Beware of Mr. Baker

Für einen Dokumentarfilm über den besten Drummer der Welt lässt sich Jay Bulger die Nase brechen.

Beware of Mr Baker 03

Er ist ein Arschloch. Er wütet und schreit. Manche Fragen beantwortet er schlicht mit dem Mittelfinger. Und dann bricht er Jay Bulger, der diesen Dokumentarfilm über ihn macht, auch noch mit seinem Gehstock die Nase. Ginger Baker ist ein Teufel und ein teuflischer Musiker. Der Brite gilt als einer der besten Drummer der Rockgeschichte, sein erfolgreichstes Projekt war die Band Cream. Zusammen mit Eric Clapton an der Gitarre und Jack Bruce am Bass eroberte er die Bühnen der Welt. Das Erste, was Jimi Hendrix habe tun wollen, als er nach London kam, sei mit Cream zu jammen, erfährt der Zuschauer. Doch Cream blieben nur für zwei Jahre zusammen, von 1966 bis 1968. Baker ist kein Band-Kollege, mit dem man es lange aushalten kann. Und Baker ist ein Rastloser.

Wie eine Folge Jackass

Dass er sich ungeniert als Arschloch inszeniert, ist ein gefundenes Fressen für Bulger. Seinen Nasenbeinbruch schlachtet er gleich zu Beginn des Films groß aus. Auch andere Ausbrüche des heute über 70-Jährigen bekommen viel Platz im Film. Hat es Bulger darauf angelegt? Immerhin spricht sich das herum, keine schlechte Promo also für sein Debüt.

Beware of Mr Baker 04

Bulger selbst ist außerordentlich präsent im Film. Er habe Baker unter dem Vorwand aufgesucht, einen Artikel über ihn für den „Rolling Stone“ schreiben zu wollen, erzählt er. Den habe er dann tatsächlich an das Magazin verkaufen können. Später sei er mit einer Filmcrew zurückgekommen, um zu drehen. Beware of Mr. Baker ist der erste Dokumentarfilm des US-Amerikaners, zuvor hatte er als Boxer und Model gearbeitet, ein paar Werbespots und Musikvideos gemacht. Seinem Film merkt man das an. Man wird das Gefühl nicht los, in einer Folge von Jackass oder einem anderen MTV-Reality-Format gelandet zu sein.

Nur Baker selbst bremst den Bilderfluss

Beware of Mr Baker 02

Bulger kriegt schließlich die Kurve: Er zieht sich mehr und mehr zurück und macht der Geschichte Platz. Erzählt von der Kindheit im englischen Arbeitermilieu, dem Weg vom jugendlichen Kleinstadt-Ganoven zum heroinabhängigen Weltstar. Vom Afrika-Trip in den 1970ern, wo Baker sechs Jahre bleibt, mit der Musik-Legende Fela Kuti spielt, ein Studio einrichtet und seine Leidenschaft für Polo entdeckt. Vom Eremiten-Dasein irgendwo in den Bergen in Italien, wo er clean werden will. Vom US-Exil in den 1980ern und 90ern, als Baker in Vergessenheit gerät und sich fragen lassen muss, ob Nirvana die neuen Cream sind. Von der Jazzszene, die ihm spät seinen verdienten Platz einräumt. Vom alten kranken Mann, der sein letztes Geld für einen Stall voll Polo-Pferde ausgibt und mit seiner vierten Ehefrau in einer Gated Community in Südafrika lebt.

Archivmaterial aus mehreren Jahrzehnten Ginger Baker flackert über die Leinwand; Fotos, Mitschnitte von Konzerten, Interviews. Der Film will wild wie Baker sein, Aufnahmen von dessen rauschhaften Eskapaden am Schlagzeug sind rhythmisch und schnell zusammengeschnitten. Splitscreens multiplizieren das Geschehen. Nur Baker selbst bremst den Bilderfluss. Die alte und kranke Version von ihm sitzt kettenrauchend auf einem elektronisch steuerbaren Ledersessel und beantwortet widerwillig Fragen, zumindest manche. Die rote Lockenmähne ist ein paar grauen dünnen Haaren gewichen, statt Flokati-Boa trägt er ein schlichtes Hemd, die einst weit aufgerissenen Augen sind klein geworden und ohnehin die meiste Zeit hinter einer Sonnenbrille versteckt.

Beware of Mr Baker 01

Neben Baker kommen Weggefährten wie Eric Clapton und Jack Bruce zu Wort, Bakers Ex-Ehefrauen, seine Kinder. Gutes haben sie alle nicht über ihn zu erzählen. Nur sein Genie lobt jeder, Baker sei der Beste gewesen, da sind sich alle einig. Bis nach Nigeria folgt Bulger Bakers Spuren und trifft dort Menschen, die über ihre Zeit mit dem Star aus Europa berichten.

Der Mythos kann sich entfalten

Dabei affirmiert der Film teils den heroisierenden Blick der Bewunderer auf den wütenden Selbstdarsteller, der sich in seiner Arschloch-Rolle gut zu gefallen zu scheint. Der Mythos Ginger Baker kann sich prächtig entfalten, der Film bohrt nicht tiefer. Im Gegenteil, Bulger scheint diesen Mythos zu befördern und ihn sich selbst überstülpen zu wollen.

Beware of Mr Baker 07

Anekdoten erzählt der Film in animierten Illustrationen. Sie ersetzen fehlendes Archivmaterial und ersparen dem Zuschauer zu viele Talking Heads. Etwa als Baker zu Cream-Zeiten mit drei Groupies im Auto eine Endlos-Straße im Westen der USA entlangfährt, wie damals für ihn üblich auf LSD, Kokain und Heroin, und aus dem Radio erfährt, man habe eben seine Leiche gefunden, er sei an einer Überdosis gestorben. Eine Verwechslung. Doch Baker denkt: „Dann muss ich wohl im Himmel sein!“

Ganz so high fühlt er sich nicht immer. Die Millionen, die er mit verschiedenen Projekten verdient, verschleudert er schnell wieder. Er nimmt immer mehr Heroin, um so gut spielen zu können wie die Jazz-Drummer der USA, deren Platten ihn einst zum Spielen brachten. Die Droge nagt an ihm. Doch dass Max Roach ihm schließlich den Ritterschlag erteilt und Baker einen von ihnen nennt, sei das Größte für ihn, sagt er in einem älteren Interview. Da rollen ihm tatsächlich Tränen über die Wange. Es ist einer der raren Moment im Film, in denen etwas Menschlichkeit in ihm aufblitzt. Vielleicht ist Baker doch kein Arschloch.

Trailer zu „Beware of Mr. Baker“


Trailer ansehen (2)

Kommentare

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.