Belated

Von der gottgleichen Erscheinung eines Gastes der Familie.

Jesus ist als Gast auf unsere Erde gekommen, um die frohe Botschaft von Gottes Wirken zu verkünden und vom Heil zu predigen. So verkündet es die christliche Botschaft. In der Filmgeschichte wurde der Gast nicht selten sexualisiert, sein Körper als das Fremde fetischisiert und der erotische Sinnestaumel nicht weniger zum universalen Heilsversprechen verklärt.

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„Dieser Gast ist gekommen, um zu zerstören.“ Mit diesen Worten enträtselt Pasolini seinen Film Teorema – Geometrie der Liebe (Teorema, 1968). In seinem Meisterwerk hat der Besucher keinen Namen, er heißt einfach Gast. Und bliebe man dem Mystizismus Pasolinis treu, so ließe sich sodann behaupten, dass selbiger auch gar keinen Namen haben dürfte, so wie es das zweite Gebot über den Namen Gottes lehrt. In Belated (Deshora) hat der Gast einen Namen, er heißt Joaquin, und trotzdem repräsentiert er eben jene zerstörerische Kraft, jene Heiligenfigur, die Pasolini als Definition des Besuchers gesetzt hat: der Gast als Typus, als epistemologische Idee, als Vollstrecker des latenten Triebs, als das Wort Gottes.

Unendlich lassen sich die Parallelen zwischen Teorema und Belated denken, begreifen sie doch beide den Fremden als Messias, doch in einem Punkt unterscheiden sie sich grundlegend. Joaquin hat keine Ahnung von seiner heiligen Erscheinung. Er ist eben jene archaische Urgestalt, wie sie sonst in den Werken Pasolinis zu Wort kommt, ohne dass sie jemals den fundamentalen Gehalt ihrer Wörter selbst durchdrungen hätte. Es ist die Grimasse eines omnipotenten Schöpfers, die der Fremde in Teorema über sein Gesicht gleiten lässt, wenn er nach und nach die gesamte Gastgeberfamilie und ihr Hausmädchen verführt. Seine Gesichtszüge skizzieren das Selbstverständnis seiner betörenden Allmacht. Anders Joaquin, der Nacht für Nacht im Türspalt steht und zusieht, wenn Helena, seine um Jahre ältere Cousine, mit ihrem Mann Ernesto Sex hat. Er wäre ein miserabler Voyeur, ginge es ihm nur darum zuzusehen. Tatsächlich aber ist er, der da im Hintergrund beobachtet, der eigentliche Akteur im Sexualleben seiner Gastfamilie. Wenn sich ihrer aller Blicke kreuzen, wird ihr leidenschaftsloser Beischlaf zur glühenden Ekstase. Ihm aber ist dieser Herrschaftsanspruch über alle Erotik nicht ins Gesicht geschrieben. Seine Blicke über ihre Körper verraten vielmehr seine Gier, sich dieser Herrschaft zu ermächtigen. Ein Messias, der es werden will und bis dahin seinen Namen nicht ablegen darf.

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Belated steht eindeutig in einer filmischen Erzähltradition: der Gast, der in die Privatsphäre anderer eindringt, der die hermetische Schutzhaut der Familie aufschlitzt und Intimität und Sexualmoral von innen verwüstet. Umso zielsicherer setzt Barbara Sarasola-Day dieses prominente Narrativ in einen eigenen ästhetischen Korpus. Belated ist ein ständiges Spiel zwischen unmissverständlichen Bildern der Erotik und einer Dramaturgie der vagen Andeutung. Ein Spiel, das sich spätestens in den Hahnenkampfszenen bis ins Groteske verschiebt. Wie fanatisch stehen die Männer um den Ring, während zwei wildgewordene Hähne aufeinander losgehen und sich gegenseitig zerfleischen. Sie setzen Geld, brüllen sich an und merken dabei nicht, dass es nicht der Kampf ist, der sie wachrüttelt, sondern der homosexuelle Akt zwischen den Hühnervögeln, der stellvertretend für ihre unterdrückten Triebe einsteht.

Es ist eine brutale Homosexualität, die einzig denkbare für die ländliche Herrengesellschaft. „Ein Mann muss schießen können“, sagt Ernesto zu Joaquin, als dieser sich weigert, auf Tiere zu zielen. Tatsächlich aber steckt in diesem Satz mehr als nur der archaische Urtrieb des Jagen und Sammelns. Ernesto doziert förmlich eine Kulturgeschichte der männlichen Gewalt, eine Gewalt, die erregt und homosexuelles Begehren erst im Schmerz erkennt. Eine Liebe zwischen Werwölfen, die in ihrer wütenden Eigenart zu ebenso wütenden Reaktionen und Konsequenzen führt, wenn der Exzess verklungen ist.

Bei Pasolini konnte der Gast am Ende noch triumphieren, seine Mission war erfüllt, er konnte gehen und Scham und Scherben hinterlassen. Joaquin aber, als Gast, als Projektionsfläche für den brutalen Akt, kann sich am Ende nicht aus der Affäre ziehen. Er war doch immer nur ein Halbgott.

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