Betty Anne Waters

Eine Frau, gezwungen, den amerikanischen Traum der unbegrenzten Möglichkeiten zu leben.

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Die Familie Waters ist White Trash. Schon als Kinder stehlen sich Kenneth und Betty Anne davon, leben in fremden Häusern für wenige Stunden oder gar nur Minuten den Traum einer anderen Existenz. Juristisch ist das Hausfriedensbruch oder Einbruch. Schon früh gerät der kleine Kenny ins Visier der Behörden. Als in einem dieser Häuser Jahre später die Eigentümerin tot aufgefunden wird, konzentriert sich die lokale Polizei auf den Rumtreiber. Vor allem die resolute Nancy Taylor (Melissa Leo) hat es auf ihn abgesehen. Drei Jahre später muss er in den Knast. Vorbestrafter, gewaltbereiter junger Vater ohne Frau (die Mutter seines Kindes hatte vor Gericht gegen ihn ausgesagt). Auch Betty Anne hat bereits zwei Kinder, aber keinen Job und keinen weiterführenden Schulabschluss. White Trash eben.

Bis hierhin erzählt Betty Anne Waters von dem Land der begrenzten Möglichkeiten, von den undurchdringlichen Grenzen, die vielerorts geschaffen und gepflegt werden. Der Originaltitel Conviction könnte als Vorverurteilung einer bestimmten Gesellschaftsgruppe verstanden werden. In diesem Fall wäre es sogar egal, ob Waters wirklich schuldig ist. Doch der deutsche Titel Betty Anne Waters trifft es eigentlich besser, denn im Grunde genommen geht es weniger um das traurige Schicksal des Verurteilten, sondern um den außergewöhnlichen Weg seiner Schwester. Und die wiederum steht für den amerikanischen Traum: Everything goes. Betty Anne holt ihren College-Abschluss nach und schließt sogar ein Jurastudium ab. Sie kämpft gegen das System und gewinnt. Mit ihrer Hilfe wird Kenny freigesprochen.

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Doch jenes System wird hier wenig greifbar. Richter, Staatsanwälte, Anwälte der Gegenseite – sie bleiben weitestgehend gesichtslos. Betty Anne Waters ist wahrlich kein Courtroom-Drama, auch hier passt die deutsche Übersetzung besser: Justizdrama. Alle die Justiz und das System verkörpernden Figuren sind höchstens anfänglich skeptisch, im Endeffekt aber wohlwollend – von den Gefängniswärtern über eine greise alte Dame in der Stadtverwaltung bis hin zu einem Polizisten des anklagenden Präsidiums. Einzige Ausnahme ist die durchweg negativ gekennzeichnete Nancy Taylor, die beruflich von der Verhaftung Kennys profitierte. Ihr begegnet der Film noch in den abschließenden Texttafeln mit Wut. So relativiert sich Bettys Kampf gegen das System zu einem Duell mit dieser einen bösartigen Frau.

Dass Betty Anne auf dem Weg zu ihrem Triumph so einige Opfer bringen muss, wird von allen Protagonisten– allen voran Kenny – immer wieder betont. Und dennoch inszeniert es der Film nur en passant. Sie vernachlässigt ihre Söhne, die schließlich zum Vater wollen. Aber letztlich sind auch sie immer verständnisvoll. Alles dient der größeren wichtigen Sache. Als Gegenstück könnte hier Michael Manns Insider (1999) dienen, ein ebenfalls auf Tatsachen beruhender Justizthriller. Dort gewinnt der Protagonist zwar den Kampf David gegen Goliath, doch der Film lässt uns in jeder Sekunde spüren, zu welchem Preis. Vor allem aber findet er Bilder für seine Geschichte. Ganz anders Schauspieler Tony Goldwyn, der sich in den vergangenen Jahren an verschiedensten TV-Formaten, vor allem Serien, als Regisseur versuchte und jetzt das erste Mal seit Der letzte Kuss (2006) wieder Kinoterrain betritt. „Die besten Geschichten schreibt das wahre Leben“, mag er sich gedacht haben, und seine Verfilmung des authentischen Falls scheint auf alles verzichten zu wollen, was den Eindruck eines inszenierten fiktionalen Films wecken könnte. Er konzentriert sich ganz auf die handelnden Figuren und hat mit Hilary Swank auf das vermeintlich sichere Pferd gesetzt, ist sie doch als kämpferisches White-Trash-Girl in die Kino-Annalen eingegangen. Und so gilt der Kamerablick fast nur den Hauptdarstellern; die Räume, in denen sie sich bewegen, spielen keine Rolle. Fast wirkt es, als hätte man gar keinen Requisiteur gebraucht. Alles sieht so aus, als habe man es von einem früheren Set übernommen, ohne es dem Drehbuch anzupassen. Oder als habe man Bilder aus den Studioarchiven recycelt: Vor einem Besuch Betty Annes im Gefängnis reicht der tausendmal gesehene Blick über Stacheldrahtzäune als klassischer Establishing Shot.

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Vielleicht wäre die inszenatorische Fantasielosigkeit nicht derart ins Gewicht gefallen, hätte Goldwyn seine eigentlich erste Wahl für die männliche Hauptrolle, Philip Seymour Hoffman, bekommen. Doch im fertigen Film schlakst sich Charmebolzen Sam Rockwell durch die Handlung. Was zwei Jahrzehnte Knast mit seiner Figur machen, vermag er nicht darzustellen. Älter geworden jedenfalls ist er, das legen von der Maskenbildnerin lieblos arrangierte Falten nahe.

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Am Ende darf sich das Faltengesicht freuen, dass seine glorreiche Schwester ihm geholfen hat, und der Zuschauer darf im Nachspann seine Wut auf Nancy Taylor als Personifikation der Ungerechtigkeit schüren. Was der Nachspann nicht verkündet: Kennys Freude war nur von kurzer Dauer: Er starb bei einem abstrusen Sturz. Wäre dies nicht geschehen, hätte er sich vermutlich nochmals vor Gericht verantworten müssen. Denn ein anderer Täter ist nie gefasst worden. Immerhin das erzählt uns Betty Anne Waters dann doch noch.

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Kommentare


KinoUser

Danke!!!
Danke für die Formulierung "Inszenatorische Fantasielosigkeit"! Exakt das war mein Eindruck, nachdem ich einigermaßen ratlos aus dem Kino gekommen war. In dem Film wird eine Unzahl von z. T. brandaktuellen Themen angerissen, aber eben nur angerissen. Immer, wenn man erwartet, dass es doch nun mal etwas tiefer gehen könnte - Fehlanzeige.
Die unglückliche Kindheit der Geschwister - noch am zeitaufwendigsten, aber immer noch schlecht dargestellt. Die restlichen Geschwister der beiden: nicht sichtbar.
Das Auseinanderreißen der beiden, der drohende Heimaufenthalt: kaum erwähnt, schon vorbei.
Der Vater von Betty Annes Söhnen: irgendwie weg, wahrscheinlich wegen ihres Einsatzes für ihren Bruder, vielleicht auch wegen ihres plötzlich geäußerten Wunsches, den Collegeabschluss nachzuholen - man weiß es nicht.
Der um eine Minute verpasste Abgabetermin für eine Hausarbeit - kaum gezeigt, schon vorbei, als nächstes folgt der erfolgreiche Jura-Abschluss.
Die zwischendurch schwer auf den Prüfstand gestellte Freundschaft zur Kommilitonin: ein Streiflicht.
Beweismittel wurden offiziell vernichtet, sind dann aber doch wieder da - man nimmt es halt so hin.
Die Vorverurteilung durch die korrupte Polizistin, die erzwungenen Aussagen von Frau und Exfreundin tauchen wie aus dem Nichts auf, sind dann aber auch gleich wieder Vergangenheit.
Das ganz kurz aufkommende Gespräch mit den Söhnen darüber, dass sie doch sicher füreinander dasselbe tun würden wie Betty Anne für ihren Bruder klingt nach einem tollen Ansatz, wird aber geradezu skandalös abgewürgt.
Es ist lange her, dass ich einen Kinobesuch so sehr als Zeitverschwendung empfunden habe.






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