Beach Rats – Kritik

Filmfest Hamburg 2017: Nach ihrem tollen Debütfilm It Felt Like Love erhält sich Eliza Hittman ihren intimen Blick auf männliche Körper, verschiebt ihr Interesse aber auf ein Begehren, das sich verstecken muss. Das hat dramat(urg)ische Folgen für ihr Kino des Unsouveränen.

Beach Rats

„I don’t really know what I like“, oder auch mal: „I’m not really sure what I want.“ Solche Sätze sagt Frankie (Harris Dickinson) immer wieder, manchmal in einem Videochatportal namens „Brooklyn Boys“, aus dem Dunkeln seines Zimmer heraus, manchmal in der freien Wildbahn von Coney Island. Es ist mit dem Begehren so eine Sache in den Filmen von Eliza Hittman, im Coming-of-Age-Film überhaupt. Man sollte auch für den niemals plakativen Beach Rats dieses Label ruhig benutzen, darf damit nur kein Genre meinen, keine dramaturgische Blaupause, keinen Themenkomplex, sondern jenen Modus des unsicheren Begehrens, der nun einmal von der Adoleszenz nicht zu trennen ist, von jener Welt, in die man eben hineinkommt, zwar irgendwie aktiv, aber doch gedrängelt, gezogen, geschoben. Schon Hittmans erster Langspielfilm, It Felt Like Love, in der das Mauerblümchen Lila ihrer vorauspubertierenden besten Freundin hinterherhechelte, wusste, dass es in dieser Welt nicht einfach um neue Erfahrungen geht, die man macht, sondern zunächst um die Möglichkeit dieser Erfahrungen – und dass diese Möglichkeit zugleich Freiheit und Zwang bedeutet.

Ein Schrank voll Männer

Beach Rats  6

„Brooklyn Boys“ ist für Frankie so ein Möglichkeitsfenster für neue Erfahrungen, eine Webseite, die wie ein Relikt aus frühen Internetzeiten anmutet, die nicht state of the art ist, sondern eher einsteht für die schöne neue Welt des World Wide Web als solcher. Frankie traut dem Braten aber noch nicht. Er führt jenes klassische Doppelleben, das wir gelernt haben mit der Metapher des Closets zu begreifen. Draußen, in Coney Island, driftet er mit den Homies über die Promenade, sitzt kiffend am Strand, checkt die Girls ab, und zu Hause wartet ein virtueller Schrank voller Männer, die ihn abwechselnd aus dem Bildschirm heraus fordernd anblicken. Na, was willst du denn nun? Treffen wir uns? Frankie weiß doch auch nicht.

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Auch weil männliche Passivität nie so richtig Hochkonjunktur hatte im Kino, ist dieser wort- und gestenkarge Harris Dickinson mit seinem adonishaften Körper ein faszinierender Protagonist, von Kamerafrau Hélène Louvart liebend gern in den Blick genommen. Und auch von Simone (Madeline Weinstein), die ihn während des wöchentlichen Feuerwerks an der Strandpromenade anspricht. Eine kurze Meinungsverschiedenheit über den romantischen Gehalt von bunten Raketen, auch so eine Szene, die eine Brücke baut zwischen dem sehr konkreten Setting im Süden von Brooklyn und der Welt der Blicke und Körper, für die sich Hittman so hingebungsvoll interessiert. Frankie lässt den Flirt mit sich machen, ist ja noch geschützt durch die Clique, aber Simone will mit ihrem Fang bald allein sein, die Jungs verstehen und ziehen ab, Frankie versteht auch, möchte aber eigentlich lieber nicht. Die Nacht wird entsprechend awkward, der im Sterben liegende Vater wird am Folgetag zumindest eine glaubhafte Entschuldigung liefern. Der Vater stirbt aber wirklich, und Frankie ist wirklich betroffen deshalb. Es gibt in Beach Rats zwar immer wieder diese scheinbar praktisch daherkommenden Plotelemente, sie sind aber stets mehr als nur Funktion. Auch Simone, deren Nähe Frankie weiterhin suchen wird, ist im Folgenden nicht einfach Zier der Fassade, um dahinter ungestört zu surfen, sondern durchaus Objekt ehrlicher Zuneigung.

Auf zur Klimax?

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Beach Rats wird sich zuspitzen, und gerade im Vergleich zu Hittmans erstem Film scheint das etwas quer zu liegen zur intimen Körperlichkeit des Ganzen. Es liegt ein wenig vielleicht auch in der Natur der Sache, in den fundamentalen Unterschieden zwischen den beiden Filmen. In It Felt Like Love ging es letztlich um Lilas Wunsch nach Normalität, ums Dazugehören, um die Angleichung von erforderter und erlebter Erfahrung, die Kluft lag zwischen genormtem Soll- und erlebtem Ist-Zustand. Hier nun geht es weniger um ein zeitliches Hinterher als um ein räumliches Nebeneinander, die bald tatsächlich gemachten Erfahrungen reiben sich an der Umgebung, in der sie nicht sein dürfen, nicht erzählt werden können. Frankie wird versuchen, dieses Nebeneinander aufzusprengen, die zwei Welten irgendwie so zu vereinen, dass er dabei möglichst unbeschadet rauskommt, eine Flucht nach vorn, und schon haben wir eine Klimax.

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Es ist aber nicht nur die zunehmend starke Präsenz des Drehbuchs, die irritiert, sondern eben die Sicherheit, mit der dieser Film, der zwar kein experimenteller ist, aber ja doch einer übers Experimentieren, überhaupt auf etwas zuläuft. Was beide von Hittmans Filmen nämlich auszeichnet, ist nicht die erzählerische Souveränität, sondern eine Ästhetik des Unsouveränen, sowohl im Kamerablick auf die Körper wie auch in der Schauspielführung. Da gibt es ein Verständnis für die Möglichkeit, sogar für die Wahrscheinlichkeit des Scheiterns, ein Blick für die Klobigkeit des Seins, für die häufige Nicht-Sinnlichkeit des Sexuellen, für die konkrete Arbeit, die zu leisten ist, wenn sich zwei Körper wie im Film synchronisieren wollen, und eben für all das, was nicht geht, was nicht klappt und was jenseits der Möglichkeiten liegt, was nicht vollzogen werden kann, sondern höchstens fantasiert und verbalisiert wird, oder noch nicht einmal das. „I don’t really know what I like.“ Der Film, und das ist das Schöne, weiß es auch nicht, Frankie, da musst du schon selbst durch.

Trailer zu „Beach Rats“


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