Berlin am Meer
Was früher die gefürchtete deutsche Komödie war, könnte bald der Berlin-Film werden. Dessen typische Zutaten sind exemplarisch in Wolfgang Eißlers Langfilmdebüt Berlin am Meer zu begutachten.
Welten treffen aufeinander. Sie studiert in München, Politikwissenschaft. Er kennt niemanden, der so etwas heute noch tut. Er lebt in Berlin, er macht Musik, dazu sagt sie: Das machen hier doch irgendwie alle. Sie heißt Mavie (Anna Brüggemann), ist zu Besuch in der Hauptstadt und absolviert zielstrebig ein Praktikum im Bundestag. Er heißt Tom, wird wenig überraschend von Robert Stadlober gespielt (schon in Schwarze Schafe, einem in vieler Hinsicht verwandten Film, gab er einen Szene-Berliner) und führt genau das Leben, das Leute aus der Provinz sich in Berlin vorstellen: Chaos-WG, Döneressen, hin und wieder wird in angesagten Clubs aufgelegt. Zusammen mit seinem Freund Malte (Axel Schreiber) bastelt er an einer CD und träumt von einem Vertrag mit einer großen Plattenfirma.
In diese Konstellation platzt nun also Mavie herein, und zuerst geht es ihr ähnlich wie dem Münchner Ehepaar auf Spree-Fahrt in Schwarze Schafe, dem Milan Peschel als prolliger Hauptstadt-Alkoholiker ein deftiges „Hier ist Feindesland“ entgegenschleuderte, bevor er seinen Mageninhalt auf ihre edle Kleidung entleerte. Die ehrgeizige, hübsche, schicke Mavie wird von ihrem Bruder (Claudius Franz), einem gescheiterten Medizinstudenten, mit offener Verachtung empfangen. „Blöde Münchner Kuh“ ruft ihr das Partyluder Margarete (Jana Pallaske) hinterher. Die angebliche Feindschaft zwischen Berlin und München, im jungen deutschen Film wird sie wohl ewig weiterleben - und wirkt dabei mindestens so lächerlich wie jene zwischen Köln und Düsseldorf oder, noch schlimmer, zwischen Schalke und Dortmund.
Berlin am Meer ist einer jener Filme, von denen ihre Macher gerne behaupten, sie könnten nur in Berlin spielen. Das ist natürlich Quatsch. Bummelstudenten gibt es nicht nur dort. Auch, zum Beispiel, in Heidelberg, nach dessen Besichtigung Mark Twain vor knapp 130 Jahren schrieb: „Man sieht zu jeder Stunde so viele Studenten auf der Straße, dass man sich fragt, wann sie eigentlich arbeiten.“
Regisseur und Drehbuchautor Wolfgang Eißler, Jahrgang 1971, hat sein Langfilmdebüt rund um das Metropolen- und Boheme-Gerede inszeniert, das Berlin seit Mitte der neunziger Jahre begleitet. Der Film hat dabei dieselben Probleme wie die Stadt: Wer wirklich wichtig ist, redet nicht ständig darüber, und Prenzlauer Berg ist nicht Greenwich Village. Die Bohemiens um Tom und Malte sitzen um riesige Töpfe mit Spaghetti wie Neandertaler um ein Lagerfeuer, benutzen Worte wie „bitch“ und veranstalten Komasaufspiele, als wären sie 16. Außerdem gebührt dem Drehbuch der Preis für den dümmsten Anglizismus in einem deutschen Film seit langem. Er wird von Malte gesprochen, lautet: „Ich habe mit denen gesignt“ - oder schreibt man das „gesigned“? - und bezeichnet seine Unterschrift unter einen Plattenvertrag.
Wegen dieser Unterschrift, und natürlich auch wegen Mavie, kommt es zu Spannungen zwischen den Freunden, die sich jedoch am Ende in einem typischen Ich-muss-sie-finden-bevor-der-Zug-abfährt-Finale im neuen Hauptbahnhof in Luft auflösen. Der Bahnhof gehört wie das Freibad an den Treptowers, der Mauerpark und das Bodemuseum zu den Berlin-typischen Drehorten, die mit Begeisterung aneinandergereiht werden. Einmal, Höhepunkt des kiezigen Lokalkolorits, sitzen Tom und Mavie mit einem Döner in ihren Händen in der Oper.
Visuell ist Berlin am Meer eine Mischung aus einer durch die vielen Details in der Ausstattung gelungenen Milieustudie und einem Werbeclip. Da fährt dann die S-Bahn plötzlich in rasendem Tempo über die West-Ost-Trasse, oder Robert Stadlober bewegt sich in Zeitlupe und rückwärts. Ähnliche Spielereien gab es auch in Schwarze Schafe. Einmal, als Tom mit Liebeskummer auf die Stadt schaut, zerbröckelt der Mond und fällt vom Himmel, was wirklich schön aussieht. Am Schluss dann gibt es einen extremen Zoom im Google-Earth-Modus, und da, von oben betrachtet, ist Berlin dann plötzlich wirklich am Meer, eine Insel sogar, getrennt vom Rest der Welt.
Filmkritik von Thorsten Funke
Veröffentlicht am 05.02.2008
Kommentare zu Berlin am Meer
Thomas F. Guthörle 27.01.2009 17:14
Durch die schauspielerische, löbliche Leistung von Anna Brüggemann ist dieser interessante Film erst zu einem BERLIN-Film geworden.
Sie ist ein junges Talent mit Herz und Ausstrahlung, welche eine echte und wahre Bereicherung für den deutschen Film ist !
Bravo, Anna !!!
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Blog: Berlinale im Dialog

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Film-Angaben
Titel: Berlin am Meer
Deutschland 2007
Laufzeit: 98 Minuten
Regie: Wolfgang Eißler
Drehbuch: Wolfgang Eißler
Produktion: Ali Saghri, Iris Sommerlatte
Darsteller: Robert Stadlober, Anna Brüggemann, Axel Schreiber, Jana Pallaske, Claudius Franz, Emma Daubas
Kinostart: 10.01.2008
DVD-Angaben
Titel: Berlin am Meer
Vertrieb: Warner Home Video
Bild: 1,85:1, 16:9
Sprache(n): Deutsch (DD 5.1)
Untertitel: Deutsch für Hörgeschädigte
Altersfreigabe: ab 12 Jahren
Spieldauer: 94 Minuten
Extras: Making-Of; nicht verwendete / alternative Szenen; Kinotrailer plus 10 Clips; Berlin am Meer… 1 Jahr vor Drehbeginn
Verleih ab: k.A.
Verkauf ab: 15.08.2008
Copyright Berlin am Meer
Fotos: © Warner Bros.
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