Berlin für Helden

Lieben ohne Sicherheiten. Klaus Lemke dreht seinen ersten Film in Berlin. 

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Es ist fast eine kleine Sensation, dass nach einer halben Ewigkeit wieder ein Film von Klaus Lemke regulär im Kino anläuft. Schließlich entstehen seine mit Laiendarstellern und Mini-Budget realisierten Werke schon lange jenseits herkömmlicher Produktionsweisen. So underground, wie er gern wäre, ist der Mann, der so leidenschaftlich über Filmförderung lästert, aber nicht. Immerhin wurden viele seiner jüngeren Projekte ausgerechnet vom ZDF koproduziert.

Für seinen neuesten Film, Berlin für Helden, gab es im Vorfeld schon ungewöhnlich viel Publicity. Nachdem den nicht einmal die Berlinale haben wollte, demonstrierte Lemke bei der Festival-Eröffnung, spulte sein Programm von der miserablen Lage des deutschen Kinos ab und präsentierte der Welt seinen nackten Hintern. Aber auch den nicht zugelassenen Film kündigte der 71-jährige erwartungsgemäß großspurig an. Es sei einer seiner besten Filme überhaupt, hieß es. Und was sein Klassiker Rocker (1972) für Hamburg war, könne Berlin für Helden für die Hauptstadt werden.

Ganz so hoch muss man die Erwartungen zwar nicht schrauben, in der Tat ist Berlin für Helden nach dem arg hingerotzten „kleinen Schwabingporno“ Schmutziger Süden (2010) wieder ein deutlicher Schritt nach vorne. Hier verwechselt Lemke Spontaneität nicht mit Schlampigkeit und lässt seinem Film inmitten der kleinen Plots auch wieder Platz zum Atmen. Natürlich kommt dem berufsjugendlichen Regisseur auch diesmal niemand vor die Linse, der die dreißig überschritten hat. Es geht um zwei Männer und drei Frauen, die, wie üblich, ihren echten Namen tragen und in Berlin-Mitte dem Glück hinterherjagen. Ein italienischer Musiker ist dabei, ein Berufsschauspieler und auch wieder Saralisa Volm, die sich in den letzten Jahren zur Muse des Meisters gemausert hat. Wie es sich für typische Lemke-Figuren gehört, leben sie in den Tag hinein, versuchen irgendwie über die Runden zu kommen und haben reichlich Beziehungsstress.

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Erstaunlich ist dabei, wie wenig sich Lemke um einen inneren Zusammenhang schert und ziellos zwischen Seifenoper, Impro-Komödie und Softporno herumkurvt. Ständig ändern sich die Ziele der Figuren, die Beziehungskonstellationen und der Erzählton. Aber Lemke widmet sich mit seinem fahrigen, unkonzentrierten Stil auch eher einem Lebensgefühl als einer Geschichte. Seine Figuren befreien sich von den Fesseln einengender Storylines, um sich dem Leben hinzugeben, um zu saufen, um zu streiten und natürlich, um sich zu lieben. Wohin das alles führt, bleibt ungewiss.

Dabei gibt es auch vereinzelte Momente, in denen das schwer angesagte Berlin eben nicht nur dekorative Kulisse ist. Wie immer dringt Lemke in die Bars, Clubs und Wohnungen der Stadt vor, stets auf der Suche nach Spuren von Authentizität. Besonders in einer Szene lässt sich beobachten, wie durchlässig die Grenze zwischen Fiktion und Wirklichkeit ist. Der schwermütige Schauspieler steht am Rosenthaler Platz und sieht einem Straßenmusiker bei seiner Darbietung zu. Ungewöhnlich lange verharrt der Film bei dieser scheinbar dokumentarischen Betrachtung, genießt ganz die Einmaligkeit des Augenblicks. Umso überraschender ist es dann, wenn sich der Musiker wenig später zum Figuren-Ensemble dazugesellt.

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Blickt man auf frühere Filme des Regisseurs, dann scheint es, als hätten die Darsteller über die Jahrzehnte an Charme verloren, wären gewöhnlicher und profilloser geworden. Manchmal gibt es aber auch in Berlin für Helden noch die charmante Unbedarftheit, die einst Cleo Kretschmer zu einem von Lemkes Anti-Helden erstrahlen ließ.

Wenn Saralisa Volm etwa Sprüche wie „Ich bin total verliebt in mein’ neuen Lipstick“ von sich gibt und ohne jegliche Erfahrung ein Musikvideo drehen möchte, wofür sie dann bei Google „Wie drehe ich ein Video wie die auf MTV?“ eingibt, rettet Lemke seinen Stil ins neue Jahrtausend. Was seine Figuren so sympathisch macht, ist ihre bedingungslose Bereitschaft zu scheitern. Sie lassen sich von einem Glücksversprechen nach dem anderen blenden und fliegen doch jedes Mal wieder auf die Fresse. Es gibt eben keine Gewissheiten in Lemkes Kino. Weder für die Figuren noch für die Zuschauer. 

Trailer zu „Berlin für Helden“


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