Berberian Sound Studio

Vom Erdolchen der Melone: Peter Strickland hat eine Hommage an die Geräusche im Kino geschaffen und als Horrorfilm verpackt.

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Einer der ältesten und bis heute wirkungsmächtigsten Vorwürfe gegen die Filmkunst ist, dass Filme den Zuschauer in eine passive Rolle drängen, weil Bilder die menschliche Vorstellungskraft abstumpfen lassen. Im Kino sehen alle das Gleiche, jedem Leser eines Buches aber erscheint etwas anderes vor seinem inneren Auge. Während der Kinobesucher also konservativen Kulturkritikern zufolge zum bloßen Teil einer stumpfen Masse wird, bleibt dem Leser seine Individualität erhalten.

Wer so argumentiert, dürfte noch nie einen Horrorfilm gesehen haben. Denn dieses Genre lebt ja oftmals gerade von der Unsichtbarkeit, von der im Bild fehlenden Information. Peter Stricklands Berberian Sound Studio (2012) zelebriert das Unsichtbare im Kino nun in gleich zweifacher Form.

Gilderoy (Toby Jones) ist ein verklemmter Mittfünfziger, der extra aus Großbritannien nach Italien eingeflogen wird, weil er als einer der Größten seiner Zunft gilt. Gilderoy ist Foley Artist – er produziert Filmgeräusche. Wenn er den Flug eines UFOs vertonen will, zieht er eine Glühbirne über eine Küchenreibe. Im Miteinander mit seinen Kollegen gibt es allerdings auch mal Störgeräusche: Gilderoy ist schwer genervt – von der Distanzlosigkeit der Italiener, ihrer für ihn unverständlichen Sprache, dem tyrannischen Produzenten, dem abwesenden Regisseur und davon, dass die Erstattung seiner Reisekosten immer wieder verschoben wird.

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Außerdem hat die Produktionsfirma ihm verschwiegen, dass es sich bei dem Projekt um einen eher niveaulosen Giallo handelt. Dieser spezifisch italienischen Form zumeist billiger Horrorproduktionen aus den 1970er Jahren erwies zuletzt der großartige Experimentalfilm Amer (2009) seine Reverenz. In Berberian Sound Studio ist der blutige, stilechte Vorspann jedoch so ziemlich das Einzige, was wir von Il Vortice Equestre – dem Film-im-Film – zu sehen bekommen.

Stattdessen beobachten wir, wie Gilderoy die Stengel von Radieschen ausreißt, mit einem Fleischermesser auf Salatköpfe einsticht und Melonen auf den Fußboden schmeißt, um die Gewalt auf der Leinwand zu vertonen. In der Sprecher-Kabine üben derweil junge Schauspielerinnen angsterfüllte Schreie, bis sie heiser sind – eine ältere Darstellerin wiederum macht undefinierbare Knurr- und Fauch-Laute, um eine aufwachende Hexe in Geräusche zu übersetzen. Die Grimassen der Beteiligten sind dabei ebenso schauerlich wie die erzeugten Töne.

Als eine Mitarbeiterin aus Rache alle Tonbänder zerstört und sämtliche Aufnahmen nochmal gemacht werden müssen, zehrt das an Gilderoys Nerven. Seine unterdrückte Wut, der Stress im Studio und die brutalen Bilder, die er sich bei der Arbeit immer wieder anschauen muss, lassen ihn einem Wahn verfallen, in dem sich Film und Realität vermischen: Figuren aus Il Vortice Equestre attackieren Gilderoy, der Brite spricht plötzlich Italienisch, ein idyllisches Landschaftsfilmchen aus seiner Heimat findet seinen Weg auf die Leinwand, und schließlich verbrennt das Zelluloid im Projektor.

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All das lässt sich wahlweise als Übergang in eine Traumlogik oder als völliges Entgleisen des Films verstehen. Narrativ rattert und quietscht es dabei etwas, da die Erzählung ziemlich abrupt zum Stehen kommt und weder einen Abschluss noch Erklärungen oder gar eine Lösung liefert. Als Gesamtwerk fechten solche Marginalien Berberian Sound Studio jedoch nicht an. Denn das doppelte Gelingen von Peter Stricklands künstlerischem Konzept ist vom Plot ziemlich unabhängig.

Zum einen macht Strickland das sonst Unsichtbare sichtbar. Der Filmtheoretiker Jean-Louis Baudry hat einst darauf hingewiesen, dass die technischen Aspekte des Films stets vor dem Zuschauer versteckt werden, um die Illusion einer konsistenten filmischen Welt aufrechtzuerhalten. Der Ton spielt dabei eine entscheidende Rolle, trägt doch gerade Musik dazu bei, Schnitte zu verbergen, indem sie die Sequenzen vor und nach dem Cut verbindet. Indem Strickland nun die Arbeit der Foley Artists zeigt, holt er den monatelangen, extrem kleinteiligen Prozess der Postproduktion aus dem Verborgenen. Wie wichtig die staunenswerte Kreativität der Geräuschemacher für Filme ist, wird nicht zuletzt daran deutlich, dass wir den Klang eines Messers, das in eine Melone sticht, für ein authentischeres Erdolchungsgeräusch halten als den tatsächlich bei einem Messerangriff entstehenden Ton .

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Zum anderen macht Strickland das sonst Sichtbare unsichtbar. Wer Horrorfilme kennt, weiß, welche Suggestivkraft besonders Schreie haben. Viele Bilder wären ohne die Schreie der Opfer weitaus weniger furchterregend. Berberian Sound Studio enthält uns die Bilder aus Il Vortice Equestre vor, lässt uns aber die komplementären Geräusche hören. Der Giallo läuft also nicht auf der Leinwand, sondern in unseren Köpfen ab – und so sieht jeder Zuschauer plötzlich auch im Kino etwas anderes. Mit Hilfe der Foley Artists gibt uns Peter Strickland unsere Vorstellungskraft zurück.

Trailer zu „Berberian Sound Studio“


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