Before Midnight – Kritik

Wenn die Sonne einmal weg ist.

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Wenn man sich als Liebhaber der einzigartigen Before Sunrise (1995) und Before Sunset (2004) nicht vorab über den Inhalt des dritten Teils der Geschichte von Jesse (Ethan Hawks) und Céline (Julie Delpy) informiert hat, dann sind bereits die ersten Minuten von Before Midnight ein Schock. Schließlich gab es vor diesem dritten Film fast keinen einzigen Moment zwischen den beiden – weder bei ihrem ersten Treffen vor 18 Jahren in Wien noch bei ihrem Wiedersehen neun Jahre später in Paris –, bei dem wir als Zuschauer nicht dabei gewesen waren.

Als Jesse nun seinen Sohn aus erster Ehe zum Flughafen bringt und zu seiner zweiten Familie zurückkehrt, zu Céline und zwei engelsgleichen Zwillingsmädchen, die im Film glücklicherweise nur eine ausgesprochen kleine Rolle spielen, fühlt man sich fast ein wenig betrogen angesichts der vielen Jahre, die wir verpasst haben. Jesse ist nach dem Ende von Before Sunset also tatsächlich in Paris geblieben und hat sich von seiner Frau getrennt, um mit Céline zusammenzuleben, dabei schienen sich die beiden in diesem letzten Film doch noch einig: „We’re only good at brief encounters.“ Jetzt fahren sie mit zwei schlafenden Kindern auf der Rückbank durch eine griechische Landschaft, und es dauert nicht lange, bis die wichtigen Fragen der weiteren Lebensplanung zum ersten Streit führen. Jesse denkt laut über eine Rückkehr nach Chicago nach, um näher bei seinem Sohn zu sein, Céline über ein attraktives Jobangebot in Paris. Wir sind zu spät, und Linkalter scheint uns gerade noch zu erlauben, dem Todesstoß beizuwohnen und die Ruinen einer großen Kinoliebe zu betrauern.

Before Midnight 01

Im ersten Teil von Before Midnight philosophieren Céline und Jesse mit dem befreundeten Schriftsteller, der sie nach Griechenland eingeladen hat, und anderen Gästen über das Leben und die Liebe. Auch wenn der große Ausbruch hier noch bevorsteht, ist der veränderte Ton schon schmerzlich spürbar, wenn ein frisch verliebtes Mädchen Jesse und Céline nach der Geschichte ihres Kennenlernens befragt. Es ist ein Außen eingedrungen in das Verhältnis der beiden, sie sprechen nicht mehr miteinander, sondern mit anderen Menschen übereinander. Sie entwickeln keine Beziehung mehr, sondern müssen über eine scheinbar längst zu Ende entwickelte Beziehung Auskunft geben.

Im zweiten Teil sind sie dann unter sich, doch auch wenn die Intimität einer ausgedehnten Wanderung zunächst in einer leidenschaftlichen Hotelnacht zu enden scheint, befinden wir uns bald darauf in einer wahren Schlacht. Es wird nämlich nicht „nur“ geredet, wie es mit Bezug auf die Before-Filme so gerne augenrollend bemängelt wird. Es wird geliebt und verachtet, angegriffen und verteidigt, verwundet und verarztet. Diese Schlacht ist brutal, weil sie vor dem Hintergrund eines gemeinsamen und dabei stetig schwindenden Lebens stattfindet, nicht mehr im Unwissen über ein mögliches Wiedersehen, das die Momente in Before Sunrise und Before Sunset so einzigartig gemacht hat.

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Mit der Verschiebung von verliebten Annäherungen zu einer deprimierenden Eheschlacht hält auch das Gesellschaftliche Einzug in die bislang so streng abgeriegelte romantische Welt, die Linklater seinen beiden Helden in den ersten Filmen geschenkt hat. In Before Midnight entpuppt sich die Hoffnung, dass die Intimität einer leidenschaftlichen Liebe diesem Gesellschaftlichen äußerlich ist, als Illusion. Während Jesse über der verpassten Kindheit seines Sohns verzweifelt, erscheint in den ehrlichsten Sätzen Célines die Bitterkeit einer überforderten Mutter von Zwillingen durch, die neben dem eigenen Beruf auch dem erfolgreichen Schriftsteller ein familiäres Umfeld bieten muss und nur noch beim Toilettengang Zeit zum eigenen Denken findet. Auf diese Weise konfrontiert mit den bekannten Widrigkeiten und Widersprüchen des Lebens, können wir uns nicht mehr gemütlich auf der Seite eines verliebten Paares einrichten, sondern müssen eigentlich fortwährend Partei ergreifen. Dabei wird der mitunter etwas sehr genüssliche Rückgriff auf pointierte Sprüche des smarten Jesse wohl zur Folge haben, dass in den meisten Kinos mehr mit Jesse gelacht als mit Céline geweint werden wird. Überhaupt funktioniert Before Midnight nicht mehr in allen Aspekten so gut wie seine Vorgänger – ist damit aber fast wieder ein passender Ausdruck für eine von etlichen Narben gezeichnete Beziehung.

Before Midnight 04

Before Sunrise war ein Film des Verliebens und des Genießens, Before Sunset ein Film des Wiedersehens und der bitteren Reflexion, an dessen Ende eine Entscheidung stand. In Before Midnight nun müssen Jesse und Céline mit dieser Entscheidung leben. Es ist ein bitterer Film geworden über Zwänge und Notwendigkeiten, über längst versperrte Pfade und eingegangene Kompromisse, nach deren Alternativen man sich nun sehnt.

Jesses letzter Versuch einer neuerlichen Annäherung nach der Schlacht von Before Midnight scheint zwar nicht ganz hineinzupassen in das, was noch kurz zuvor wie das sichere Ende einer Ehe klang, schlägt aber eine schöne Brücke zu einem längst vergangenen Moment im Zug nach Wien und zeigt, dass dieser Film nicht für sich stehen kann. Als Jesse Céline zu Beginn von Before Sunrise überredet, mit ihm in Wien auszusteigen und ihm in den Stunden vor seinem Rückflug Gesellschaft zu leisten, überzeugt er sie mit einem Gedankenexperiment: Céline würde später, wenn sie längst eine anstrengende Ehe führt, an diesen Moment zurückdenken und sich fragen, wie es wohl gewesen wäre, mit dem Fremden auszusteigen – ein Experiment, das mit den zwei anderen Filmen ad absurdum geführt wurde, weil aus dem Fremden die Ehe geworden ist.

Before Midnight 05

Before Midnight ist natürlich nur in Bezug zu den Vorgängern ganz zu fassen, Teil eines Gesamtwerks, das mehr ein Film in drei Kapiteln ist als eine Trilogie. Doch bei den schönsten Momenten im Kino denken wir nicht an ein Werk, beim Verlieben nicht an die Möglichkeit eines gemeinsamen Lebens. Und deshalb wünscht man sich insgeheim zurück vor den Sonnenaufgang oder zumindest vor den Sonnenuntergang – selbst wenn man jetzt weiß, wie die Nacht dahinter aussieht.

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Kommentare


marcus becker

„Noch da – noch da – noch da. (Lass Dich nicht von der Scheiße blenden)!“

Es ist für den Zuschauer sicher nicht bequem, zu erleben, wie das lieb gewonnene Filmpaar feststellen muss, dass es nun in einem Alter ist, wo man mitten im Leben steht. Wo aus der Sehnsucht nach dem Leben viele kleine zersplitterte Lebensansprüche geworden sind. Wo es mehr um Kompromisse geht als um Freiheit, mehr um die Verantwortung für sich selbst und das Leben geliebter Menschen als um romantische Ideale. Unbequem sind auch die dazugehörigen Partnerrollen, die man nicht mehr einfach so abstreifen kann, und für die man fast zwanghaft Geschlechterrollen bemüht, in denen der Film dann – wenn auch augenzwinkernd – ein wenig stecken bleibt. Die Zuschauer im Kino schmunzeln beim anfänglichen Tauziehen der beiden um die Definition der eigenen Lebensrolle und sie schämen sich fremd, als sie schließlich Zeuge einer sehr intimen Eskalation werden müssen.

Doch welche Erlösung liegt in eben dieser Unbequemlichkeit! Denn bietet das filmische Dialog- und Echtzeitprinzip nicht geradezu den Anlass für die Eskalation? Und haben wir nicht genau auch auf den Film gewartet, der mit denselben filmischen Mitteln wie zuvor, die Liebesgeschichte der beiden in ein Drama verwandelt? In der hervorragend gespielten und eingefangenen Hotelzimmerszene sind Mann und Frau nicht entzweit oder gar hoffnungslos, ganz im Gegenteil: Sie geraten so richtig aneinander. Möglicherweise handelt es sich hier um den schönsten negativen Liebesbeweis, den es in der Filmgeschichte je gab! Man muss nur hinsehen, wie Jesse und Céline überhaupt nicht verlernt haben miteinander zu kommunizieren. Ob sie zuvor im Auto fahren, spazieren gehen oder sich schließlich streiten – die wirkliche Katastrophe, nämlich die Verstummung, bleibt aus. Eher setzt sich fort, was die Figuren schon immer so sympathisch gemacht hat: Sie haben sich etwas zu sagen. Diesmal endlich auch in aller Deutlichkeit. Das Zaghafte ist vorüber, ebenso das Verheißungsvolle. Zwei Filme lang durften die Zuschauer der kostbaren Gegenwart der beiden beiwohnen, nun ist die Gegenwart zwar kaum weniger kostbar, doch ist sie jetzt weder zaghaft noch verheißungsvoll. Sie wirkt abgeklärt und man stellt sich die Frage: Sieht es so aus, wenn das Leben die Sehnsucht verschluckt hat? Wenn der Alltag die Idylle eingeholt hat? Ist „Before Midnight“ ein bitterer Film?

Nein, es ist kein bitterer Film. Denn die Gelegenheit, die Liebesbeziehung auf die Schlachtbank zu führen, nutzt er nicht. Sie zu nutzen, würde angesichts der Kraft der Dialoge ohnehin zu bemüht wirken. Und so besteht die Leistung von „Before Midnight“ darin, dem positiven Grundthema der Trilogie – dem Glauben an die Kraft der Liebe – treu zu bleiben. Was es dafür braucht, sind selbstverständlich keine Ferienidylle, Elternstolz oder leidenschaftliche Sexszenen, sondern eine heraufbeschworene Gefahr für die Liebe. Und natürlich etwas, dass diese bannt, etwas Bedeutendes: ein Opfer! Und das gibt es! In jenem zynisch gestalteten Sonnenuntergang, der Schlüsselszene des Films, bleibt einem das Lachen im Halse stecken, als klar wird: Hier geht nicht nur ein Tag im viel zu malerischen Griechenland zu Ende, hier geht gleich das ganze längst überkommene Klischee der ewigen Liebe unter, das dem Leben nicht standhält. Die Liebe besteht nämlich aus Etappensiegen – jede Etappe ist wie eine Erdumdrehung; nichts ist endgültig! Und so fließt das Leben eigentlich auch nicht dahin wie ein Film, sondern bewegt sich spiralförmig verengend auf die Liebe zu. Das Leben wird gelebt und die Liebe muss mitziehen – eigentlich sogar, ob sie will oder nicht. Den Beweis hierfür wird Jesse, als der vielleicht etwas zu wendig geratene Schriftsteller und Berufsromantiker, dann auch erbringen. Mit viel Humor, Hingabe und langem Atem rettet er nicht nur den Tag, sondern erkennt auch treffsicher die verloren geglaubten Ansprüche seiner vom Alltag erschöpften Céline. Das Drama um die Liebe entscheidet er für sich. Und für Céline gleich mit. Aber wer will es ihm verübeln? Ist sie doch sein Lebensthema – mehr noch: sein Wirklichkeit gewordenes Lebensthema. Das Credo des Films scheint zu lauten: Die Liebe soll in Gefahr geraten, aber sie soll auf keinen Fall an der Realität zerbrechen, komme da – außer einer zu schnulzig dargestellten Realität – was wolle.

Hier gelingt, was anderen Filmen über die Widrigkeiten der Liebe (wagt man es zu vergleichen mit z.B. Ingmar Bergmans „Szenen einer Ehe“, Maren Ades „Alle anderen“ oder Michael Hanekes „Liebe“) fehlt: Realitätssinn und Optimismus gleichermaßen in Schwingung zu versetzen. Und zwar so, dass sie sich verbinden. Fazit: Mit der Trilogie haben Linklater und die beiden Schauspieler Delpy und Hawke es nicht nur vollbracht, ein einfühlsames Portrait von zwei liebenden Menschen zu schaffen, die sich auf der Welt wie im Beziehungsleben finden, verlieren und wiederfinden müssen, sondern auch, durch das schwierige Gewässer des Romantischen zu manövrieren. Die simple Erkenntnis lautet: Wenn du lebst, wie du liebst, kann dir nichts passieren. Wenn dein Traum eine Aufgabe geworden ist, hast du nichts falsch gemacht. Nur nicht blind werden dafür! Warten wir eine Dekade und möglicherweise geht der natürliche Zyklus aus Finden und Verlieren ja doch noch in eine neue Runde. Vielleicht sogar indem sich die Geschichte auf die Seite von Céline oder der für Céline verlassenen Frau schlägt? Herausforderungen für den Optimismus bietet das Leben ja zu genüge.

M.B.






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