Bedingungslos

Ein guter Film noir beginnt mit einer schönen Frau und einem Geheimnis. Das behauptet zumindest Ole Bornedals Thriller Bedingunglos.

Bedingungslos

Genauer gesagt behauptet dies der Polizeifotograf Frank (Dejan Cukic) gegenüber seinem Kollegen Jonas (Anders W. Berthelsen), nachdem der durch einen Autounfall die Bekanntschaft mit Julia gemacht hat. Der Film widerlegt dann die Behauptung zumindest in der Hinsicht, dass nach Bedingungslos feststeht, dass ein Film, der mit einer schönen Frau und einem Geheimnis beginnt, kein guter Film sein muss – und auch ein Film noir ist Bedingungslos höchstens im allerweitesten und falschesten Sinne. Ole Bornedal, der 1994 den ordentlichen Thriller Nachtwache (Nattevagten) drehte und seither bis auf ein Hollywoodremake seines Erfolgsfilms wenig von Bedeutung vorlegte – letztes Jahr hatte seine Teeniegroteske Alien Teacher (Vikaren, 2007) einen kleinen Deutschlandstart –, versucht sich an einer Postmodernisierung der klassischen schwarzen Serie. Das heißt in diesem Fall aber nur, dass neben einem völlig missratenen Voice-Over-Kommentar auch die Figuren die Geschichte, in die sie geraten, reflektieren. Intelligenter macht das weder die Figuren noch den Film.

Julia (Rebecka Hemse) liegt nach dem Unfall, der wie manch anderes im Film technisch effektiv, weil mit viel Wucht, umgesetzt ist, zunächst im Koma und leidet anschließend unter Gedächtnisverlust. Jonas, der die Unbekannte nicht vergessen kann, besucht sie im Krankenhaus und schnappt dabei auf, dass sie seit kurzem mit einem Mann namens Sebastian zusammen ist, den ihre Familie noch nicht kennt und dessen aktueller Aufenthaltsort unbekannt ist. Bei seinem ersten Besuch im Krankenhaus wird Jonas die Identität „Sebastian“ fast aufgedrängt. Er nimmt sie an, probiert sie erst vorsichtig aus und stürzt sich dann Hals über Kopf in sie, auf Kosten seiner eigenen Ehe. Soll heißen: Jonas hat keine Lust mehr aufs Spießerleben mit zweimal Sex pro Woche und hätte lieber mehrmals pro Tag Sex mit der wilden Rucksacktouristin Julia. Deren Wildheit allerdings bleibt Behauptung beziehungsweise Nonkonformismusklischee der groberen Sorte. Wie dem auch sei, eine Zeit lang geht alles gut. Der echte Sebastian, so findet Jonas dank seiner Polizeikontakte heraus, liegt in Hanoi in einer Leichenhalle. Doch langsam beginnt sich Julia an ihre Vergangenheit zu erinnern. Und außerdem taucht ein mysteriöser Mann im Rollstuhl auf.

Bedingungslos

Bedingungslos übernimmt, so weit darf man dem Film beziehungsweise Frank recht geben, recht überzeugend die Handlungsstruktur des klassischen Film noir. Das ist dann aber auch alles. Ansonsten reduziert er dessen komplexe Figurenpsychologie um Wahnideen, beschädigte maskuline Subjektivität und Narzissmus auf banale Psychopathologie. Und Menschen reduziert der Film auf ihre Gesichter sowie – im Fall der Frauen – auf ihre Geschlechtsteile. Fast ausschließlich in Großaufnahmen montiert Bornedal seinen Film, der Hintergrund verschwindet konsequent entweder in der Unschärfe oder in den verspiegelten Glasflächen der tristen Architektur, die dem Film die Verkörperung des Spießerlebens ist. Die Eigenheiten der Welt, die der Film entwirft, sind zu vernachlässigen. Das ist in Bornedals Film keine These, sondern tatsächlich nur: Nachlässigkeit.

Ein wenig erinnert Bedingungslos stilistisch an das auch nicht immer leicht erträgliche Post-Dogma-Kino einer Lone Scherfig (Italienisch für Anfänger, 2000; Just Like Home, 2007). Doch bei Scherfig entspricht der aufdringliche Blick ins Gesicht der Darsteller einem naiven, bedingungslosen Humanismus, den man nicht mögen muss, aber als poetisches Konzept nachvollziehen kann. Bei Bornedal dagegen steckt dahinter das tumbe Kalkül einer zynischen Affektökonomie, die Einstellungsgröße mit Bedeutung verwechselt. Unterfüttert werden die Großaufnahmen mit jeder Menge Getöse auf der Tonspur und dramaturgischen Taschenspielertricks von Donnergrollen bis Kerzengeflacker.

Bedingungslos

Es gibt dann noch allerlei technische Spielereien: composite shots zum Beispiel, in denen zwei Großaufnahmen ineinander montiert werden, und immer wieder ausgedehnte Parallelmontagen, die mit Vorliebe Jonas’ wildes Julia-Abenteuer mit seinem drögen Ehealltag konfrontieren. Einmal unterlegt Bornedal eine solche Parallelmontage gar mit Vivaldis „Vier Jahreszeiten“. Bedingungslos ist ein Film, der nichts auslässt und sich nicht nur in dieser Szene gehörig im Tonfall vergreift.

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Kommentare


Jan

Ich muss dieser Filmkritik ganz klar widersprechen. Bin wegen der negativen Kritiken etwas mulmig in den Film gestartet und war nach 5 Minuten bis zum Ende durchgehend im Bann. Ich bin kein Filmkritiker und fange nicht an die kamerashots und die musik zu analysieren, war aber immer wieder positiv überrascht von der filmmusik und der optischen darstellung des ganzen. Die geschichte ist natürlich unwahrscheinlich, aber ich hab das allen abgenommen, weil einfach gut gespielt. Das einzige "unnötige" an diesem film sind tatsächlich die 2 oder 3 verweise das es sich um einen film noir handeln soll (im film), das hat der film gar nicht nötig. unglaublich fesselnd und emotional sehr nah an den figuren. Meine Meinung :-)
ich verstehe auch nicht wo der film sich im tonfall vergreifen soll, die vier jahreszeiten passen musikalisch einfach.. ob es ein "berühmtes" musikstück ist oder nicht ist letztlich egal..
j.






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