Beware, My Lovely

Eine Witwe gerät in die Gewalt ihres unberechenbaren Angestellten. In seinem dicht inszenierten Thriller zeigt Harry Horner, welche Monster das totalitäre WASP-Amerika hervorbringt.

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In der ersten Szene von Beware, My Lovely (1952) sieht man einen Mann (Robert Ryan), der einen Schmutzfleck von einer Fensterscheibe kratzt. Es ist ein Bild, das sowohl für den Film als auch für die Zeit, von der er erzählt, bezeichnend ist. Wir schreiben das Jahr 1918. Der Erste Weltkrieg ist vorbei, und in der amerikanischen Vorstadt bereitet man sich auf die Weihnachtsfeiertage vor. Statt sich mit den Spuren aufzuhalten, die der Krieg hinterlassen hat, mit den gezeichneten Heimkehrern oder denen, die gar nicht heimgekehrt sind, macht man einfach weiter, als wäre nichts gewesen. So auch der Mann, der Howard heißt und sein Geld damit verdient, den Dreck von anderen wegzuräumen. Dabei ist er selbst ein Schmutzfleck auf der glatten Oberfläche der heilen Welt. Nachdem er seine Arbeitgeberin vermutlich umgebracht hat, flieht er überstürzt in die Ferne. Wie in einem beängstigenden Déjà-vu landet er in einer Stadt, die genauso aussieht wie die, aus der er kommt. Arbeit findet er dort bei der Witwe Helen (Ida Lupino). Ob die Hausherrin das gleiche Schicksal ereilen wird wie ihre Vorgängerin, ist schließlich die Frage, aus der der Film seine Spannung zieht.

Ein tief sitzender Minderwertigkeitskomplex

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Beware, My Lovely basiert auf Mel Dinellis Theaterstück The Man und versucht diese Herkunft nicht zu verstecken. Der damalige B-Movie- und spätere Fernseh-Regisseur Harry Horner hat seinen Film fast ausschließlich auf die Einheit von Handlung, Zeit und Raum hin konzipiert. Schauplatz ist ein Haus, genauer gesagt ein gutbürgerliches, viktorianisch angehauchtes Wohnzimmer, in dem Helen mit diplomatischem Geschick versucht, am Leben zu bleiben. Die Ausgangssituation des Films kennt man aus vielen Horrorfilmen – von Warte, bis es dunkel ist (Wait Until Dark, 1967) über Black Christmas (1974) bis zu den zahlreichen neueren Home-Invasion-Filmen. Das Bedrohliche lauert hier nicht an archaischen Orten des Unheimlichen, sondern in den eigenen vier Wänden. Helen muss sich mit einem psychisch kranken Mann herumplagen, der aus dem Nichts heraus vom schüchternen, devoten Angestellten zum paranoiden Grobian wird, der sie in ihrem eigenen Haus als Geisel hält. Was Horners Film dabei so interessant macht und von den geradlinigen Genrefilmen abgrenzt, ist das ambivalente Verhältnis zu seiner Hauptfigur.

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Howard ist nicht der Inbegriff des Bösen, den solche Geschichten eigentlich brauchen, um zu wirken. Hinter seiner beachtlichen Statur und den angestrengt zugekniffenen Augen verbirgt sich ein zerbrechliches und liebebedürftiges Wesen, dem man genauso viel Empathie wie Furcht entgegenbringt. Seine unkontrollierte Wut resultiert aus einem Minderwertigkeitskomplex. Er ist vom Krieg traumatisiert, aber nicht, weil ihn die Zeit auf dem Schlachtfeld geprägt hat, sondern weil er als untauglich eingestuft wurde. Vor dem Spiegel versucht er eine Fotografie von Helens Mann, einem angesehenen Offizier, zu imitieren, kommt aber über unbeholfenes Grimassieren nicht hinaus. Dass er diesem idealen männlichen Rollenbild nicht entsprechen kann, zerreißt ihn innerlich. Beware, My Lovely könnte nun in patriotisches Fahrwasser tauchen und Howard als kaputtes Rädchen in einem ansonsten einwandfrei funktionierenden Getriebe entlarven. Doch Horner legt stattdessen nahe, dass es ein krankes System ist, das Howard zu dem gemacht hat, der er ist.

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Wenn wir als Zuschauer nicht nur eine Bedrohung in ihm sehen, dann weil uns der Film immer wieder auf seine Seite zieht. So wie Howards Wahrnehmung sich ständig verändert, befindet sich auch unser Blick in einem permanenten Wandel. Derselbe Raum wird mal als neutral, dann wieder als furchteinflößend wahrgenommen. Die Lichtsetzung, die zwischen einer gleichmäßigen Ausleuchtung und expressionistischen Hell-Dunkel-Kontrasten wechselt, orientiert sich dabei an Howards Stimmungsschwankungen. Auch Ida Lupino als Helen ist stets darum bemüht, angemessen auf ihn zu reagieren. Schon zu Beginn betont sie mehr die Gemeinsamkeiten als die Unterschiede zwischen ihr und ihrem Angestellten. Beide wissen, wie schmerzhaft die Einsamkeit sein kann, beide wurden auf ihre Weise vom Krieg traumatisiert. Und obwohl sich streckenweise ein klassisches Täter-Opfer-Schema abzeichnet, fällt Lupino immer wieder zurück in die völlig ernstgemeinte Rolle der verständnisvollen Freundin und fürsorglichen Mutter.

Feindselige Atmosphäre in der Vorstadt

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Beware, My Lovely ist von einer gesunden Grundskepsis an der Vorstadtidylle durchzogen. Der spöttische Ton der Erwachsenen, das aggressiv fordernde Quäken der Kinder, der Hund, der sich hartnäckig am Hosenbein des Fremden festbeißt, all das sorgt für eine feindselige Atmosphäre, die nur Howard wahrzunehmen scheint. Als er nicht auf die neckischen Spielereien von Helens Nichte einsteigt, wird sogar an seiner Männlichkeit gezweifelt: „I don’t see many men around here polishing floors. It’s a woman’s job“, sagt sie, und das ist in seiner Direktheit ein ziemlich brutaler Moment. Alles was Howard tut, beruht auf dem Unvermögen, wie die anderen zu sein. Er ist wie Frankensteins Monster, geschaffen von einer normierten Gesellschaft. Interessant in dieser Hinsicht ist, dass ursprünglich Farley Granger für die männliche Hauptrolle vorgesehen war, der in Alfred Hitchcocks Cocktail für eine Leiche (Rope, 1948) und Der Fremde im Zug (Strangers on a Train, 1951) gerade erst zwei zumindest angedeutet schwule Figuren gespielt hatte.

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Robert Ryan wurde dagegen völlig gegen den Strich besetzt. Mit dem Image des harten Hundes, das er sonst in Western und Film noirs gepflegt hat, bricht er hier radikal. Ryan ist aber auch bemerkenswert, weil er angeblich der Grund war, warum der Film ein Jahr auf seine Veröffentlichung wartete. 1949 machte Howard Hughes mit Lupino und ihrer Produktionsfirma The Filmakers einen vielversprechenden Deal: Drei Filme sollten von Hughes’ RKO Pictures herausgebracht werden; unter ihnen auch Beware, My Lovely. Doch weil Hughes ein glühender Republikaner war und Ryan sich in der Öffentlichkeit gegen Rassismus und Kommunistenhatz aussprach, wurde das Projekt stiefmütterlich behandelt. Vielleicht war aber auch der Film selbst ein Grund für Hughes’ ablehnende Haltung. Denn hinter der Thriller-Handlung offenbart sich schließlich ein sehr ungeschminkter Blick auf den Totalitarismus des WASP-Amerikas.

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