aus den von ihm geführten Interviews mit den jeweiligen Tätern. Und als Schaukasten zweiter Ordnung zeigt der Film dann dem Zuschauer die spontanen Reaktionen der Betrachter, wendet sich also ganz ihrem Schmerz zu. Gerade bei Lisa und Leola ist das mitunter schwer zu ertragen, weil der verurteilte Täter noch immer seine Unschuld beteuert. Ein Problem der Vergebung ist, so lässt sich hier erfahren, dass sie sich wie Verrat am Opfer anfühlt und es dies den Beteiligten so schwer macht, Erlösung zu finden.

Da steckt viel Leiden und Verzweiflung drin, die der Film für sich nutzt, um eine Nähe zu den Figuren herzustellen, die eher auf emotionalen Kurzschlüssen, angefeuert durch Siegerts eigenen Aktionismus, als auf geduldiger Beobachtung beruht. Eine Tendenz, die auch am Beispiel von Patrick deutlich wird, dem Sohn des Opfers der dritten RAF-Generation. Wie Patrick stößt auch Siegert hier auf das Problem, dass die mutmaßlichen Täter nicht zu einem Interview bereit sind. Stattdessen initiiert er schließlich ein Treffen zwischen Patrick und Manfred, einem ehemaligen Mitglied der ersten Generation. Diesem steht die Schwere, mit der seine Schuld auf ihm lastet, förmlich ins Gesicht geschrieben: Er ringt nach Worten, seufzt tief und hat die Augen fast immer geschlossen. Man versteht gut, dass er sich wünscht – ganz ähnlich wie auch Patrick –, endlich loslassen zu können von dieser „Opfer-Täter-Scheiße“ und stattdessen mit seinem Gegenüber ins Gespräch zu kommen.

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Über die Konsequenzen dieses Aufeinandertreffens erfahren wir dann aber leider wenig. Siegert begleitet die beiden zunächst, filmt ihr Gespräch dann aber, auf falscher Distanz bleibend, lieber durchs Fenster. Er zeigt gestikulierende Hände, nachdenklich ans Kinn gehobene Finger und erzeugt so einen weiteren Schaukasten, in dem sich wiederum „etwas bewegt“ – diesmal nicht angestoßen durch die Restorative Justice, sondern durch die Bemühungen des Filmemachers. Was genau da jedoch in Gang gebracht wird, zeigt Siegert uns auch hier nicht.

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