Bertolt Brecht - Bild und Modell

Kunst in Zeiten des Krieges. Anlässlich des 50. Todestag von Bertolt Brecht blättern drei Fachmänner vor laufender Kamera in für gewöhnlich nicht so leicht zugänglichen Dokumenten des Berliner Bertolt-Brecht-Archivs und übertragen einen essentiellen Ansatz Brechts Theaterarbeit auf die Form ihrer Dokumentation im Film.

Bertolt Brecht - Bild und Modell

Bertold Brecht ist noch immer der bekannteste deutsche Theatermacher. Auch fünfzig Jahre nach seinem Tod sind das Berliner Ensemble, Mutter Courage oder die Dreigroschenoper vom Hörensagen oder zumindest aus mehr oder minder fernen Schultagen her bekannt. Seine Arbeiten am Theater wurden zum Synonym für einen Anspruch an die Kunst, gesellschaftliche Phänomene aufzuzeigen und die gewonnenen Erkenntnisse an seine Mitmenschen weiterzugeben. Dass Bertold Brecht als aufmerksamer und zugleich kritischer Chronist seiner Zeit ferner die Ereignisse jener Tage anhand von sorgfältig gesammeltem und mit kommentierenden Vierzeilern versehenem Bildmaterial in einer Kriegsfibel zusammengetragen hatte, ist eine noch recht unbekannte Facette seines bereits vielseitigen Oeuvres.

Bei der von Bertolt Brecht als Kriegsfibel betitelten Mappe handelt es sich um eine Sammlung von aus damaligen Tageszeitungen und Illustrierten herausgeschnittenen Reproduktionen tagesaktueller Ereignisse. Wie es der Titel nahe legt, zeigen diese Abbildungen vorrangig zerstörte Städte sowie tote oder vom Krieg gezeichnete Menschen. Jene Bilder wurden von Brecht zusätzlich, zur originalen, das Abgebildete beschreibenden Untertitelungen, mit einem eigenen Kommentar, in Form von feinsinnigen Epigrammen versehen. Die daraus entstehende Spannung zwischen Bild und Text macht die Arbeitsweise des Künstlers anschaulich: Bilder allein sagen laut Brecht nichts mehr über ihren dargestellten Gegenstand aus. Sie benötigen eine Einstellung zum Gezeigten.

Bertolt Brecht - Bild und Modell

Der Film Bertolt Brecht – Bild und Modell macht nun unter anderem einige dieser Bild-Text-Fragmente aus der bis Ende 2004 verschollenen Mappe für den Zuschauer zugänglich und nimmt sich die Zeit, dies in adäquater Form zu tun. Jedes der exemplarisch ausgewählten Dokumente wird ausgiebig von der Kamera reproduziert, jede Bildunterschrift optisch und akustisch, teilweise wiederholt, zum Nachvollzug für den noch unkundigen Betrachter aufbereitet. In Zeiten schnellster Bilderfolgen wirkt diese ästhetische Entscheidung vielleicht gelegentlich ermüdend, gibt jedoch den prägnanten und erschreckend aktuellen Auseinandersetzungen Brechts mit den Kriegen seiner Epoche die Möglichkeit zur Wirkungsentfaltung sowie eigenen Reflexionen.

Eine die Aufbereitung der Dokumente begleitende Diskussion zwischen Peter Voigt, welcher früher als Assistent für Brecht gearbeitet hat, dem Leiter des Brecht-Archivs Erdmut Wizisla und Harald Müller, Redakteur von „Theater der Zeit“ bereichert das Gezeigte um eine zusätzliche Ebene. Die Experten auf dem Gebiet der Brecht-Forschung nähern sich gemeinsam einer bisher unbekannten Facette ihres Fachgebietes und sie tun dies vor laufender Kamera. Was der Zuschauer hier zu sehen bekommt sind keine einstudierten, bis ins Letzte durchdeklinierten Reflexionen einer Fachelite, sondern, wenn man so will, der Probenprozess dorthin. Natürlich werden werkgeschichtliche und biographische Bezüge sofort hergestellt, das neue Material in bereits Bekanntes einsortiert, doch nimmt der Zuschauer in dieser Dokumentation auch teil an Spekulationen und Ungereimtheiten gegenüber dem Entdeckten. Der Verlauf wird hierbei zugänglich gemacht, ein seltenes Gut in zwanghaft entscheidungsorientierten Tagen.

Neben der Auseinandersetzung mit der wiederentdeckten Bildersammlung präsentiert Bertolt Brecht – Bild und Modell die üppig dokumentierte Theaterarbeit Bertolt Brechts am Berliner Ensemble exemplarisch an drei seiner dort erarbeiteten Inszenierungen. Anhand dieses Materials wird erneut deutlich, wie gewissenhaft, fast bürokratisch, Brecht die Dokumentation seines Schaffens betrieb. Eine fixierte, die Bühne in der Totalen erfassende Kamera zeichnete jede Geste der Schauspieler, jeden Bühnenumbau penibelst auf. Die, im BE-eigenen Fotolabor entwickelten Fotografien wurden sodann sorgfältig beschriftet in sogenannten Modell- oder Regiebücher archiviert und dienten zur Rekonstruktion für eventuelle Wiederaufnahmen jener Aufführungen. Heute sind sie wertvollstes Hilfsmittel, um theaterhistorischen Schlagwörtern wie dem Verfremdungseffekt oder dem epischen Theater eine Konkretheit zu geben. Man könnte meinen, hierin eine weislich vorhergesehene Pointe des Meisters zu entdecken.

Das Ende des Filmes wartet mit einer weiteren Rarität in Sachen Theaterdokumentation auf: „Der Hofmeister“ von J.M.R. Lenz in der Inszenierung von Bertolt Brecht und Caspar Neher aus dem Jahre 1950 gilt als die artistisch bedeutendste Produktion Brechts am Berliner Ensemble. Aufgrund ihrer Genauigkeit in Gestik, Mimik, Figurenaufstellung der Schauspieler berühmt geworden, macht es die Technik heute möglich die existierenden Einzelfotos wie im Daumenkino zu bewegten Bildern zu animieren und die Aufführung im Schnelldurchlauf nun einmal optisch nachvollziehbar zu machen. Und erneut dienen hier die Worte des Machers, Brechts bekannte Probenotate, als erkenntnisbereichernder Kommentar zum Bild.

Den Filmemachern dieser nicht nur für Brechtexperten aufschlussreichen Dokumentation gelingt es, ihr Material im Sinne eines Kunstansatzes Bertolt Brechts aufzubereiten, doch bleibt die Unterhaltung des Zuschauers dabei von Anfang an auf der Strecke. Zu sehr wird auf das Belegende der Materialien hinsichtlich einer neuen Erkenntnis über diesen vielseitigen Künstler der Moderne geblickt, dass keines der vorgestellten Dokumente so recht zum Leben erwachen will. Man glaubt es heute fast nicht mehr, aber besonders das Vergnügen am Theater, der so arg gescholtene Unterhaltungsaspekt im Kunstbetrieb, ist einer der ersten Ansprüche Brechts an die Bühne gewesen.

 

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