Bella e perduta – Eine Reise durch Italien

Was passiert, wenn die Masken fallen? Pietro Marcello verbildlicht einen Abgesang auf die Conditio humana aus der Sicht eines verwaisten Büffels.

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Und das Herz blieb stehen, an Heiligabend. Der Büffelhirte Tommaso Cestrone, der in Bella e perduta porträtiert werden sollte, starb an einem Tag, der eigentlich seit jeher für eine Geburt steht. Mitten in den Dreharbeiten stand auf einmal alles infrage. Ursprünglich ging es im Film darum, wie Tommaso sich der Pflege eines baufälligen, verlassenen Palastes verschreibt, in dessen Atrien sein Ziehkind, ein junger Büffel, weidet. Nach dem Tod des Hirten wurde das Tier zu seiner Personifikation, ein Büffel kurzerhand zur neuen Hauptfigur. Dieser unvorhersehbare Clou prägt Bella e Perduta. Davon abgesehen ist der Film von Regisseur Pietro Marcello eine elegische Reise und facettenreiche Einführung in einen ganz speziellen süditalienischen Weltschmerz.

Die allgemeine Zerstörung der Kultur

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Aus dem Off bekommt der Büffel dabei eine Stimme verliehen, er denkt, schaut durch die Gatter auf die Wiesen und sinniert über den Verfall, der hier allgegenwärtig scheint. Der maskierte Narr Pulcinella, eine bekannte Figur aus der italienischen Commedia dell’arte, nimmt sich nach Tommasos Tod des Büffels an. Die beiden walten von nun an über den alten bourbonischen Königspalast in der Nähe von Neapel, der in seinem verwitterten Pomp niemanden zu interessieren scheint. Die mafiöse Korruption im Umland verhindert jedes Engagement zu dessen Revitalisierung. Kurze Found-Footage-Passagen vom Protest gegen die Mafia durchbrechen immer wieder die meditative Bilderwelt und prangern etwas an, das sich am besten in einer ganz großen Geste beschreiben lässt: die allgemeine Zerstörung der Kultur. Bella e perduta ist ein abendlicher Film, ein Abgesang auf das Alte, auf das, was schon da ist: Schön und verloren, bella e perduta. Dieser Zweiklang wird zum Sinnbild für ein Italien, das mit seiner Obsession für die Vergangenheit nicht zurechtkommt.

Eine Archäologie des Lebens

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Last und Lust der Vergangenheit gehen in Bella e perduta eine sehr bedeutungsschwangere Liaison ein. Doch vielleicht ist es gerade der unerwartete Glücksgriff des menschgewordenen Büffels, der den Film öffnet und ihm Energie verleiht. Lange blicken wir in die starren, bisweilen panischen Augen des Tieres und fühlen uns unweigerlich an Robert Bressons Klassiker Zum Beispiel Balthazar (Au hasard Balthazar, 1966) erinnert, der die Leidensgeschichte eines Esels als christlichen Passionsweg nachzeichnet. Das Tier lädt all die Sünden der Menschen auf sich, getreten, geschlagen, verkauft – am Ende steht immer der Tod. So auch beim Büffel in Bella e perduta: Als männliches Tier ist er für die Produktion von Mozzarella nutzlos und soll schließlich an den Schlachthof verkauft werden. Doch selbst im Tod bewahrt er sich jene Unschuld des Tieres, die eine Archäologie des Lebens freilegt: Marcello filmt antike Höhlenmalereien ab, auf denen schon Büffel zu sehen sind. Das Tier wird zum Symbol ewiger Wiederkehr.

Überfordernde Symbolik

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Im Gestus erinnert Bella e perduta auch an das Werk Andrei Tarkowskis, dieses großen Kulturpessimisten, der zu Italien ebenfalls eine ganz besondere Beziehung pflegte. Das Land war für ihn Ort der Sehnsucht und Inbegriff von europäischer Kultur. Gleichzeitig wurde es zum Ort der Diaspora des in der Sowjetunion geschmähten Künstlers. Nostalghia (1983) spiegelt diese Empfindungen wider und durchwandert ein ebenso verfallenes Italien, wie wir es in Bella e perduta zu sehen bekommen. Das alles klingt sehr bedrückend. Nur der Narr Pulcinella bewegt sich unter seiner venezianischen Maske traumwandlerisch durch die Szenerie, er verkörpert so etwas wie ein kollektives Bewusstsein: Dass wir gemeinsam Verantwortung für unsere Taten tragen, das ist so etwas wie die zentrale Botschaft des Films. Bis man zu diesem Punkt gelangt, kann es aber ein weiter Weg sein. Denn ohne kulturelles Vorwissen kommt Bella e perduta in all seiner erzwungenen Symbolik etwas überfordernd und betont intellektuell daher. Selbst der Untergang will also gelernt sein und darf nicht irgendwie vonstattengehen. Diesen Abgesang auf den Menschen zelebriert Marcello innerhalb selbst gesetzter Normen von Fabulierlust, Schönheit und Ästhetik. Es entsteht ein durch und durch eigenwilliger Film, im Guten wie im Schlechten.

Trailer zu „Bella e perduta – Eine Reise durch Italien“


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