Ben X
Ein in der Schule gemobbter Jugendlicher zieht sich immer mehr in ein Computerspiel zurück, bis die Grenzen zwischen beiden Welten für ihn verschwimmen. Am Ende des Debütfilms steht ein Neustart.
Wenn Filme von Videospielen erzählen, dann zumeist aus kulturpessimistischer Sicht. Da sind die Daddler, wenn sie nicht gleich den dritten Weltkrieg heraufbeschwören (Wargames, 1983), vereinzelte Sonderlinge, die von der Spielerei am Bildschirm ihres eigentlichen Lebens beraubt werden. Ben X schlägt nur an der Oberfläche einen ähnlichen Ton an. Er nimmt die Videospielkultur aber sogar wesentlich ernster, als es die ebenfalls zahlreich existierenden Spiel-Verfilmungen à la Silent Hill (2006) tun: Die Pixelwelt wurde nicht von der Spezialeffekteabteilung nachgebaut, sondern direkt im Spiel selbst aufgenommen.
Das Online-Multiplayer-Spiel „Archlord“ ist für den 17-jährigen Ben (Greg Timmermans) Zufluchtsort. Der leicht autistische Junge, der in der Schule auf sadistische Weise gehänselt wird, beginnt jeden Tag damit, den Computer anzuschalten und seine Spielfigur von Schlacht zu Schlacht zu führen. Er spielt, wie er aus dem Off betont, auf Level 80, sein zweites Leben funktioniert im Gegensatz zum ersten problemlos. Der Film vermischt drei Ebenen: zunächst die Computergrafik des Online-Spiels, dann die subjektiv aus Bens Sicht gefilmte Realität, in der schnelle Zooms auf Details in den Gesichtern der Mitmenschen und eine offensive Handkamera die Trennlinien zwischen ihm und seiner Umwelt deutlich machen, und schließlich Sequenzen aus einem vermeintlichen Dokumentarfilm. Darin blicken seine Mutter (Marijke Pinoy), sein Lehrer und ein Psychologe als Interviewte auf die Geschehnisse zurück – und deuten allesamt eine noch kommende Katastrophe an. Es wird immer erst etwas unternommen, wenn es zu spät ist, lautet hier das – vielleicht zu sehr betonte – Mantra.
Die neuen Medien wie Handy und Computer zeigt der Film durchweg als ein zweischneidiges Schwert. Das Videospiel ermöglicht Ben einerseits, seine inneren Stärken nach außen zu bringen, andererseits verstärkt es gerade seinen autistischen Rückzug in sich selbst. Das Handy ist für ihn ein nützliches Mittel zur Kommunikation, weil es kein direktes Gegenüberstehen erfordert, aber andererseits machen sich auch seine Peiniger die neue Technologie zunutze. Bens Demütigungen werden mit der Handy-Kamera gefilmt und ins Internet gestellt – ein recht neues Phänomen innerhalb der langen Geschichte jugendlicher Grausamkeiten. Aus dem Handy aber kommt auch eine rettende Stimme, das Mädchen Scarlite (Laura Verlinden), das Ben aus „Archlord“ kennt und das ihn nun auch im wirklichen Leben treffen will. Menschliche Nähe, auch das macht Ben X so besonders, erwächst dem Jungen gerade aus der sonst als angeblich isolierend kritisierten Online-Welt.
Der belgische Regisseur und Drehbuchautor Nic Balthazar ist ein Journalist und Schriftsteller, der mit Ben X seinen ersten Film gedreht hat. Vorlage war sein eigenes Jugendbuch Nichts war alles was er sagte (Niets Was Alles Wat Hij Zei, 2002), das die wahre Geschichte eines Schülers erzählte, der Selbstmord begeht. Die filmische Umsetzung ist für einen Debütregisseur erstaunlich stilsicher, wenn auch manche visuellen Elemente arg überstrapaziert werden. Dass die gesamte Geschichte besonders zum Ende hin sehr pädagogisch gerät, lässt sich auf die Herkunft aus einem Jugendbuchstoff zurückführen.
Wie ein Schleier legt sich die Computerästhetik auf Bens Wahrnehmung und lässt den Weg zur Bushaltestelle ablaufen wie eine Begegnung mit einem feindlichen Ritter in „Archlord“. Der morgendliche Blick in den Spiegel ist begleitet von einem Bildschirmfenster, wie sie in Computerspielen zur Charaktergenerierung verwendet werden. Ist die Realität für Ben überhaupt erkennbar? Wäre sie es, würden seine grausamen Mitschüler ihn nicht aus ihr ausstoßen?
Die Katharsis erfolgt anders als erwartet, dafür in einer intelligenten, effektvollen Inszenierung, in der Schuld und Einsicht in eine Utopie eines anderen Miteinanders münden. Ben, aber auch seine Umgebung erhalten eine neue Chance. Es ist ein Neustart. Ein weiteres Leben, wie in einem Computerspiel.
Filmkritik von Thorsten Funke
Veröffentlicht am 30.04.2008
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Film-Angaben
Titel: Ben X
Schreibweise auf Plakat: BenX
Belgien, Niederlande 2007
Laufzeit: 90 Minuten
Regie: Nic Balthazar
Drehbuch: Nic Balthazar
Produktion: Peter Bouckaert, Erwin Provoost
Bildgestaltung: Lou Berghmans
Montage: Phillippe Ravoet
Musik: Praga Khan
Darsteller: Greg Timmermans, Laura Verlinden, Marijke Pinoy, Pol Goossen, Titus De Voogdt, Maarten Claeyssens
Kinostart: 08.05.2008
DVD-Angaben
Titel: Ben X
Vertrieb: Kinowelt Home Entertainment
Bild: 1,78:1, 16:9
Sprache(n): Deutsch (DD 5.1), Flämisch (DD 5.1)
Untertitel: Deutsch
Altersfreigabe: ab 12 Jahren
Spieldauer: 89 Minuten
Extras: Making of; Interviews; Alternative Szenen; “Die Weltpremiere beim Filmfest Montréal"; Teaser & Trailer; Fotogalerie; Texte zum Film
Verleih ab: 14.10.2008
Verkauf ab: 21.11.2008
Copyright Ben X
Fotos: © Kinowelt
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