Beast

Christoffer Boes Arthouse-Horrorfilm schaut auf die dunkle Seite der Liebe.

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Bruno (Nicolas Bro) ist das, was man einen „Problembären“ nennen könnte. Der füllige, behaarte Mann wird nach und nach zu einem Wilden, zum titelgebenden Beast (2011). Schuld daran ist seine Liebe zu Maxine (Marijana Jankovic) – eine Liebe, die sich immer mehr zur Obsession entwickelt und Bruno von innen auffrisst. Schon während der gemeinsamen Wohnungssuche des anfangs glücklichen Paars nehmen erste Andeutungen den weiteren Handlungsverlauf vorweg. Bruno trinkt das aus einer kleinen Risswunde austretende Blut seiner Geliebten und raunt ihr mit manischem Gesichtsausdruck zu, dass er sie nun in sich spüre, in sich aufgenommen habe.

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Zeitsprung: Maxines Gefühle sind erkaltet. Der verzweifelte Bruno kämpft um sie, versucht sie mit Logik von der Bedeutung ihrer Beziehung zu überzeugen und fragt: „Wie kann ich dich dazu bringen, mich wieder zu lieben?“ Als er sieht, wie Maxine ihn mit dem gut aussehenden Valdemar (Nikolaj Lie Kaas) betrügt, facht dies das Feuer in Bruno noch zusätzlich an. Doch dann bricht er unter heftigen Magenschmerzen zusammen. Das psychische Leid am irreversiblen Verlust von Maxines Liebe zeitigt physische Auswirkungen. Als er erneut kollabiert und dabei Blut spuckt, beginnt Bruno vor sich und seinem zunehmenden Verlust an Selbstkontrolle zu erschauern: „Was ist da nur in mir drinnen?“ Es ist die Leidenschaft, die emotionale Spiegelung der triebgesteuerten Biochemie, die ihn die Zügel der Vernunft abwerfen lässt.

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Nicolas Bro spielt Brunos Wandel vom braven Lebensgefährten zur unberechenbaren Bedrohung mit beeindruckendem Körpereinsatz. Nackt steht er vor dem Spiegel und brüllt aus Leibeskräften, nachdem er das Blut Maxines getrunken hat. Er knurrt, stopft rohes Fleisch in sich hinein und lässt seine Gesichtsmuskeln zucken, als verstecke sich unter der Haut ein tobender Dämon. Gerade ein künstlich arrangiertes Treffen mit Maxines heimlichem Liebhaber verdeutlicht, wie nah Bruno am Rande des Wahnsinns steht. Sein Verhalten schwankt zwischen übertriebener Fröhlichkeit, ambivalenter Agitation und rasender Wut. Und Maxine scheint um die Obsessivität seiner Liebe zu wissen. „Du liebst so stark, dass du das zerstören musst, was du liebst“, sagt sie einmal.

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Beast deutet mit zahlreichen verkanteten Perspektiven an, wie Brunos Welt aus den Fugen gerät. Fragmentierende Details von als widerwärtig inszenierten Körperteilen – ein schreiender Mund mit Speichelfaden, aufgeschlitzte Haut, Maxines Milch und öliges schwarzes Blut absondernde Geschlechtsteile – verstärken diese Desorientierung noch. Die Liebe hat sich tief in Brunos Körper eingenistet wie ein Parasit, der ihn fernsteuert und zersetzt. So manifestiert sich das Scheitern der Liebe in Body Horror. Das sich erst langsam herausschälende Motiv der Schwangerschaft als Quelle albtraumhafter Fantasien erinnert visuell mitunter an brutale Genreware wie Inside (À l'intérieur, 2007), thematisch dagegen eher an David Lynchs Langfilm-Debüt Eraserhead (1977).

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Überraschend ist, dass Christoffer Boe (Reconstruction, 2003) den Bildern eine warme, gelblich-orange Grundierung gibt, statt das Erkalten der Gefühle mit einer blau-grauen Palette oder Brunos Eifersucht mit bedrohlich roten Tönen darzustellen. Wenn Kamerafrau Sophia Olsson immer wieder regenbogenartige Halo-Effekte integriert, indem sie mit Gegenlicht filmt, verstärkt das diese Behaglichkeit vortäuschende, den Zuschauer gezielt irreführende Stimmung noch.

Im negativen Sinne überraschend sind die vielen CGI-Sequenzen, die Boe in den Film einbaut. Bei den inside-body-shots mögen sie noch naheliegen, schließlich wäre das Körperinnere der Figuren, in dem das Blut förmlich kocht, mit realistischen Mitteln kaum darzustellen. Die animierten Landschafts- und Stadtbilder aber wirken lächerlich, weil gefaket und allzu glatt – sie stechen wie Fremdkörper heraus

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Etwas bedauerlich an diesem insgesamt überzeugenden Film ist zudem die schiefe Metapher des Titels, die Bruno in die Nähe des Tierischen rückt. Erstens ist sie biologisch und philosophisch fragwürdig, zweitens nimmt Beast die Anspielung auf Brunos animalische Triebe kaum einmal explizit auf. Sie scheint lediglich dazu zu dienen, den Handlungsverlauf bereits vorab zu skizzieren. Dabei hat Brunos psychische Desintegration gar nichts mit tierischem Verhalten zu tun. Ganz im Gegenteil: Sie entsteht aus einem Gefühl heraus, das man üblicherweise nur dem Menschen zuschreibt – der Liebe.

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