Bestiaire

Eine Meditation über Schauen und Gesehenwerden, in einer Welt fast ohne Worte.

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Die ästhetische Wahrnehmung eines Films lässt sich nie ganz von der Situation trennen, in der er gesehen wurde; Kinofilme sind für die große Leinwand gemacht, und durch sie bekommen sie oft erst Gewicht, Wucht und ein aufmerksames Publikum. Und so ist es nicht verwunderlich, dass Regisseur Denis Côté ganz begeistert davon war, als er seinen kleinen Film Bestiaire während der Berlinale auf einer IMAX-Leinwand zeigen konnte, größer und schöner, als er vermutlich je wieder aufgeführt werden wird.

Denn gerade dieser Film kommt erst in solcher Präsentation zu sich und zu seinem Publikum. Man will ihn erst einen Dokumentarfilm nennen, weil das seiner äußeren Gestalt am ehesten zu entsprechen scheint: Über 72 Minuten sieht man Tieren in einem kanadischen Safaripark zu und gelegentlich den Menschen – Pflegern und Besuchern des Parks –, die die Tiere ansehen. Dazwischen gibt es eine lange Sequenz mit Arbeiten eines Teams von Tierpräparatoren sowie, ganz zu Beginn, Aufnahmen von Kunststudenten (man muss das vermuten, denn Erklärendes bietet Bestiaire nicht, weder als Schrift noch im Ton), die ausgestopfte Tiere abzeichnen: Hinschauen, einige Striche, wieder genau hinschauen ...

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Schon dieser Anfang deutet darauf hin, dass es Côté um mehr geht als nur das Betrachten von Tierkörpern und Menschen, die Tiere ansehen und nachformen. Es geht ihm um den Akt des Sehens, um die Reflexion über das Betrachten selbst. Seine Aufnahmen sind mit statischer Kamera gedreht, lange, ruhige Bilder: drei Minuten eine Gruppe von Pferden in ihrem Gehege, ein langer Blick auf Kopf und Hals einer Giraffe. Aber selten nimmt man sich die Zeit und Muße, solche Tiere wirklich in Ruhe zu betrachten. Bestiaire entwickelt da einen meditativen Sog, der zuallererst zu genauerer Betrachtung führt: So ein sabbernder Büffelkopf hat eine ganz eigene Schönheit, und wie seltsam verdreht, gar nicht gerade, der Giraffenhals doch wirkt!

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Aber dann folgt den Bildern, die nie ganz bequem den Konventionen entsprechen wollen, deren Bildausschnitt irritiert oder belustigt, auch rasch das Nachdenken darüber, wie man eigentlich auf Tiere schaut. Verstärkt wird das noch durch die Bilder der Pfleger und Besucher, die selbst ja auch auf Tiere blicken: gelangweilt, vorübergehend, desinteressiert. Natürlich seien das gestellte Szenen, sagt Côté, in denen sich die Menschen der Kamera sehr bewusst gewesen seien und gezielt nicht ins Objektiv blickten; ganz anders die Tiere, deren forschender, offener Blick auf die Zuschauer im Kinosaal zurückfällt.

Tiere blicken dich an: Die Kreatur also blickt zurück, aber wir schauen gar nicht so genau hin. Da will der Film eine kleine Lehrstunde sein, genau, mit Geduld hinzusehen wie die Kunststudentinnen in seiner ersten Szene.

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Darunter verbirgt sich, auch wenn Côté diese Intention in Gesprächen von sich weist, noch ein Unbehagen darüber, wie wir Tiere behandeln. In den Bildern von Bestiaire tauchen sie nur als eingepferchte Wesen auf, die oft auf Betonböden stehen oder im braunen Schlamm; der Film ist zudem noch im winterlichen Québec entstanden, Zebras und Elefanten laufen also an bräunlich-schmutzigem Schnee vorbei, eine trostlose Welt des Betrachtetwerdens, in der die Tiere nur den Zweck haben, Schauobjekt zu sein. Auch das trifft sich dann mit den Szenen bei den Präparatoren, wo noch das tote Tier auf dieses Ziel hin optimiert wird. Und wer ein bisschen böse sein will, sieht darin natürlich auch einen Gedanken über das Wesen des Kinos.

Trailer zu „Bestiaire“


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