Bergblut

Eine junge Arzttochter aus Bayern erlebt 1809 den Befreiungskampf der Tiroler unter Andreas Hofer mit. Philip J. Pamers versucht mit seinem Regiedebüt, einen eigenen Zugang zu der Geschichte zu finden.

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Mit seinem gewaltsamen Tod durch ein französisches Erschießungskommando im Jahr 1810 wurde der Tiroler Volksheld Andreas Hofer zum Märtyrer. Erzählungen und Romane verklärten ihn im Lauf der Jahre immer mehr zur Legende. Schon 1929 entstand der erste Film über sein Leben. Vor allem unter national Bewegten fand der Gastwirt und Rebell Anfang der 1930er Jahre zahlreiche Bewunderer, die Funktionalisierung seines Befreiungskampfes kam groß in Mode. Hitler war Hofer-Fan, vor allem der Trenker-Film Der Rebell (1932) hatte es ihm angetan. Goebbels notierte in seinem Tagebuch: „Abends Film. Luis Trenker, ,Der Rebell‘. Die Spitzenleistung. Ein nationalistischer Aufbruch. Ganz große Massenszenen … Hitler ist Feuer und Fett.“

Eine schwere Bürde also für jede weitere Beschäftigung mit dieser Figur. Der TV-Film Andreas Hofer – Die Freiheit des Adlers (2001) mit Tobias Moretti in der Titelrolle unternahm den Versuch einer neuen Interpretation. Er setzte dem Rebellen ein zwar nicht mehr so stark nationalistisch gefärbtes, aber immer noch sehr pathetisches, lediglich an Schauwerten interessiertes Denkmal.

Löst sich also Bergblut von der Überlieferungsgeschichte und wirft einen historisch differenzierten Blick auf Andreas Hofer? Der Film entstand als Abschlussarbeit des jungen Regisseurs Philipp J. Pamer an der Hochschule für Film und Fernsehen in München, und Pamer, der auch das Drehbuch schrieb, versucht durchaus einen neuen Ansatz. So bleibt Hofer in seiner Version der Geschichte nur eine Randfigur. Im Mittelpunkt steht die fiktive Augsburger Arzttochter Katharina (Inga Birkenfeld), die 1809 mit ihrem Tiroler Ehemann Franz (Wolfgang Menardi) in die bitterarme Alpenregion kommt.

Als gebildete Frau aus der Stadt stößt Katharina bei den einfachen Bergbauern aus Franz’ Familie zunächst auf schroffe Ablehnung. Und die politische Lage spitzt sich zu: Die Tiroler leiden unter den brutalen Besatzern aus Bayern und Frankreich. Gastwirt Andreas Hofer (Klaus Gurschler) schart wütende Bauern um sich und zieht mit ihnen in den Befreiungskrieg, unterstützt von österreichischen Truppen. Unter ihnen ist auch Franz, der Katharina allein auf dem Berghof der Eltern zurücklässt.

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Pamer wählt also eine Erzählperspektive, die eine Außensicht auf die Tiroler Gesellschaft ermöglichen soll. Seine Hauptfigur blickt mit den Augen der Moderne auf eine rückständige, von armen Bauern geprägte Welt. Leider nutzt Pamer diese Perspektive aber nur halbherzig. Katharina dient anfangs zwar als Identifikationsfigur für den Zuschauer, das Geschehen wird allein aus ihrer Perspektive geschildert. Sehr schnell aber ist Pamer bemüht, die Fremdheit in diesem Blick vergessen zu machen, indem er Katharina eine unglaubwürdig schnelle Assimilation durchlaufen lässt. Sie lernt, sich wie eine Bäuerin zu kleiden, Kühe zu melken und barfuß in warme Kuhfladen zu steigen. Von Fremdheit ist bald keine Spur mehr, abends spielt man behaglich am Küchentisch Karten. Damit vergibt Pamer die Möglichkeit, sich der Situation im damaligen Tirol auch kritisch zu nähern.

Doch das wäre für eine ernsthafte Auseinandersetzung unabdingbar gewesen. Denn Hofers Bewegung kämpfte nicht nur für Freiheit und Unabhängigkeit, sondern vertrat auch eine dezidiert antimoderne Haltung. Die Ablehnung aufklärerischer Ideen und christlicher Fundamentalismus gehörten ebenso zu Hofers Programm wie der Hass auf alles Fremde. Kurz nach der ersten siegreichen Schlacht wurden in Innsbruck jüdische Mitbürger drangsaliert. Davon ist in dem Film natürlich nie die Rede.

Auch handwerklich mangelt es Bergblut an Überzeugungskraft. Am intensivsten inszeniert Pamer noch die Innenaufnahmen, die die Dunkelheit und Enge der Bauernkaten spürbar machen. Ansonsten versucht er, den Zuschauer mit ständigen Kranfahrten zu involvieren, was sehr schnell zu Ermüdungserscheinungen führt. Vor allem bei der Verzahnung der einzelnen Szenen macht sich diese uninspirierte Inszenierungsweise bemerkbar: Meist schwillt pathetische Musik an, die Kamera schwenkt ein Bergpanorama ab, dann wird die nächste Szene angeklebt. Ein Erzählfluss will so nicht entstehen.

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Zusätzlich gehemmt wird er durch eine dramaturgische Klammerung, die Pamer sich bei aufgeplusterten TV-„Eventfilmen“ abgeschaut hat. Dieser einfallslosen Formel folgend, erinnert sich die greise Katharina an ihre Geschichte, die dann in Rückblenden aufgefächert wird. Ihre Erzählerstimme kommentiert das Geschehen mit pathetischen Reminiszenzen, die eigentlich völlig überflüssig sind. Damit überfrachtet Pamer die Geschichte und macht sie unglaubwürdig.

Im letzten Drittel stellt das Drehbuch dann doch noch Andreas Hofer selbst in den Mittelpunkt. Dadurch geht die Außenperspektive endgültig verloren, und Bergblut endet mit der Szene von Hofers Erschießung. Hier lässt Pamer, der selbst in Tirol geboren wurde, ihn sogar seine angeblich letzten Worte sagen, die historisch nicht verbürgt und wohl dem Reich der Legende zuzurechnen sind. Spätestens da hat der Regisseur es endgültig aufgegeben, sich der Umklammerung durch den Hofer-Mythos zu entziehen.

Kommentare


Elisabeth Maurer

Obwohl ich den Film noch nicht kenne, scheint mir der Text sein Grundproblem sehr gut darzulegen. Allgemein scheint sich gerade bei Filmen mit historischen Stoffen eine Standardisierung des Handlungsaufbaus international etabliert zu haben. Einerseits ist da die halbherzige Position zu den historischen Figuren, deren Mythos weder komplett demontiert noch bekräftigt wird. Vor allem jedoch die in Ihrem Text meiner Meinung nach sehr zurecht als einfalsslos entlarvte Rückblendenstruktur findet sich in so vielen Historienfilmen und Biopics. Nicht immer macht das den Film zu einem mißlungenen Versuch der Annäherung an eine historische Person. Doch erscheint es sehr wichtig, daß diese Erzählweise auch das Thema des Films noch einmal aufgreift, also einen Mehrwert darstellt und nicht nur einfach eine leichte Methode des Handlungsaufbaus ist. Besonders negativ ist mir eine solche Strategie bei Stones "Alexander" aufgefallen, in dem die Szenen mit Anthony Hopkins nicht nur überflüssig waren, sondern auch so langweilig und uninspiriert inszeniert, dass sie den gesamten Film zerstörten. Viel besser gelungen ist es meiner Meinung nach zum Beispiel bei "Walk the Line", da hier ein Schlüsselmoment aus dem Leben Cashs als Ausgangspunkt der Erinnerung gewählt wurde, der eben eine direkte Folge der Vergangenheit ist, vor allem aber auch eine Konzentration von allem, wofür die Figur damals und heute steht, beinhaltet. Ein weiteres Beispiel wäre "Poll" von Chris Kraus, da hier das Thema des gesamten Films die Vergänglichkeit ist, das sehr gut in dem Voice-over von der alten Oda gespiegelt wird, da dies die Stimme einer Person ist, die selbst einmal vollkommen in Vergessenheit geraten wird.


Erwin Schneider

@ Oliver
Mich ärgert, dass der Film viel zu sehr von der bayerischen Seite auf das Land Tirol blickt, eine tirolerische Hauptfigur wäre besser gewesen. Immerhin waren die Bayern die überlegenen Besatzer.
Gerade was im Nationalsozialismus vorgenommen wurde, die Instrumentalisierung einer regionalen Figur wie Hofer für menschenverachtende Bestrebungen, ist ja eine doppelte Frechheit, wenn die Tiroler Geschichte jetzt deshalb anders oder gar nicht "tirolerisch" erzählt werden darf.
Deutschland ist nicht der Mittelpunkt der Welt (und zumindest in diesem Film geht's um mein Heimatland).


Gerhard Egger

Ich sehe das ähnlich wie Erwin Schneider. Kein einziges Land der Welt würde jemals auch nur auf Idee kommen einen Historienfilm zu drehen, der die eigene Geschichte in ein negatives Licht rückt. Der Film macht das im Prinzip ja schon (Katharina sagt die Tiroler wären mit ihrem Aufstand selbst an den Gräueltaten schuld, die die Franzosen verüben, sag mal gehts noch?) Und sie werfen dem Film noch vor, er demontiere den Mythos zu wenig??? Mal im Ernst, wieso soll die "zurückgebliebene" Lebensweise der Tiroler auch nur kritisiert werden? Sie ist das Produkt dieses Landes, der Umwelt, die dieses Volk geprägt haben und damit auch Teil seiner Kultur. Wie mich das ankotzt, dass kulturelle Blüte immer mit wirtschaftlichem Forschritt gleichgesetzt wird. Die Ideen der Aufklärung in allen Ehren, aber sie einem Volk aufzuzwingen, ihre Lebensweise dann als schlecht und rückständig zu bezeichnen ist mindestens genau so faschistisch wie die Idealisierung der Figur im Nationalsozialismus selbst.






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