Be With Me

Erik Khoo verbindet fiktive und dokumentarische Elemente zu einem fein gewebten, episodisch erzählten Quasistummfilm. Mit zwei Jahren Verspätung erreicht ein Kinokleinod aus Singapur Deutschland.

Be With Me

Jede Einstellung eine (und nur eine) Information für den Fortgang der Geschichte, jedes Gesicht eine (und nur eine) Emotion oder eine kommunikative Geste. Be With Me zelebriert seinen Minimalismus zuerst auf der unmittelbarsten Ebene seiner Filmsprache, dem Bildaufbau. Doch auch der Rest des Werkes ist diesem Prinzip verpflichtet. Erik Khoo verzichtet fast vollständig auf Kamerabewegungen und auf Dialoge. Der erste gesprochene Satz findet sich nach über zehn Minuten, und im Folgenden bleibt der Film vor allem eines: leise. Teilweise verzichtet Be With Me minutenlang vollständig auf jegliche aktive Gestaltung der Tonspur, auf die urbane Geräuschkulisse ebenso wie auf musikalische Begleitung. Die wenigen Geräusche, Dialoge und sanften Klaviermelodien, die dann doch irgendwann die Stille unterbrechen, wirken natürlich umso effektiver.

Erst recht spät taucht in Be With Me die eigentliche Hauptfigur auf. Theresa Chan spielt sich selbst. Die Singapurerin, deren Autobiografie dem Film als Vorlage diente, ist taubblind, aber nicht stumm, Chan besitzt mit weitem Abstand die meisten Dialogzeilen. So zeichnet Khoo anschließend ihren vom Kampf mit der eigenen Behinderung geprägten Lebensweg nach und nutzt dafür direkte Zitate aus seiner literarischen Quelle, die als Schriftbild auf der Leinwand Be With Me begleiten und kommentieren. Selbstverständlich erhält die eigentümliche Stille, die den gesamten Film von Anfang an prägt, nun einen völlig neuen Status. Weniger geht es allerdings darum, direkt die Perspektive der Hauptfigur einzunehmen, als um einen Akt des Respekts des Regisseurs gegenüber Theresa Chan.

Be With Me

Gleichzeitig rücken durch den Auftritt Chans und den Wechsel in einen zumindest teilweise dokumentarischen Modus die unterschiedlichen Handlungsstränge des ersten Filmabschnitts in ein anderes Licht. Denn bevor sich der Film der Geschichte der Taubblinden zuwendet, erzählt er einige lose miteinander verknüpfte Episoden aus dem modernen Singapur, die rückwirkend bereits vor deren Erscheinen auf die Behinderung Chans verweisen: Unter anderem geht es um die Freundschaft zweier Mädchen (Samantha Tan und Ezann Lee), die sich nach und nach in eine melodramatische, SMS-lastige Liebesgeschichte verwandelt und um den Wachmann Fatty Kho (Seet Keng-yew), der sich auf der Suche nach Liebe befindet, aber sich nicht traut, seine Angebetete Ann (Lynn Poh) anzusprechen. Die einzelnen Handlungsstränge konstruieren unterschiedliche Modi der Kommunikation, die nie unproblematisch sind, jedoch auch nie vollkommen scheitern.

Der Stil des Films – dessen einzelne Elemente so neu und außergewöhnlich nur innerhalb der sehr engen Grenzen der deutschen Kinoverleihstrukturen erscheinen können – lässt sich gut mit dem von dem Filmwissenschaftler David Bordwell geprägten Begriffs „asiatischer Minimalismus“ fassen. Sein Kollege James Udden identifiziert sogar ein eigenes Genre des „Panasiatischen Kunstkinos“, welches durch eine extreme Reduktion der filmischen Mittel gekennzeichnet ist. In der Tat wirkt Be With Me teilweise wie eine Kreuzung aus Wong Kar Wais Erzählstrategien und Tsai Ming Liangs Melancholie, verbunden allerdings mit dem dokumentarischen Twist, welcher dem Werk eine ganz eigene Note verleiht. Nicht verwechseln sollte man Be With Me jedoch mit antonionischem Entfremdungskino der europäischen Sorte. Die Sprachlosigkeit ist bei Khoo stets eine buchstäbliche, von der eigenen körperlichen Konstitution oder den unmittelbaren Umständen diktierte, die nicht automatisch auf die existenzielle Einsamkeit des modernen Subjekts verweist.

Be With Me

Genausowenig hat Be With Me mit neueren episodischen Erzählstrategien zu tun, wie sie sich beispielsweise in Babel (2006) oder L.A. Crashl (Crash, 2004) artikulieren. Zwar überschneiden sich auch bei Erik Khoo die Erzählstränge in einigen Passagen, und am Ende kollidieren sie in nicht in jeder Hinsicht überzeugender Art und Weise. Aus diesen Verknüpfungen leiten sich jedoch nie soziologische oder im Fall von Babel gar globalökonomische Behauptungen ab.

Ganz im Gegenteil ist Be With Me ein erfreulich bescheidenes Stück Kunstkino, dessen emotionale Schlagkraft sich ausschließlich aus dem Stoff der eigenen Erzählung herleitet, und das ansonsten vor allem den Versuch unternimmt, die Formsprache des Stummfilms zu evozieren. Befreit vom Ballast der Tonspur gewinnen die Bilder an Leichtigkeit und Autonomie. So springt Khoo assoziativ zwischen den einzelnen Handlungssträngen hin und her, moduliert den Rhythmus des Films in der Montage gekonnt und erzielt so hypnotisch anmutende Effekte, die in ihren gelungensten Ausprägungen tatsächlich an die poetische Kraft des späten stummen Kinos anschließen. Auch das hyperexpressive, fast pantomimische Spiel einiger Darsteller, allen voran Seet Keng-yew, erinnert bisweilen an diese längst vergangene Epoche der Filmgeschichte. Und wie in einigen der schönsten Werke dieser Zeit sind sich auch in Be With Me die Bilder, zumindest in einigen Abschnitten, selbst Botschaft genug.

 

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