Berlin-Stettin

Eine dokumentarische Reise durch den dünn besiedelten Landstrich zwischen Berlin und Stettin, zwischen gestern und heute (und morgen).

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Berlin-Stettin, Volker Koepps jüngster Dokumentarfilm, macht es schwer, einen eindeutigen Inhalt zu identifizieren. Er versucht nur, ein Gebiet zwischen Berlin und Stettin zu ermessen und Menschen zu begegnen. Im Vorübergehen rekapituliert Koepp seine eigene Geschichte als Dokumentarist, die Geschichte seiner Familie nach dem Zweiten Weltkrieg, die Geschichte des Arbeits- und Alltagslebens in der DDR und das, was nach der DDR gekommen ist, die Geschichte alter und neuer Bewohner dieses Raumes.

Koepp interessiert sich für Räume und für die Menschen, die sie bewohnen, das sind die einfachen Themen seiner Filme. Es geht tatsächlich um Topografie, um Entfernungen und Relationen zu anderen Räumen. Nach einer halben Stunde bemerkt die Off-Stimme Koepps, dass sich seine Lieblingslandschaft genau auf halber Strecke zwischen Berlin und Stettin befindet, jeweils 70 Kilometer von den beiden Orten entfernt, um dann hinzuzufügen: „Auch zu den Orten vieler meiner Filme ist der Zirkelschlag nicht groß.“ Topografie gibt die Richtung und die Form der Erzählung dieses Films vor, aber sie ermöglicht es auch, Geschichten von Menschen zu erfassen. Koepp erläutert sein Anliegen als das Erzählen einer Gegengeschichte, die sich aus dem Alltag selbst entfaltet, keine geschlossene, sondern eine irrlichternde Geschichte von Momenten und Erfahrungen.

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Berlin-Stettin ist von der Art Dokumentarfilm, bei der sich tatsächlich der Zuschauer selbst ein Bild machen und Zusammenhänge herstellen muss. Die Löcher füllen sich einigermaßen, wenn man das Gesamtwerk Koepps kennt, den Wittstock-Zyklus mit Filmen über das Textilkombinat in der Uckermark, Gustav J. (1973), einen Film über die harte und stupide Arbeit in einer Ziegelei in Zehdenick, deren Protagonisten er hier wiedertrifft, die vielen anderen Filme über Landschaften im Nordosten Deutschlands und Europas. Der Zuschauer muss akzeptieren, dass ihm die Figuren wie alte Bekannte mit nur wenigen Erklärungen, meist ein paar Bildern aus Koepps früheren Filmen, vorgestellt werden, dass sie Teil einer weiterführenden, von einer Vielzahl von Dokumentarfilmen abgebildeten oder auch produzierten Welt sind, deren Bilder rekursiv immer wieder in den Film eingebunden werden.

Berlin-Stettin ist eine Reise von Berlin nach Stettin, aus der Vergangenheit in die Zukunft, auf deren Zwischenstationen Koepp Menschen begegnet oder wiedertrifft, die alle etwas darüber zu erzählen haben, wie es ist, dieses überaus dünn besiedelte Gebiet zu bewohnen. Die Ziegeleiarbeiter, Elsbeth und Renate aus dem Zyklus der Wittstockfilme oder Karin, die Schweißerin mit dem Hut aus dem mecklenburgischen Schwaan, die in dem Film Tag für Tag (1979) porträtiert wurde, sind allesamt „Originale“, faszinierende Menschen. Sie alle haben etwas zu erzählen und können es auch, sie haben viel erlebt und scheinen auf eine unverfängliche Art tatsächlich „geerdet“ zu sein. Sie können uns vermitteln, was einmal gewesen ist, was bleibt und was sich alles verändert hat. Die anderen Figuren, die neuen Bewohner, fallen dagegen etwas ab, wie etwa Fritzi Haberland, die ein Häuschen in dieser Region besitzt, oder eine polnische Studentin und ihr Kommilitone aus Stettin, die etwas zu exemplarisch für die Möglichkeiten neuer Grenzüberschreitungen herhalten müssen. Aber sie passen gut in eine Struktur, die keine Hierarchie zwischen wichtigen und unwichtigen Dingen kennt, denn wichtiger erscheint die Landschaft selbst, deren Ansichten immer wieder in wunderbaren Kompositionen rhythmisch alternierend die Menschen und ihre Geschichten unterbrechen.

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Die Ferne, die Offenheit der Landschaft, die rätselhaften Zeitläufe, die dramatischen Veränderungen wie Krieg, Kommunismus, Kapitalismus und Arbeitsplatzverlust nach der Wiedervereinigung, all das findet in diesem Film Platz. Doch ständig hat der Zuschauer das Gefühl, dass diese Landschaft relativ desinteressiert an diesen Veränderungen ist. Der Dokumentarfilm fließt und mäandert dahin wie ein Fluss in den ostdeutschen Landschaften. Berlin-Stettin ist ein schöner und auch ein wichtiger Film, gerade weil das Kino häufig so wenig „wirklichen“ Sinn für Räume aufbringt, gerade weil diese vom Raum diktierte Form uns einen Blick auf die Welt und auf unsere Geschichte(n) ermöglicht und uns Menschen treffen lässt, die etwas zu sagen haben, aber auch, weil der Horizont offen bleibt und die Landschaften auch zu Territorien noch nicht ausgeschöpfter Möglichkeiten werden.

Trailer zu „Berlin-Stettin“


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Kommentare


nachgebloggt

Ich finde diese Idee der Doku schon auf eine Art und Weise klasse und sicherlich hochinteressant für Menschen aus der Region, ich komme aus dem hohen Norden und konnte nicht so sehr viel damit Anfangen ehrlich gesagt, dennoch fand ich die geschichtlichen Aspekte interessant.






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