Bergfest
Dem Abgrund so nah. Florian Eichingers Psychodrama vor schneebedeckter Alpenkulissen holt den angestaubten Vater-Sohn-Konflikt aus der Mottenkiste und begibt sich auf holprige Pfade.
Mühevoll quält sich Hannes (Martin Schleiß) die letzten Meter zur familieneigenen Berghütte, seine körperlich beeinträchtigte Verlobte (Anna Brüggemann) trägt er auf dem Arm. Auch sein verhasster Vater (Peter Kurth) hat sich mit seiner jungen Lebensgefährtin (Rosalie Thomass) in dem Häuschen einquartiert. Es sind nur noch wenige Schritte, bis Eichingers Exposition in einen kammerspielartigen Seelenkampf in den Alpen umschlägt und sich eine Arena der moralischen und emotionalen Konflikte konstituiert.
Arenen zeichnen sich dadurch aus, dass sie genau den Raum bieten, der für die Austragung eines Kampfes vonnöten ist. So muss auch das Medium Film Räumlichkeiten bieten, um Auseinandersetzungen angemessen in Erscheinung treten zu lassen. Diese lassen in Bergfest nicht lange auf sich warten und die verschneite Gegend um die Hütte wird zum Ort des Gefechts. Eichingers Inszenierung konzentriert sich ausschließlich auf die vierköpfige Schauspielerriege, die unter Vermeidung jeglicher Überstilisierung mit ihren Emotionen ringt. Aber etwas läuft von Anfang an verkehrt. Jede Handlung scheint unmotiviert, jedes Vorkommnis beliebig oder konstruiert. Man folgt den verbalen Traktaten und dem Schlagabtausch zwischen Vater und Sohn, man wird Zeuge der Affäre zwischen Hannes und Vaterfreundin Lavinia, doch alles wirkt nur gesetzt, bleibt ganz blutarmes Drehbuchklischee. Eichinger versäumt es, seine Arena zu nutzen und überlässt seine Figuren einer formalen Leere.
Das Setting in Bergfest geriert zum Raum der Bedeutungslosigkeit. Es ist eine grobe Kontur, in die nichts eingeschrieben wird und die sich in ihrer ganzen Ungeformtheit im Film manifestiert. Die Hütte und die Schneelandschaft schaffen keinerlei Bezug zu den Konflikten oder den Figuren, wirken von vornherein austauschbar. Damit geht ein enormes Risiko für die Narration des Films einher. Die Erzählung findet keine formale Entsprechung und reduziert sich auf ein bloßes Abarbeiten der Auseinandersetzungen. Eichingers Alpenhütte ist eine leere Hülle, kein kinematographischer Raum. Das deutsche Drama bemüht sich nur bedingt, seine Thematik in einer entsprechenden mise en scène aufzuheben. Was bleibt, ist plakativer Symbolismus.
Welch schwere Last Hannes zu tragen hat, zeigt sich bereits in der Allegorie zu Beginn. Der zweite Abend gipfelt in einer improvisierten Theatersequenz, die mit allzu aufdringlicher Metaphorik den Protagonisten ihre Rollen zuweist. Hannes wird zum dummen August und sein Vater Hans-Gert mimt die Figur eines grimmigen Mephisto, der dem Kasper ins Handwerk pfuscht. Doch dabei stehen alle wieder im leeren Raum. Die lineare Erzählung haftet ausschließlich an den Darstellern, die sich mit der hermetischen Beziehung zu ihrem Umfeld um Kopf und Kragen spielen. Eichingers Entscheidung, den Film um seine Figuren zu bauen, bürdet vor allem Martin Schleiß eine Last auf, die er nicht tragen kann.
Die unmaßgeblich changierende Ausdrucksweise des Hauptdarstellers macht es dem Zuschauer zunehmend schwer, die psychologischen Gefechte als glaubhaft zu empfinden. In manchen Momenten weicht sein nüchternes Spiel – nur, um von einer überzogenen Theatralität abgelöst zu werden. Hannes legt auch gegen Ende seinen starren Gesichtsausdruck nicht ab, als er seinen Vater zur Rede stellt, warum der nie auf die Briefe und Kassetten geantwortet hat, die er ihm geschickt hatte. Dazwischen gibt er sich bei einem Telefongespräch mit gekünstelter Lockerheit oder gegen Ende beim Frühstück mit übertriebener Missbilligung gegenüber seinem Vater.
Wenn Hannes und Ann die Hütte am letzten Tag wieder verlassen, bleibt beim Zuschauer nicht nur das Gefühl, dass die Figuren keinen Ausweg aus ihrer Situation gefunden haben, sondern dass der Film wie eine dünne Nebelschwade an ihm vorbeigezogen ist. Bergfest misslingt der steinige Aufstieg in ein fesselndes Drama. Die Schluchten, die sich hier auftun, sind einfach zu groß.
Filmkritik von Josef Lommer
Veröffentlicht am 05.07.2010
Kommentare zu Bergfest
Luise von Gasshof 16.04.2011 18:17
Vater-Sohn Konflikt angestaubt? Wie ist denn das gemeint? Vater-Sohn Konflikte wird es geben, solange es Väter und Söhne gibt.
Außerdem, wie hier über den jungen Hauptdarsteller hergezogen wird, kann ich nicht im mindesten nachvollziehen. Den fand ich sehr sehr stark.
Kritiken bitte in Zukunft nüchtern schreiben, dann wird man auch der Verantwortung ein bisschen mehr gerecht!
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Film-Angaben
Titel: Bergfest
Deutschland 2008
Laufzeit: 88 Minuten
Regie: Florian Eichinger
Drehbuch: Florian Eichinger
Produktion: Florian Eichinger, Cord Lappe
Bildgestaltung: André Lex
Montage: Jan Gerold
Musik: Daniel Vernunft, Ivan Wyszogrod
Darsteller: Anna Brüggemann, Peter Kurth, Martin Schleiß, Rosalie Thomass
Kinostart: 08.07.2010
Copyright Bergfest
Fotos: © Bergfilm
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