Bethlehem

Bewegtes Feindbild. Yuval Adler blickt auf den Nahen Osten und schielt dabei aufs Thrillergenre.

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Bethlehem. Was im Original so mystisch klingt, hört sich in deutscher Übersetzung schon um einiges profaner und auch ein wenig ulkig an: Brothausen oder Fleischhausen heißt der überlieferte Geburtsort Jesu Christi dann, je nachdem, ob man nun aus dem Hebräischen oder Arabischen übersetzt – dass ein Grundnahrungsmittel Namensgeber der Stadt ist, darin sind sich die beiden Sprachen jedoch einig. Eine andere etymologische Ableitung hingegen spricht vom „Haus des Kampfes“, ein martialischer Titel, der auch Yuval Adlers Debütfilm durchaus gerecht werden würde. Im Bethlehem von Adler und seinem Co-Autor Ali Wakad hausen nämlich vor allem Widerstandskämpfer und Terroristen, ab und zu wagt sich das israelische Militär zur Verbrecherjagd noch im Panzerwagen ins palästinensische Gebiet. Falls es hier so etwas wie Normalität und Alltag geben sollte, muss es sich mit den Frauen und Kindern verkrochen haben, die im Film nahezu vollkommen abwesend sind und höchstens mal verängstigt aus dem Fenster linsen, wenn wieder eine Horde schwer bewaffneter Männer durch die Straßen zieht.

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In dieser Welt lebt auch der 17-jährige Sanfur, der noch nicht alt genug ist, um bei den großen Jungs mitzumischen, und sich stattdessen mit seinen Kumpels die Zeit vertreibt. Videospiele zocken und mit der Kalaschnikow draußen vor der Stadt auf Verkehrsschilder zu ballern macht ihm mehr Spaß, als im Laden um die Ecke den Boden zu fegen, wie der Vater es gern hätte. Doch Sanfur führt ein Doppelleben: Er hat sich, so scheint es, mit dem Feind verbündet und arbeitet als Spitzel für den israelischen Geheimdienst. Immer wieder trifft er sich mit dem Schabak-Agenten Razi, der zu dem Jungen ein freundschaftliches Verhältnis aufgebaut hat und ihm im Tausch gegen Handys, Jeans und etwas Anerkennung Informationen über Sanfurs Bruder, den gesuchten al-Aqsa-Brigadisten Ibrahim, entlockt.

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Ein Katz-und-Maus-Spiel entwickelt sich, in dem neben dem Geheimdienstoffizier und seinem Informanten eine ganze Reihe von Nebenfiguren verwickelt sind. Wirklich gut kommt dabei keiner der Beteiligten weg, sie hocken alle im gleichen Sumpf aus Gewalt und Korruption, vom Politiker der Palästinensischen Autonomiebehörde, der mit EU-Geldern Kleinganoven und Schwerverbrecher bezahlt, bis zu den israelischen Hightech-Soldaten, die alle Terroristen am liebsten aus luftigen Höhen auslöschen würden. Dass der Film Propaganda sei und die Araber einseitig als böse, die Juden als gut darstelle, wie beispielsweise Gideon Levy in der israelischen Zeitung „Haaretz“ schreibt, ist da angesichts von Szenen, die selbst für den gejagten Hamas-Attentäter noch ein wenig Empathie aufbringen können, zu kurz gegriffen. Indem die Figuren einander in einer Vielzahl von Konstellationen entgegentreten, verschieben sich immer wieder Sympathien und Identifikationspotenziale. Bethlehem bietet so mit seinem pendelnden Personal ein Vexierbild, das ein möglichst breites Spektrum an Zielgruppen bedient und wo jeder Zuschauer sich bestätigt sehen kann.

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Am entschiedensten kommen Adler und Wakad also vermutlich denjenigen entgegen, die weder Schwarz noch Weiß sehen wollen und sich in moralischem Relativismus am wohlsten fühlen. Wo der Titel und das Thema des Films natürlich eine Resonanz erzeugen, die niemanden gleichgültig lassen soll und Relevanz suggeriert, da verweigern sich die Filmemacher gleichzeitig konsequent einer konkreten Kontextualisierung ihres Stoffes. Von der Zweiten Intifada – während der die Handlung stattfindet, wie die Ereignisse nahelegen – ist im Film etwa kein einziges Mal die Rede. Israelische Besatzung, Hamas, Märtyrertode, das alles wird in Bethlehem auf Versatzstücke eines konventionellen Thrillers reduziert. Als politisch möchte der Regisseur seinen Actionfilm nicht verstanden wissen und übersieht dabei, dass ästhetische Formen ihre eigene Politik und ihre eigenen Ideologeme tragen.

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Das Ergebnis ist ein bizarres Bild vom Nahostkonflikt, das die Krise dieser Region anhand seiner Krimifiguren durch und durch personalisiert. Auf geradezu fatalistische Weise verschränken sich hier die Einzelschicksale um eine klischeehafte Dramaturgie und nivellieren dabei alles Individuelle. Der Versuch, die Figuren dabei mit einer komplexen Psychologie auszustatten und sie dynamisch jenseits von Gut und Böse anzuordnen, misslingt und produziert nur Unschärfen und Schlieren, denen gegenüber teilnahmslos zu bleiben nicht schwerfällt. Wenn die Geschichte dann nach einem Showdown auserzählt ist, flüchtet sich Adler ins Schwarz des Abspanns: Das transportiert dann vielleicht weniger die Ausweglosigkeit der politischen Lage im Nahen Osten, als dass es wie die hilflose Geste eines Regisseurs wirkt, der nicht recht weiß, was er abseits von Genrestandards überhaupt erzählen soll.

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