Beeswax

Der neue, kaum genuschelte Beziehungsfilm des Mumblecore-Regisseurs Andrew Bujalski wird Linguistik-Studenten begeistern.

Beeswax

Es beginnt gleich mit einer Kommunikationshürde, viele weitere folgen: Eine junge Frau (Katy O’Connor) steht vor einem noch ungeöffneten Secondhand-Geschäft und redet durch ein geschlossenes Fenster auf die Inhaberin Jeannie (Tilly Hatcher) ein. Weil das wenig erfolgreich ist, öffnet ihr die Ladenbesitzerin schließlich die Tür, und es stellt sich heraus, dass Jeannies Mitinhaberin Amanda (Anne Dodge) die junge Frau als neue Aushilfe engagiert hat, ohne ihre Geschäftspartnerin zu informieren. Das Verhältnis zwischen Jeannie und Amanda ist seit einiger Zeit angespannt. Direkt kommunizieren die beiden kaum noch. Eher über Dritte und schlimmstenfalls per Anwalt, denn Jeannie befürchtet, von ihrer Freundin verklagt zu werden.

US-Autor und -Regisseur Andrew Bujalski bezeichnet seinen dritten Langfilm als „Justizthriller, für all diejenigen, die in dem Wort einen Widerspruch in sich sehen“. Und allzu viel Thrill sollte man als Zuschauer von der Handlung auch besser nicht erwarten. Wie schon in Bujalskis früheren Werken Funny Ha Ha (2002) und Mutual Appreciation (2005) liegt der Schwerpunkt in Beeswax erneut auf den Dialogen und Sprachspielereien. Spannung entsteht in erster Linie durch die Gesprächsmechanismen der Protagonisten. Wie sie sich mit Blicken, verschlüsselt oder gar nicht mitteilen. Wie sie das, was sie sagen, anschließend reflektieren und analysieren. Selbst ihre T-Shirts tragen Botschaften. Handys sind vor allem dazu da, Unterhaltungen zu unterbrechen oder sie zu verhindern, indem sie nicht funktionieren.

Beeswax

Alltagssprache ist so codiert und kompliziert wie Anwaltssprache, die Trennung vom Freund ähnelt einer Vertragsauflösung. Besonders knifflig wird es, wenn sich wie bei Jeannie und Amanda Privates und Professionelles vermengt. Der Filmtitel spielt auf die Redewendung „None of your beeswax“ – „None of your business“ an. Man will sich geschäftlich trennen und ist persönlich doch noch miteinander „verwachst“. Bujalski gilt zwar als Vertreter der Gemüter spaltenden, in deutschen Kinos kaum stattfindenden Indie-Bewegung Mumblecore, auf seinen neuesten Film passt das Etikett der Low-Budget-Nuschler aber nur zum Teil. 

Obwohl mit Laiendarstellern besetzt und im Slacker-Mekka Austin, Texas angesiedelt (wo schon Richard Linklaters Vorreiter abhingen), wurde Beeswax anders als die meisten Mumblecore-Produktionen nicht mit Digitalkamera gedreht. Dialoge und Situationen sind größtenteils nicht improvisiert, sondern vielmehr genau durchdacht und mitunter etwas zu konstruiert auf Spontaneität und Beiläufigkeit getrimmt. Dass Jeannie im Rollstuhl sitzt, wird wiederholt ins Geschehen integriert, aber nie explizit thematisiert oder gar problematisiert, ihre Auseinandersetzung mit Amanda nur minimal dramatisiert. Jeannies Ex- und neuerdings Wieder-Freund Merrill (Alex Karpovsky) hat ein Geschwulst an der Oberlippe, das ihn für jede Mainstream-Romanze disqualifizieren würde, hier aber perfekt ins Ensemble betont unperfekter Durchschnittstypen passt.

Beeswax

Bujalskis Figuren sind im Gegensatz zum klassischen Mumblecore-Slacker ungewöhnlich arbeitseifrig und ehrgeizig. Jedoch verläuft Merrills Vorbereitung auf eine Anwaltsprüfung oder die Suche von Jeannies Zwillingsschwester Lauren (Maggie Hatcher) nach einem Lehrerjob wieder ganz Mumblecore-mäßig ohne jegliche dramaturgische Zuspitzung oder klare Auflösung. Ob man dennoch Anteil an der höhe- und tiefpunktlosen Inszenierung nimmt, hängt wohl stark davon ab, wie sehr man sich als Zuschauer für passiv-aggressives Verhalten und mixed messages, Freud’sche Versprecher und Wortspiele wie den „Anal-Pathfinder“ und oder „Tai Chi“ anstelle von „Chai Tea“ begeistern kann.

Beeswax

Die verzwickten Verhaltensweisen und verborgenen Agenden der Protagonisten sind die eigentlichen Ereignisse von Beeswax. Bujalski versteht es, unter der ruhigen und unspektakulären Oberfläche seiner Umsetzung immer wieder atmosphärisch dichte Momente von Anspannung, Unsicherheit und Misstrauen im Zusammensein seiner Figuren durchscheinen zu lassen und demonstriert wie in seinen früheren Filmen ein geschicktes Händchen für Schauspielführung. Besonders die charismatischen Zwillingsschwestern Maggie und Tilly Hatcher erzeugen mit ihren unterschiedlichen Charakteren und Energien eine spannende Dynamik. In manchen Situationen wünscht man sich allerdings, die ständigen Ausartikulierer und Selbstreflektierer würden einfach mal die Klappe halten – wenigstens beim Küssen und nach dem Sex.

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