Between the Lines

Mit Between the Lines begibt sich Regisseur Thomas Wartmann in die für Außenstehende zunächst sehr fremd wirkende Welt der indischen Hijras, „Indiens drittem Geschlecht“.

Between the Lines

Es gibt in jüngerer Zeit im Kino ein anscheinend vermehrtes Interesse an Geschlechtsidentitäten, die außerhalb der schlichten Mann/Frau-Dichotomien anzusiedeln sind. Die Spannbreite dabei reicht von Transamerica (2005), in dem eine Transsexuelle eine zentrale Rolle einnimmt, über Breakfast on Pluto (2005), dessen Hauptperson ein junger Transvestit ist, bis hin zu einem Dokumentarfilm über einen österreichischen Skiläufer mit zunächst nicht eindeutigen Geschlechtsorganen (Erik(A), 2005). Den genannten Filmen ist allerdings gemein, dass sie nicht nur beide im Rahmen der westlichen Kulturen angesiedelt sind, sondern letztlich doch – wenn auch im Zuge einer Grenzüberschreitung – die Zweigeschlechterordnung nicht grundlegend in Frage stellen.

Between the Lines, Thomas Wartmanns Dokumentarfilm über die indischen Hijras, deutet schon im Untertitel an, das er in beiden Fragen weitergehen will: von Indiens drittem Geschlecht zwischen Mystik, Spiritualität und Prostitution soll der Film berichten und begleitet die indische Photographin Anita Khemka zu ihren Besuchen bei drei Hijras, Laxmi, Rhamba und Asha, in Mumbai (bzw. Bombay, wie der alte Name der Stadt lautet) in ihrem Alltagsleben, bei Festen und anderen Gelegenheiten.

Zu beschreiben, was Hijras genau sind, ist keineswegs leicht, bewegen sie sich doch – durch eine westliche Brille gesehen – in einem sehr vagen Bedeutungsfeld irgendwo in der Nähe von Transsexuellen und Eunuchen. Allerdings vermögen alle diese Begriffe nicht, das Phänomen der Hijras präzise zu erfassen, das insbesondere auch durch ihre spezielle besondere Stellung innerhalb der indischen Gesellschaft geprägt ist. Insofern ist auch der Begriff des „dritten Geschlechts“, den der Untertitel des Films aufgreift, eine nicht besonders weit reichende Annäherung an westliche Begrifflichkeiten, täuscht aber eine klar und vor allem einfach strukturierte Geschlechterordnung vor. Der Film selbst zeigt die Dinge dann aber deutlich differenzierter.

Between the Lines

Between the Lines verzichtet ganz auf einen vermeintlich objektiven gesamtgesellschaftlichen Blick (etwa durch Berücksichtigung von Statistiken) und auf erläuternde Kommentare, sondern bleibt ganz nah an seinen ProtagonistInnen. So gelingt es Wartmann, die Vielgestaltigkeit der Hijra-Lebensweisen allein durch die Gespräche mit Laxmi, Rhamba und Asha offen zu legen. Zum Beispiel wird deutlich, dass nicht alle Hijras kastriert oder im westlichen Sinne von „uneindeutigem“ Geschlecht sind – Laxmi etwa kehrt gelegentlich bei seinen Eltern in seine Existenz als braver Sohn zurück, möchte aber auf ein Leben als Hijra nicht verzichten, da er sich in dieser Gemeinschaft und in dieser spezifischen Lebensweise wohler fühlt.

Gerade ihre Gemeinschaft – die Hijras finden sich zu Gruppen zusammen, oft unter der Leitung eines Gurus – ist es offenbar, die ihr Leben prägt und möglich macht, nehmen sie doch in der indischen Gesellschaft eine seltsame, sehr zwiespältige Position ein. Einerseits sind sie auf Hochzeiten und nach Geburten gern gesehene Gäste, da sie, die selbst zumeist unfruchtbar sind, Segen und Fruchtbarkeit bringen sollen, andererseits leben sie wie Ausgestoßene am Rande der Gesellschaft und verdienen ihren Lebensunterhalt nicht selten als Prostituierte.

Sexualität ist denn auch ein großes Thema in Between the Lines – äußerst offensiv, manchmal erscheint es fast zu direkt, befragt Khemka ihre GesprächspartnerInnen nach den Sexualpraktiken mit Freiern, nach Sexualität zwischen Hijras, nach ihrer Selbstwahrnehmung und ihrer Stellung innerhalb der Gemeinschaft. Insbesondere bei der Frage, was eine Hijra ausmache, bekommt Khemka sehr unterschiedliche Antworten. Ist es eher ein „Zustand der Seele“, wie eine Hijra sagt, oder doch eine Rolle, in die sie von äußeren Umständen gedrängt werden?

Between the Lines

Dass er diese Widersprüche nicht auflöst, ist eine der Stärken von Wartmanns Film; den verallgemeinernden Blick von außen vermeidet er schlichtweg durch die intensive Betrachtung einzelner Personen und Biographien. So ergibt sich zwar kein schlüssiges Gesamtbild, aber doch eine Ahnung davon, mit was für einem vielgestaltigen Phänomen man es hier zu tun hat.

Das Problem, dass vieles im Leben der Hijras nur verständlich würde, wenn man als Zuschauer detaillierte Kenntnisse der indischen Gesellschaft und Kultur mitbringt, kann der Film nicht lösen. Er gibt aber auch nicht vor, dass dies möglich sei, und geht allenfalls in Andeutungen darauf ein, was das indische Kastensystem bedeutet oder inwiefern die Bedeutung der Hijras auch im Rahmen hinduistischer Glaubensvorstellungen gesehen werden muss. All das kann man dem Film aber kaum zum Vorwurf machen.

Irritierender ist da schon, dass Between the Lines seine Entstehung als Dokumentation kaum thematisiert; zu Beginn des Films findet sich eine offenkundig nachgestellte Szene, bei der Anita Khemka angeblich zum ersten Mal mit Hijras zusammentrifft, die Kamera von allen Beteiligten aber ignoriert wird. Bei einem Film, dessen zentrales Thema Identitäten und Identitätskonstrukte sind, ist aber die Frage, inwieweit Szenen vorbereitet oder nachgestellt sind, nicht unwesentlich. Wie viele der Gespräche sind vorbereitet, vorher abgesprochen worden?

Solche Bedenken zerstreuen sich ein wenig, je mehr man das Gefühl bekommt, dass die AkteurInnen tatsächlich das Kamerateam als Begleitung einfach hinnehmen und trotz seiner Anwesenheit spontan und frei sprechen. Between the Lines lebt nicht zuletzt wesentlich von der erheblichen Mitteilungsfreudigkeit seiner ProtagonistInnen.

Kommentare


Michael Klusch

Ich finde, dieser Film verdient die höchsten Auszeichnungen. Ich war beim Anschauen fasziniert von Afang bis zum Ende. Höchstes Lob für alle Gestalter des Films


Ariane Urban

Ich bin fasziniert von diesem authentischen Bild einer mir bisher unbekannten Gesellschaft, deren Lebensanschauung mir viele Momente des Nachdenkens geben...






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